Treffpunkt für historisch Interessierte

Geschichtseck soll nach coronabedingter Pause wieder regelmäßig öffnen

Wieder Leben im Geschichtseck: Walter Schäfer (von links), Karl-Heinz-Stier, Christiane Weingärtner und Albert Dewald öffnen nach lange Pause wieder.
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Wieder Leben im Geschichtseck: Walter Schäfer (von links), Karl-Heinz-Stier, Christiane Weingärtner und Albert Dewald öffnen nach lange Pause wieder.

Christiane Weingärtner und Walter Schäfer haben jüngst an der Lessingstraße nach einer Ewigkeit das Geschichtseck des Geschichtsvereins wieder für den Publikumsverkehr geöffnet. Ab August soll es in gewohnten Bahnen weitergehen, so wie vor der Pandemie. Das bedeutet, nicht nur Mühlheimer können jeden ersten Freitag eines Monats zwischen 15 und 18 Uhr vorbeischauen, um etwa die Expertise von Weingärtner zu nutzen. Sie ist in der Lage, handschriftliche Briefe in Sütterlin und Altdeutsch zu entziffern.

Mühlheim – Manchmal spiegeln Banalitäten bedeutende historische Ereignisse wieder. Weingärtner berichtet von den 1200 Briefen ihres Großvaters, ein damals schon älterer Offizier, den die Reichswehr während des Ersten Weltkriegs aus der Pension zurück kommandierte und fernab der Front in Kiel stationierte. In den Hungerzeiten muss der Mann an einer Nahrungsquelle gesessen haben, denn in einem Brief schreibt er seiner Frau, er achte jetzt immer darauf, die Fresspakete nach Hause nicht mit über zwei Kilo zu packen, „sonst werden sie Dir nicht gebracht und Du musst sie auf der Post abholen“. In Opas Notizbuch fand Weingärtner einen Namen mit Adresse. Dahinter notiert: „Sie haben mich gerettet.“ Während des Kieler Matrosenaufstands im November 1918 stand ein Offizier bei den Mannschaftsdienstgraden nicht hoch im Kurs. Weingärtner vermutet, „die Leute hatten ihn versteckt“.

Im Geschichtseck schauen auch die Mitglieder Peter Mayer und Hans-Peter Schwenger vorbei. Der Ehrenvorsitzende Albert Dewald übergibt dem Vorsitzenden Karl-Heinz-Stier eine Braun Filmkamera Super-8. Die bekam Dewald wiederum von Peter Wulff für den Fundus des Geschichtsvereins vermacht. Wulff sitzt im Vorstand des Verkehrs- und Verschönerungsvereins als Kassenwart.

Die Kamera dürfte gut sechzig Jahre alt sein. Damals galt das Aufnahmegerät mit dem Haltegriff als ähnlich schick wie ein Cabriolet. „Sie kostete etwa 800 Mark“, schätzt Dewald. Ein Haufen Geld in einer Zeit, als der monatliche Durchschnittsverdienst bei 500 DM lag. Dewald agierte früher selbst als Amateurfilmer, nahm etwa 1983 das erste Mühlheimer Altstadtfest auf.

Während der vergangenen anderthalb Jahre lagen die Aktivitäten des Geschichtsvereins nicht gänzlich brach. Im Sommer des vergangenen Jahres initiierten Technikfachmann Bruno Schmück und Walter Schäfer mit einem restaurierten Leiterwagen eine historische Heuernte, von der die Ausgabe der „Mühlenpost“ berichtet, die der Geschichtsverein im März herausgab. In dem Heft findet sich auch ein Bild des Schildes mit der Aufschrift „Großherzogliche Bürgermeisterei Dietesheim“, das in der heutigen Thomas-Mann-Straße einst am Amt hing. Das Geschichtszeugnis tauchte 1983 bei Bauarbeiten auf, ging später aber wieder verloren. Karl-Heinz Stier erzählt vom Plan, für die drei Mühlheimer Ortsteile entsprechende Schilder originalgetreu zu reproduzieren und an historischer Stelle anzubringen.

Auf der Agenda des Vereins steht auch eine Veranstaltung im Schanz. Das Vorhaben hängt mit der Schaufensterdekoration von Angelika Loewenhain und Gerda Brinkmann im Geschichtstreff an der Offenbacher Straße zusammen. Das Thema: die 1920er Jahre. Zu sehen ist auch ein Bandodium. Stier kennt einen in Frankfurt lebenden Argentinier, der das Instrument beherrscht. Der Geschichtsverein plant, den Mann für einen Abend zu buchen, um in die Historie des Tangos einzuführen.

In der Dependance an der Lessingstraße gibt es Neues zu sehen. Der Obertshausener Winfried Keller übergab dem Geschichtsverein zwölf historische Waagen, darunter auch ein Teil, von dem die wenigsten wissen, dass es so etwas gibt: eine Eierwaage. Walter Schäfer erklärt, in Zeiten vorindustrieller Eierproduktion habe sich so am Gewicht erkennen lassen, „ob in dem Ei ein Küken steckt“. (Von Stefan Mangold)

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