„Ums Zugpferd-Areal wird es kritisch“

Forstamtsmitarbeiter informieren Mühlheims Stadtverordnete über Zustand des Waldes

Mühlheims Förster Knud Dockendorf und Forstamtsleiter Melvin Mika erläutern, den Zustand des Waldes und warum es reine, natürlich gewachsene Eichenwälder nicht geben kann.
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Mühlheims Förster Knud Dockendorf und Forstamtsleiter Melvin Mika erläutern, den Zustand des Waldes und warum es reine, natürlich gewachsene Eichenwälder nicht geben kann.

Zu einer Waldbegehung im Kontext des Waldwirtschaftsplanes für 2021 hatte Stadtverordnetenvorsteher Harald Winter Parlamentsmitglieder, Verbandsvertreter und Bürgermeister Daniel Tybussek eingeladen. In Anwesenheit der kommunalpolitischen Prominenz erläuterten drei Förster die aktuelle Lage.

Mühlheim – „Die Deutschen sind tief vom Wald bewegt“, heißt es in einem US-Reiseführer aus den 1970er-Jahren. Doch die Wälder des Landes befinden sich durch die Dürre der vergangenen drei Jahre in einem bedenklichen Zustand. Melvin Mika, der vor kurzem als Hessen jüngster Forstamtsleiter in Langen begann, spricht das an, was sich von Autobahnen aus besonders gut betrachten lässt, „ganze Fichtenflächen sind tot“. Ursächlich sei der Diplodia-Pilz, erläutert der 29-Jährige. Bei Hitze und Trockenheit sterben dessen Triebe. Davon ernährt sich ein Erreger, der wiederum der Kiefer zusetzt. Auch der Zustand der Buchen sei miserabel. Deren dünne Rinde sei nun ein Problem, „wenn die Sonne drauf knallt, platzt die auf“. Schädlinge bekommen so freien Zugang.

Beim Startschuss am ehemaligen Forsthaus, wo längst der Verein Zugpferd sitzt, betont der städtische Förster Knud Dockendorf, dem Mühlheimer Wald gehe es noch relativ gut. Die Kiefern seien zwar befallen, es gäbe jedoch die Chance, „dass sich Resistenzen bilden“. Den Bereich um das Zugpferd-Areal sieht der 32-Jährige jedoch in einem besonders kritischen Zustand. Etliche Bäume müssten demnächst weichen.

Reine Eichenwälder kommen in der Natur nicht vor

Der Weg führt über die Lämmerspieler Straße Richtung Osten. Dockendorf erläutert den mehr als dreißig Zuhörern, reine Eichenwälder kämen in der Natur von sich aus nicht vor. Die langsam wachsende Baumart brauche viel Licht. Unter alten Eichen könnten junge nicht gedeihen „Selbst wenn es mal viele davon gibt, nach drei Jahren sind alle hin“, führt Michael Löber aus, Vize-Leiter des Forstamts in Langen und zuständig für die Holzwirtschaft. Nur durch ständigen Schnitt um die Bäume könnten Eichen in gebührlichem Abstand nebeneinander wachsen.

Quasi wie Unkraut sprießen derweil die Gewöhnliche Traubenkirsche oder der Götterbaum, der ursprünglich aus China und Vietnam stammt. Momentan mühen sich die Förster noch, diese zu entfernen. Doch Löber entwirft ein Szenario, das einstige Flächen klassischen Baumbestands als mehr oder weniger kahl beschreibt, „nur noch Brombeerhecken“. Unter diesem Umstand wären Traubenkirsche und Götterbaum besser als nichts. Löber berichtet von Überlegungen, hierzulande anpassungsfähige Bäume wie die aus Nordamerika stammende Roteiche oder die eher im südlichen Teil Europas verbreitete Edelkastanie zu pflanzen.

An der „Krummen Schneise“ erläutert Knud Dockendorf, warum er den Bewuchs am Wegesrand nicht einfach stehen lassen kann, „wenn es brennt, kommt die Feuerwehr nicht durch“. Das Gleiche gelte bei Unfällen für Rettungswagen.

Unwägbare Voraussetzungen für Waldwirtschaftsplan

Michael Löber betont nebenbei, die Leute sollten sich genau überlegen, ob es sinnvoll ist, am Waldrand ein Haus zu bauen. Anfangs erfreue sie die Nähe zur Natur, bis sie bemerkten, dass Bäume nach oben wachsen und Äste mitunter über die Liege, auf der man es sich gerne kommod mache. Dann folge nicht selten der Anruf beim Amt, „der Baum muss weg“.

Im Waldwirtschaftsplan rechnet Löber für 2021 mit Einnahmen aus Holzverkauf in Höhe von 29 000 Euro. Dem gegenüber stehen Ausgaben von 76 200 Euro. Ein städtischer Zuschuss von 47 200 Euro sei demnach notwendig. Letztlich handelt es sich aber um eine Variante von Kaffeesatzleserei. Löber konstatiert: „Die Erstellung eines Waldwirtschaftsplanes erfolgte noch nie unter derart unwägbaren Voraussetzungen.“ (Stefan Mangold)

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