Mainfähre

Von Mühlheim nach Maintal: Bürgerinitiative Mainfähre macht Überfahrt für einen Tag möglich

Für eine Stunde von Ufer zu Ufer: Mühlheimer Fährengäste gehen in Dörnigheim an Land.
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Für eine Stunde von Ufer zu Ufer: Mühlheimer Fährengäste gehen in Dörnigheim an Land.

Seit drei Jahren setzen sich die Aktivisten der Bürgerinitiative Mainfähre Mühlheim / Maintal für die Fährverbindung zwischen den beiden Städten ein. Nun wollten sie mit einer besonderen Aktion auf ihr Anliegen aufmerksam machen.

Trotz ungemütlichem Wetter harren Mühlheimer und Dörnigheimer an ihrem jeweiligen Ufer der Ankunft der Frankfurter Mainfähre. Alle wissen: „Ein Schiff wird kommen.“ Was für Bürger beider Städte lange zum Alltag gehörte, ist nun zu einem Ereignis geworden, das – gemessen an Veranstaltungen während der Corona-Pandemie – „Volksfestcharakter“ hat. Rund 200 „Maskierte“ strömen zu der Aktion der Bürgerinitiative (BI) Fähre Mühlheim / Maintal. Und das aus ganz unterschiedlicher Motivation: Berufliche, private, freundschaftliche, sportliche, politische oder nostalgische Gründe sind zu vernehmen. Was alle an diesem Tag wohl vereint, bringt ein Rentner aus der Mühlenstadt bei der Überfahrt auf den Punkt: „Wir vermissen sie alle.“ Auch Mühlheims ehemalige Erste Stadträtin Gudrun Monat stellt angesichts des Zuspruchs fest: „Man sieht, es ist den Menschen ein Bedürfnis.“

BI Mainfähre Mühlheim / Maintal will sich am Vorabend des Jahrestages der Stilllegung für die Fähre einsetzen

Drei Jahre ist es her, seit die Fährenposse mit der Kündigung der Betreiberfamilie Spiegel durch den Eigentümer Kreis Offenbach ins Rollen kam. Dazwischen lagen Ausschreibungen, eine Havarie im vergangenen Jahr, wieder Ausschreibungen und letztendlich der Kreistagsbeschluss vom Juni, die Fährverbindung auch mangels qualifiziertem Personal ganz einzustellen.

Am Vorabend des dritten Jahrestages will sich die Bürgerinitiative dafür einsetzen, „dass in Zukunft die über 120-jährige Tradition wieder aufgenommen“ wird, sagt Klaus Seibert, einer der BI-Sprecher. Allerdings laufen laut Kreis Offenbach bereits die Vorbereitungen für den Rückbau der Fähranlage, was einen Neuanfang umso schwieriger machen würde.

Schiffsführer Sven Junghans hat alles im Blick.

Waltraud Kaiser, die sich in der Initiative engagiert, möchte trotzdem die Hoffnung nicht aufgeben: „Vielleicht bekommen wir so eine schöne Fähre“, sagt sie mit Blick auf das Schiff aus Frankfurt. Lothar Ulitzsch, der die Mainquerung „ganz arg“ vermisst, meint aber: „Eine Autofähre müsste es schon sein.“

Sowohl Bürger aus Mühlheim als auch aus Maintal haben nutzen die Aktion an der Mainfähre

Als das weißrote Schiff aus Frankfurt seine Rampe mit einem dumpfen Schlag auf Mühlheimer Boden setzt, brandet Applaus, sind „Bravo“- und „Willkommen“-Rufe zu hören. Für rund 15 Überfahrten innerhalb einer Stunde hat die BI Spenden von mehr als 2700 Euro gesammelt. Statt 40 dürfen allerdings coronabedingt nur halb so viele Passagiere an Bord des Schiffs von Sven Junghans. Dafür aber kostenlos.

Einer von ihnen ist der dreijährige Oscar, der zum ersten Mal ein Schiff betritt. „Kurz bevor Oscar geboren wurde, wurde der Fährbetrieb eingestellt“, sagt die Mutter. „Er freut sich schon auf den Spielplatz in Dörnigheim, da wollten wir immer schon mal mit ihm hin.“

Den umgekehrten Weg nehmen die zwei Labradore Rumo und Flora: „In Mühlheim ist das Ufer flacher, da können die Hunde gut ans Wasser“, sagt das Herrchen aus Maintal. Früher seien sie regelmäßig mit der Fähre zum Spazieren übergesetzt. Es geht schließlich ruckzuck: Die nur zweiminütige Fahrt empfindet Mühlheims Stadtältester Hanspeter Hildenbrand als „einen Genuss nach so langer Zeit“.

