Anderthalb Kilo noch Eigenbedarf?

„Verstrahlter“ Drogen-Gärtner

Mühlheim - Alle Beteiligten durften sich beim Prozess vor Offenbachs Schöffengericht ziemlich sicher sein, dass der Angeklagte den Termin nicht sausen lässt. Der Mühlheimer sitzt schon seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft. Von Stefan Mangold 

Der Staatsanwalt wirft ihm vor, mit Haschisch und Amphetamin gehandelt zu haben. Für ein Urteil reicht es aber noch nicht. In der Verhandlung gegen einen des Drogenhandels verdächtigen Mühlheimer vor Offenbachs Schöffengericht klingt es beim ersten Hinhören nach ziemlich viel, was die Polizei bei einer Durchsuchung am 21. September letzten Jahres in der Wohnung des Angeklagten an verbotenen Substanzen fand. Die Beamten protokollierten unter anderem 64 Cannabispflanzen mit einem Gesamtgewicht von 1465 Gramm. Das reicht normalerweise, um sich eine ganze Weile das Bewusstsein zu vernebeln. Unter diesen Umständen mit Eigenkonsum zu argumentieren, ist vor Gericht zwar üblich, wirkt aber nicht immer glaubhaft. „Und das alles wollten Sie selbst rauchen?“, zweifelt Richter Manfred Beck.

Für den Angeklagten spricht Verteidiger Kai Guthke. Der Anwalt erklärt, sein Mandant habe bis zu seiner Entlassung 2016 für eine Verleihfirma gearbeitet. Der 34-Jährige konsumiere schon seit langer Zeit Cannabis. Er kämpfe mit seinem Suchtproblem. Seit er in Untersuchungshaft sitze, mühe er sich um einen Therapieplatz, der Kostenübernahmeantrag sei gestellt. „Man muss Sozialarbeitern in der JVA schon massiv auf den Wecker gehen, bis es dazu kommt“, skizziert Guthke das Bild eines engagierten Straffälligen.

Richter Beck verhehlt nicht seine Skepsis. Er habe dem Mühlheimer bei anderen Verhandlungen schon mehrmals Bewährung gegeben. Und sein Aufenthalt im Gefängnis hänge auch mit den jüngst vermasselten Auflagen zusammen. „Ich will ihnen nicht zu nahe treten“, spricht Verteidiger Guthke den Angeklagten an, um dann zu Richter Beck gewendet auszuführen, „mein Mandant macht einen verstrahlten Eindruck. Die lange Suchtphase hat ihn kognitiv beeinträchtigt“. Der Angeklagte nickt ob der Worte.

Guthke unterstreicht seine These mit der miserablen Qualität der beschlagnahmten Drogen. Das gefundene Haschisch hatte gerade mal einen rauschfördernden THC-Gehalt von 1,5 Prozent. Bei den Marihuana-Pflanzen sah es mit 2,1 Prozent kaum besser aus. Das nimmt sich etwa so aus, als bekäme ein Koffeinfreund statt Espresso ein Tässchen Kaffee Hag serviert. Kiffer sind überwiegend erst von einem THC-Gehalt ab 15 Prozent beglückt. Worauf Guthke außerdem hinaus will: Mit der Qualität der Gewächse seines Mandaten kann sich auf dem Drogenmarkt niemand blicken lassen. Die Telefonmitschnitte der Polizei dokumentierten, dass lediglich Kumpels zum Kiffen vorbei kamen.

Wäre da nicht der Zeuge, der den Ermittlern erzählt hatte, die 44 Gramm, die in seiner Wohnung gefunden worden waren, habe er beim Mühlheimer gekauft. Vor Gericht erzählt der 19-Jährige jetzt aber eine veränderte Version. Nachts um vier Uhr sei die Polizei „mit dem Rammbock“ bei ihm erschienen. Die Beamten hätten ihn gefragt, ob er das Haschisch beim Mühlheimer gekauft habe. Weil er seinerseits vermutet habe, der hätte ihn verpfiffen, „habe ich einfach mal ‘ja’ gesagt“. Beck weist den Zeugen noch mal darauf hin, dass er vor Gericht die Wahrheit sagen müsse. Falls das heute zutreffe, habe er folglich bei der Polizei gelogen. Der Zeuge erkennt die Logik nicht, „ich hatte die Wahrheit gesagt.“

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Wie sich herausstellt, wähnt sich der 19-Jährige im Rückblick in einer Notwehrlage, „weil ich doch dachte, er hätte die Polizei zu mir geschickt“. Beck erklärt ihm, dass sich der Staatsanwalt der Sache annehmen werde, „sie dürfen niemanden falsch beschuldigen, weil sie sauer auf ihn sind.“ Zum nächsten Verhandlungstermin soll es um die Haarprobe gehen, die dem Angeklagten zwei Monate nach dessen Verhaftung entnommen wurde. Nach deren Ergebnissen konsumierte der Mühlheimer die Monate davor zwar geringe Mengen Amphetamin – aber eben kein Cannabis. Verteidiger Guthke will deshalb den Gutachter befragen.

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

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