Gerdas kleine Weltbühne

„Um VIPs gibt’s bei uns kein Geschiss“

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Harmonisches Trio: Gerhard Stein (links), den Mühlheim nur „die Gerda“ nennt, Ehemann Jürgen Peusch, der auf der Bühne „die Jutta“ gibt und Hirtenhund Napoleon, der auf „Poldi“ hört. 

Geplant war es anders, als sich der Travestieverein „Herrliche Damen Mühlheim“ vor drei Jahren ins Vereinsregister schreiben ließ. Förderung der Darstellungskunst steht auf der Agenda.

Mühlheim – Zu den Gründern des Clubs gehören neben Gerhard Stein und seinem Gatten Jürgen Peusch auch Matthias Belz von den Katholischen Karnevalisten Mühlheim (KaKaM), der Sonnau-Vorsitzende Karl-Christian Schelzke oder Bernd Reisig, Musikmanager und einstiger Geschäftsführer des FSV Frankfurt. So richtig kam der Club bisher nicht in die Gänge. Gesundheitliche Probleme machten Stein zu schaffen.

Der Mann, den alle „die Gerda“ nennen, erzählt von Herzinfarkten. Doch der 69-Jährige, den es irritiert, wenn ihn jemand mit seinem männlichen Vornamen anspricht, redet auch nach den harten Malaisen wie eh und je geradeaus.

Die Akzeptanz schwuler Männer verbesserte sich hierzulande deutlich. Bis in die achtziger Jahre reichte nur der Verdacht, nicht heterosexuell zu sein, um etwa einen Bundeswehrgeneral zu feuern. Mittlerweile machen auch konservative Minister keinen Hehl aus ihrer Homosexualität.

Dennoch, erzählt Stein, erheiterten ihn Gerüchte im Ort über sein Leben mit Jürgen Peusch (59), der auf der Bühne die „Jutta“ gibt. „Manche erzählen, wir hätten einen Swimmingpool, um den ständig nackige Männer springen“. Letztlich seien solche „Flüstereien“ nicht schlecht fürs Geschäft. Schließlich lebe die Travestie von ihrem leicht verruchten Image.

Längst ist „Gerdas kleine Weltbühne“, die vor 45 Jahren an den Start ging, ein Aushängeschild der Stadt. Vor 15 Jahren zog das Travestie-Theater in die Willy-Brandt-Halle um, ins Bürgerhaus. Einmalig in der Republik. Die ersten drei Jahrzehnte traten Stein und Peusch und viele andere Künstler des Genres in ihrer Kneipe an der Offenbacher Straße auf. „Fünfzig Leute passten dort maximal rein“, erinnert sich Peusch an enge Verhältnisse und Zeiten, als manche ähnlich verstohlen durch den Eingang schlichen wie ins Pornokino.

Anfangs hieß die Wirtschaft noch „Markteck“. Hinter dem Tresen zapfte Stein das Bier, den nach dem Besuch einer Travestieshow in Hamburg das Gefühl beschlich, „das kann ich auch“. Eigentlich dachte der Wirt mit dem Offenbacher Schlappmaul nicht daran, selbst auf die Bühne zu steigen. Doch als Travestie zum ersten Mal im Markteck auf dem Programm stand, blieb der gebuchte Darsteller fern. Stein sprang in der Küchenschürze seiner Mutter ein und trällerte frivoles Liedgut, „die Leute brüllten“.

Jürgen Peusch, der 1978 von Gießen für ein paar Tage zum Kellnern nach Mühlheim kam und blieb, erzählt von der Atmosphäre im Markteck, wo heterosexuelle Typen in Rockerkluft ihr Bier tranken, die auf die Frauennamen hörten, die ihnen Gerda und Jutta gaben. Auf ein „Anida, noch a Bierche?“ antworteten bärtige Buben „warum ned“. Schließlich nannten auch die Freundinnen ihre Kerle „Doris“ oder „Sabine“.

Oft gab es auch Stress vor dem Lokal, Beleidigungen und Versuche von körperlichen Attacken. „Die waren überrascht, dass Schwule die Faust auffahren“, berichtet Stein. Anders als heute, wo sich bis zum Ministerpräsidenten die Politik die Ehre gibt, war „Gerdas kleine Weltbühne“, wie das Lokal mittlerweile hieß, gesellschaftlich nicht sonderlich gelitten. Der damalige Bürgermeister soll die Direktive ausgegeben haben, „die bekommen wir aus Mülheim raus“. Auffällig oft standen die Ordnungshüter exakt zur Polizeistunde auf der Matte.

Erst Karl-Christian Schelzke, der Bonvivant der Kommunalpolitik, habe während seiner Amtszeit als Bürgermeister in den 90er-Jahren erkannt, welche Strahlkraft durch die Weltbühne von Mühlheim ausgehe.

Der Erfolg liege vor allem in der Bodenständigkeit, fernab der Attitüde von Tuntenarroganz. Gesprochen wird Hessisch. „Bei uns sitzt das Banken-Vorstandsmitglied neben der Karstadt-Verkäuferin“, sagt Jürgen Peusch. Auch wenn im Publikum schon dutzende von Prominenten applaudierten, „um VIPs gibt‘s bei uns kein Geschiss“. VON STEFAN MANGOLD

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