Mühlheims Industriegeschichte

Die unbekannte Größe

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Schon ein bisschen größer als in Großmutters Nähkorb: Solche Dimension von Garnrolle sind natürlich nicht für den Hausgebrauch. Beim Vortrag über die Industriegeschichte Mühlheims bei der Firma Dienes spann Dr. Claus Spahn den Faden vom Kinderherd zum Apparatebau.

Mühlheim - Es gibt diese Mühlheimer Namen, die kennen innerhalb Mühlheims wenige und außerhalb viele. Dienes zum Beispiel. Das Unternehmen für Apparatebau genießt in der großen Geschäftswelt einen erstklassigen Ruf.

Ihr Vorbild war die Natur. Schon 2600 Jahre vor Christi Geburt züchteten die Chinesen Spinnen und Seidenspinnraupen, um Endlosfäden für die Textilproduktion zu gewinnen. Ihr Monopol verteidigten sie lange durch den Bau ihrer berühmten Mauer. So funktioniert das auf der globalisierten Welt heute natürlich nicht mehr, erklärt Steffen Müller-Probandt, seit 2003 Geschäftsführer und jetzt auch Eigentümer der Firma Dienes an Mühlheims Philipp-Reiss-Straße. Das Unternehmen für Apparatebau öffnete sich gerade für die Öffentlichkeit. Anlass war die Einladung von Dr. Claus Spahn vom Geschichtsverein, der bekanntlich ein Faible pflegt für die Industriegeschichte der Stadt und für das Hin und Weg kleiner Traditionsläden. Wirtschaftsingenieur Müller-Probandt erkannte ein „Ehemaligentreffen“, waren doch viele frühere Mitarbeiter gekommen. Spahn rollte die Biographie der „hochinnovativen Firma mit weltweiten Kontakten“ auf, die den Namen Mühlheims selbst in entlegenen Ecken des Erdballs bekannt macht.

Mühlheim und seine Mühlen waren einst Basis für den Dienes-Aufstieg. Die Hildebrandsmühle wurde anno 1576 als Holzmühle errichtet und war nach dem Krieg Firmengelände. Das aufblühende Ledergewerbe suchte immerzu nach Ausbreitungsmöglichkeiten, benötigte Wasser und Energie. Da boten sich die Mühlen an. Verschiedene Betriebe kauften die Mühlen auf, die Firma Eppstein aus Frankfurt zum Beispiel errichtete an der Rodau eine Gerberei. 1908 wurde sie von der Firma Thomson aus Offenbach übernommen, die eine Dampfkesselanlage einbaute. „Sie wurde mit Teeröl betrieben“, lehrte Dr. Spahn, „und schon damals waren sehr ernst zu nehmende Umweltschutzmaßnahmen vorgeschrieben“. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden weitere Gebäude errichtet, es entstand „einer der schönsten Industriebauten“, erinnerte der Historiker. 1932 wurde die Anlage geschlossen, 1940 zog die Offenbacher Schraubenindustrie, OSI genannt, ein, die derzeit auch im Stadtmuseum vorgestellt wird.

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Die Herstellung von Aluminium und Emaille wurde elektrifiziert. Schaltanlagen und Komponenten für den Funk mussten in den Kriegsjahren für die Wehrmacht produziert werden. Nach dem Krieg begann Fritz Dienes auf dem Gelände am Müllerweg, die Bevölkerung mit Pfannen, Töpfen und Besteck zu versorgen. Ein Kinderherd, der sehr großen Anklang fand, dürfte noch auf so manchem Speicher schlummern. Vielleicht unentdeckt. Noch in den 1940er Jahren knüpfte Dienes Kontakte zu den Farbwerken Hoechst, baute Schaltanlagen und Steuerungssyteme für die Textilindustrie, forschte zunehmend an Heiztechnologien für die Herstellung von Polyamidfasern. 1968 folgte die Eingliederung in den Honeywell-Konzern, in den 80ern verteilte sich die Produktion auf Werke in Offenbach, Maintal und Obernburg.

2006 kam Dienes zurück nach Mühlheim. Die Firma entwickelt heute Maschinen für die Faserentwicklung, Steuerungssysteme und Schmelzspinn-Anlagen. „Wir wollen den Faden dahin bringen, wo er behandelt werden kann“, erläuterte Müller-Probandt. Im Unternehmen forschen 40 Mitarbeiter an der Garnbeschichtung, der Optimierung der Karbonfaser und der Lösungsmittelaufbereitung. Anlagenmodule spinnen, waschen, verstrecken, trocknen und wickeln auf, die Maschinen sind an den „roten Füßen“ zu erkennen. „Wir haben kaum Bodenhaftung, sind international aufgestellt“, verdeutlichte der Geschäftsführer. „Aber es macht auch Spaß, lokale Kontakte zu pflegen“.

M.

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