Schande und Schampus

Umweltstammtisch sammelt Müll am S-Bahnhof

Mühlheim - Der Mühlheimer Umweltstammtisch sorgt dafür, dass es rund um den Bahnhof wenigstens vorübergehend nicht aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. Etwas tröstliche Feststellung: Die Menschen schmeißen in diesem Gebiet weniger Müll in die Gegend als früher. Von Stefan Mangold 

Beim morgendlichen Blick am Samstag aus dem Fenster hätte wohl mancher gewettet: Bei dem Sauwetter kommt bestimmt niemand. Den Müll zu entsorgen, den andere hinterlassen haben, gilt schon bei Sonnenschein nicht als erhabene Arbeit. Die Wette wäre aber verloren gegangen. Trotz des Regens schafft es der Mühlheimer Umweltstammtisch, 14 Leute zu motivieren, auf der Süd- und Nordseite der S-Bahn-Station Eimer und Säcke zu füllen. Das sind sogar mehr als letztes Mal. Und Dr. Peter Mayer, einer der Protagonisten, findet sogar mehr als einen positiven Aspekt am lausigen Wetter. Die Erbsensuppe für die vielen Dutzend Helfer, die nach der Ermunterung durch die Stadt parallel im Dietesheimer Naherholungsgebiet unterwegs sind, habe er sich nun wirklich redlich verdient.

Am Rand des Parkplatzes Richtung Lämmerspiel packt Dr. Ullrich Kamuf mit dem Greifer ein Kaugummipapier und eine Kippenschachtel nach der anderen. Er ist natürlich genauso wenig der Typ, der etwas achtlos fallen lässt, wie die anderen Mitglieder des Umweltstammtischs, der sich vor 15 Jahren gründete. Das tippt jedenfalls Bernd Klotz beim Reinemachen. Für den Bahnhof ist dieses Jahr sogar eine positive Tendenz festzustellen: Der gemeine Passant schmeißt dort nicht mehr so viel in die Gegend.

Etwas Abfallstatistik darf’s da schon sein, um den Eindruck zu bestätigen: Im März und im April 2015 sammelten die Freiwilligen vor allem auf der Südseite noch insgesamt 380 meist kleine Flaschen auf, mit denen sich wohl eher Männer auf dem Weg von der S-Bahn nach Hause das Gemüt mit Getränken wie Jägermeister, Unterberg und Kleiner Feigling erhellten. In diesem Jahr scheint der Durst stark nachgelassen zu haben. „Wir haben nur noch ganz wenige Fläschchen in den Eimern“, sagt Dr. Peter Mayer.

Zudem scheint sich der der Geschmackssinn heimwärts ziehender Bürger im letzten Jahr massiv verfeinert zu haben. Jedenfalls auf der Nordseite, wie der Fund der Packung einer Flasche der Marke Moët & Chandon andeutet. Der Schaumwein gilt ja nicht gerade als Fusel. Die leere Champagner-Flasche ist allerdings unauffindbar. Udo Laps, der frühere Geschäftsführer des Abwasserverbandes, betätigt sich derweil dezent illegal. Er sammelt Abfall von den Treppen, die zum Bahnuntergang führen. Das dürfte er nicht, weil er sich auf einem Gebiet der Deutschen Bahn befindet.

Rhein-Main: Hier liegt der Müll am Straßenrand

Bei der meldet sich immer wieder Rudolf Helpensteller mit der Bitte, den Bahnhof zu säubern. Es sähe dort oft „widerlich und unanständig aus“. Aber Helpensteller geht es da ähnlich wie Bürgern und Politikern vieler Kommunen: Wer dem einstigen Börsenunternehmen in spe Eingaben über seine heruntergekommenen und unappetitlich wirkenden Areale zusendet, muss keine echte Angst haben, beim Empfänger blinden Aktionismus auszulösen. „Wo Dreck liegt, werfen die Leute Dreck hin“, beobachtet Helpensteller.

Den Wohlstandsmüll sammeln mit Jürgen Melzer, Elke Gamer-Dölker und Wolfgang Dölker auch Mitglieder der methodistischen Gemeinde mit ein. Ebenso wie Özlem und Haydar Dogan vom Freundeskreis der Flüchtlinge, von dem schon beim Putztag in der St. Markus-Gemeinde einige Leute geholfen hatten. Anfangs hatte sich Bürgermeister Daniel Tybussek bei allen für ihren Einsatz bedankt.

Warum Menschen aus ihrer Heimat fliehen, wird auch an dem Tag klar: Helpensteller schickt einen syrischen Flüchtling wieder heim, der helfen wollte. Ihn beschäftigen heute aber ganz andere Dinge. Am Tag zuvor fiel sein Schwiegersohn im heimatlichen Bürgerkrieg Schüssen zum Opfer.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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