Mittelalter satt, wörtlich genommen

Den Löffel abgeben

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Häppchen gefällig? Für die Besucher gab es - frische - Kostproben aus dem Mittelalter.

Mühlheim - Die heutigen „Menschen im Mittelalter“ denken gar nicht daran, den Brotkorb höher zu hängen, die Tafel aufzuheben oder den Löffel abzugeben.

Dabei stammen gerade diese Aussprüche aus jener Epoche, die der gleichnamige Mühlheimer Verein Besuchern des Stadtmuseums mit seiner Ausstellung möglichst lebendig näher bringen will. Jetzt standen rund 40 Hungrige zwischen Puppen mit Beinlingen und Ritterrüstung, Kittel und Tunica, einen Teller in der Hand und den Blick auf den wohl genährten Gastgeber im längsgeteilten Wollkleid gerichtet. Die Freunde des 14. Jahrhundert plauderten „von Tischen und Tafeln“ und servierten dazu typische Speisen aus jener Zeit. Vereinsvorsitzender Ronald Vetter gab in seiner heiteren Art einen Einblick in die Rezepturen der einfachen, bäuerlichen Küche, aber auch in Leckereien der herrschaftlichen Burgen-Bewohner.

Erstmal gab’s einen Aperitif, einen Claree: Weißer Gewürzwein mit sieben Kräutern, darunter Nelken, Stern-Anis und Muskat in Honig und Rosenwasser. Sowas hatte damals mehr als Genussgründe. Der Konsum von Alkohol war schlicht notwendig, verdeutlichte Vetter, um das Wasser zu desinfizieren. Die Spezialität schmeckte ein bisschen wie Glühwein und fördere die Verdauung, lernten die Verkoster. Besaßen die einfachen Leute fürs anschließende Essen einen schlichten Holzteller und ihren eigenen Löffel – den sie beim Tod „abgaben“ -, speisten die Reichen von gedrehter und verzierter Keramik.

Darauf servierten im Stadtmuseum die Damen mit den Kopftüchern einen leckeren Hirsebrei. Im Mittelalter kannte man auch Versionen aus Gries und Hafer, die nicht weniger gesund waren. Nach dieser Bauernspeise - Erbsenmus-Bällchen - eingelegte Wintergenüsse, gekocht und passiert mit altem und zerdrücktem Brot und altem Käse, in Schweineschmalz gebacken. „Ganz lecker“, bewertete eine der Feinschmeckerinnen mit einem Pappteller in der Hand.

Dann schwenkte die Speisekarte um zur „hohen Festtagsküche“, zu den feinen Sachen der städtischen und adeligen Bevölkerung. Vetter kündigte eine Spinatpastete mit Rosinen auf Teig an, gefolgt von hartgekochten Eiern. Die übergossen die freundlichen Kellnerinnen mit einer dünnen, gelben Senfmehlsoße mit einer pikanten Note. Zum Höhepunkt des Mahls rief Vetter gleich drei Geschmackskomponenten auf. Zunächst Käsekrapfen mit Eigelb und Teig aus altem Brot. Mit Gewürzen verfeinert, wurden die Sattmacher im Ofen knusprig gebacken. Ihnen folgte der Schichten-Fleischeintopf „Marmonia“: Fleisch von Huhn, Schwein und Rind, klein geschnitten, mit Zwiebeln, frischem Ingwer, Madagaskar-Pfeffer, Zimt und Honig angebraten, im Tontopf mit Weißwein aufgegossen. Das Werk schmorte mehrere Stunden auf kleiner Flamme.

Mit dem Übermaß an Gewürzen zeigte man, dass man Geld hat, typisch fürs Mittelalter. Zum Dessert boten die Damen Waichselkirschen, wieder mit altem Brot, Wein und Gewürzen, gekocht mit Butter, an. Zum Finale folgte schwarzer Nougat in süßen Kugeln mit gebrannten Nüssen. Und als Digestif ein Hypokras – roter Gewürzwein mit viel Ingwer und Muskat, wie gehabt! „Die Tafel aufheben“ bedeutete übrigens, dass der Burgherr das komplette Tischbrett mit einem Gang drauf abtragen ließ, um Platz fürs nächste Brett, den nächsten Gang, zu schaffen. Die Mittelalter-Ausstellung, kündigte der Geschichtsverein an, ist bis zum 27. Februar verlängert. J M.

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