Mainfähre Maintal / Mühlheim: Opposition aus Mühlheim spricht sich für die Fähre aus

Auch Pfarrer Ralf Grombacher setzt mit seiner Familie nach Dörnigheim über: „Es war eine gute Überfahrt, alles ruhig, keine Seeungeheuer“, scherzt er und berichtet von älteren Damen, die kurz vor der Aktion pünktlich die Frauenhilfe der Gemeinde verlassen haben, um zur Fähre zu können. „Jeder hat seine eigene Geschichte, mit der Fähre sind 1000 Erinnerungen verbunden“, weiß der evangelische Geistliche.

Für Musik sorgen Ernesto Schwarz und Rudi Eitel, ziehen mit Gitarren von Ufer zu Ufer: „Was will ich an der Donau, was soll ich denn in Kiel, ich hab‘ nur das eine Ziel“, singt Mühlheims Barde XXL, Rudi Eitel. Auf die Melodie des Ärzte-Klassikers Westerland können alle mitsingen: „Oh ich habe solche Sehnsucht, stell mir vor wie geil das wär‘, ich will wieder mal nach Derngem, ich will nach Derngem mit de Fähr!“

Mühlheims Barde XXL, Rudi Eitel, singt für die Fähre.

Da stimmt auch die Opposition mit ein. Die beiden Fraktionsvorsitzenden Dr. Jürgen Ries (Bürger für Mühlheim) und Volker Westphal (Grüne) machen sich weiter für eine Mainquerung stark. „Vor zwei Jahren hat das Parlament einen klaren Auftrag an die Stadtwerke gegeben, den Fährbetrieb sicherzustellen“, schimpft Westphal. Alles sei klar ausgearbeitet gewesen und „als es drauf ankam, wurde es weggeschmissen“. Er blickt ebenso wie Ries dem kommenden März entgegen. „Die Große Koalition regiert an der Bevölkerung vorbei, man will’s halt nicht“, sagt Ries, „bei der Kommunalwahl muss der Wähler ein Zeichen setzen“.

BI Mainfähre Mühlheim / Maintal will „am Ball bleiben“

Gescheitert ist der Fährbetrieb laut dem Kreis Offenbach letztendlich auch an qualifiziertem Personal. Einer, der sich auskennt, ist Schiffsführer Junghans, der eine Stunde lang zwischen den Ufern hin- und her pendelt. Der Beruf sei „hochkomplex, alleine sieben Jahre dauert es, bis man das Große Patent für Binnenschifffahrt bekommt“, sagt der 47-Jährige, der das „Eventschiff“ zwischen Schwanheim und Höchst seit 2011 betreibt und sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Mit dem Patent könne er jegliche Art Schiff fahren, egal, ob mit 500 Passagieren oder mit 10 000 Tonnen Kohle. Binnenschiffer seien gefragt und könnten sich relativ frei ihre Jobs aussuchen. Eine Fähre zu übernehmen, berge dagegen ein unternehmerisches Risiko, da brauche es langfristige Verträge. Er kennt die Probleme zu gut, leidet aktuell coronabedingt selbst unter ausbleibenden Gästen, hat aber jährliche Zuschüsse der Stadt Frankfurt zum einen und eine noch laufende Crowdfunding-Aktion – bei der zur Rettung seiner Fähre bereits fast 10 000 Euro zusammengekommen sind – zum anderen in der Hinterhand. Generell sei es so, dass „ein Fährbetrieb ohne Zuschuss nicht funktioniert“. Fähren seien aber auch historisches Kulturgut, das erhalten werden sollte, findet Junghans. „In Mühlheim ist es leider zu spät – hoffentlich gelingt ein Neuanfang.“

Den wünscht sich auch Rudi Eitel: „Wir hoffen nicht nur, dass die Fähre in unseren Herzen, sondern auch in echt wieder auferstehen wird.“ Dafür kämpfen will weiter die BI-Sprecherin Petra Schneider und verspricht: „Wir werden weiter am Ball bleiben.“ Man sei es schließlich gewohnt, „verdammt dicke Bretter zu bohren“.

Nach einer Stunde ist das kurze Fährglück wieder vorbei. Junghans verkündet über Lautsprecher: „Letzte Tour, denken sie daran, dass sie nicht auf der falschen Seite sind. Ich weiß nicht, wann wir wiederkommen.“

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