Diebstahl am Hansteinweiher

Verlust zum Luftschnappen

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Michael Binge mit einem der Pontons.

Mühlheim - An Orten, an denen sich Vandalen ausgetobt haben, sind die schlimmsten Schäden oft an dem zu sehen, was man nicht sieht. Richtiger: nicht mehr sieht. Von Marcus Reinsch

Im Fall des vom Angelsportverein gepachteten Hansteinweihers im Dietesheimer Naherholungsgebiet, wo Anfang dieser Woche ein sogenannter Oberflächenlüfter verschwand, ist der mutmaßliche Tatort nur noch an wenigen Überresten erkennbar. Die Enden von zwei langen Metallstangen, die den Lüfter gehalten hatten, ragen noch aus dem Wasser. Vom Rest der Konstruktion kaum eine Spur. Einen der blauen Schwimmkörper haben die Angler mittlerweile gesichtet. Die beiden anderen wie Zwergen-Surfbretter aussehenden Pontons sind weg. Ebenso das daran befestigte Schaufelrad, das Sauerstoff in den bei der Backofenhitze unter Dauerstress stehenden See wirbelte, und der für den Dauerbetrieb eingekapselte, ölgelagerte Elektromotor. Geklaut? Abgesoffen? Michael Binge, der ASV-Vorsitzende, kann nur Vermutungen anstellen und den Schaden beziffern: Belüfter dieser Leistungsklasse gibt’s nicht im Baumarkt, eine neuer kostet rund 2000 Euro. Die hat der gemeinnützige Verein nicht gerade in der Portokasse. Ein Problem, dem sich der Vorstand in den nächsten Tagen widmen wird.

Was hinzukommt, ist die Angst, dass der See bei einem schlagartigen Wetterumschwung umkippen könnte, weil die sauerstoffreichere untere und die schon mit Lüfter ziemlich sauerstoffarme obere Wasserschicht verwirbeln würden. Plus die Auffrischung der Erkenntnis, dass Naherholung in Dietesheim manche Zeitgenossen offenbar nicht entspannt. Binge vermutet hinter dem Lüfter-Verlust nicht schwächelndes Material, sondern den schwächelnden Charakter mindestens eines im Glauben an die Badequalitäten eines reinen Anglerweihers gestörten Menschen. Vor wenigen Wochen erst hatte der Verein beklagt, dass seine Anglerjugend am Vereinsweiher gar nicht mehr zum Angeln kommt, weil sich auf den Stegen und an den Lücken im Schilfgürtel rund um das Gewässer Leute auf Strandmatten und Handtüchern breitmachen - und im friedlichsten Fall nur mit unfreundlichen Worten zu verstehen geben, dass sie jetzt gerne ungestört sein würden. Verkehrte Welt, aus Perspektive des ASV und aus der ordnungsrechtlichen sowieso. Alle Seen im sensiblen Naherholungsgebiet genießen einen Schutzstatus, in keinem ist Schwimmen und Bootfahren erlaubt.

Alltag ist sogar am Hansteinweiher momentan genau das Gegenteil. „Letzte Woche hatten wir 20 Badende hier, mit Luftmatratzen. Die haben Wasserball gespielt und wussten gar nicht, was wir von ihnen wollten von wegen Badeverbot“, sagt Binge. Unkenntnis oder Ignoranz? „Fünfzig-fünfzig“, schätzt Binge. So oder so sind Folgen offensichtlich. Sonnenöl spült von den Badenden ins Ökosystem, rund um den Weiher sind ganze Uferstreifen plattgetrampelt, Scherben und Pizzakartons liegen herum, die von Zigarettenkippen gelbgesprenkelten Überreste eines knappen Lagerfeuer-Dutzends lassen Erstaunen zu, dass der Wald noch nicht abgefackelt ist. Und an vielen Büschen zeugt benutztes Klopapier von touristischer Vollausstattung.

Schüchternheit herrscht, wenn Angler auf Badende treffen, auf keiner Seite. Von mancher Reaktion ist Binge dann aber doch überrascht: „Mir hat einer gesagt, dass er hier ist, weil es an den anderen Seen schon so voll und bei uns so schön ruhig ist.“ Ein Kompliment, auf das der Anglerverein gerne verzichtet hätte. Ebenso wie auf die Androhung von Randale und den Verlust seines Belüfters. Der ASV hat Anzeige wegen Sachbeschädigung und Diebstahl erstattet. Zwangsläufig gegen Unbekannt. Falls die Polizei jemanden erwischt, wird der sich zumindest nicht rausreden können, dass er beim Spazierengehen aus Versehen über den Lüfter gestolpert ist. Der Blubberautomat war 30 Meter vom Ufer entfernt mitten auf dem See.

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