Wahl am Sonntag

Bürgermeister-Kandidaten auf der Zielgeraden

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Mühlheim - Bürgermeisterwahl: Mühlheim entscheidet am Sonntag über den Chefsessel. Wie Daniel Tybussek und Gudrun Monat auch jenseits des klassischen Wahlkampfs auf Stimmenfang gehen. Beobachtungen von Stefan Mangold

Gudrun Monat

„Das Private ist politisch“, lautete ein Credo der 68er-Generation. Das trifft auch zu, wenn jemand Geburtstag feiert. Erst recht, wenn das im öffentlichen Raum passiert wie im Schanz – 58. Geburtstag der Bürgermeisterkandidatin Gudrun Monat, einen Tag nach der Podiumsdiskussion unserer Zeitung mit den Kandidaten, gut eine Woche vor dem Wahltermin. In die Kulturhalle hatte die Erste Stadträtin Gudrun Monat im Prinzip jeden Mühl-heimer eingeladen. Für den 12. März hofft die Diplom-Sozialarbeiterin, vom Wähler als Bürgermeisterin gekürt zu werden. Natürlich ist eine Geburtstagsfeier unter solchen Umständen vor allem Schaulauf im Wahlkampf. Zu Beginn stellt Gudrun Monat die „5 Perspectives“ vor, die gleich auftreten.

Sie habe die Band des Friedrich-Ebert-Gymnasium vor einem Jahr das erste Mal gehört „und war sofort begeistert“. Normalerweise singt das Geburtstagskind bei „Happy Birthday“ nicht mit. Das wirkte, wie die eigene Rede zu beklatschen. Aber heute darf das Monat. Wenn sie den Evergreen jetzt trällert, gilt der nicht ihr, sondern Melanie Erber. Die Frau, die im Vorzimmer der Ersten Stadträtin sitzt, wird auf der Bühne mitgefeiert. Auch sie hat heute Geburtstag. Monat zahlt zwar seit 21 Jahren Mitgliedsbeiträge an die Grünen, die das „Bündnis 90“ im Parteinamen mitschleppen. Offiziell und sehr betont tritt die Lämmerspielerin aber als unabhängige Kandidatin an.

Denn sie wolle ja eine überparteiliche Bürgermeisterin sein, die jedem im Parlament jederzeit jede relevante Information zukommen lassen werde. Ihre Partei trägt ihren Unabhängigkeitskurs mit, der es anderen im Ort wohl leichter macht, für Monat offen Position zu beziehen. Sicher auch den wie die Grünen oppositionellen „Bürgern für Mühlheim“, deren Fraktionsvorsitzender Dr. Jürgen Ries beim Geburtstag ebenso Präsenz zeigt wie sein Vize Stefan Heberer. Ries erklärt’s: „Wir nehmen der Gudrun Monat ab, was sie sagt.“ Er glaube ihr die Überparteilichkeit.

Zwischendurch tritt „Simplified“ auf – Musiker, die Songs wie „While My Guitar Gently Weeps“ mit Frauenstimme und zwei Gitarren auf einem selten zu hörenden Niveau interpretieren. Unter den Gästen steht mit Ernst von Hermanni auch ein Sozialdemokrat an einem Tisch. Der Mann ohne Firlefanz in Politik und Rede saß 16 Jahre für die SPD im Stadtparlament, ein Jahr davon als Fraktionsvorsitzender. Jetzt tritt er für Monat ein, „weil ich denke, dass mit ihr als Bürgermeisterin das Parlament eine echte Rolle spielt“.

Daniel Tybussek:

Für den Samstagabend hatten die Jusos zur Party „Make Mühlheim Rage Again“ ins Awo-Domizil an der Fährenstraße eingeladen. Das wäre auch unter normalen Umständen ein Termin gewesen, bei dem Daniel Tybussek mindestens vorbei geschaut hätte. So kurz vor der Bürgermeisterwahl gestalten sich die Zeiten jedoch so unnormal, dass der Bürgermeister zwar immer mal schaut, wie sein Lieblingsverein Schalke 04 gerade so spielt, die spätere Niederlage ihn aber weniger mitnimmt als sonst – „Ich habe den Kopf zu voll.“

Als Amtsinhaber fällt Tybussek die Favoritenrolle für die Wahl am 12. März zu. Von Selbstläufer muss aber keine Rede sein. Vor sechs Jahren, als er zum ersten Mal gewann, erlebte der Diplom-Kaufmann, dass eine Pole-Position nicht gleich den Sieg bedeutet. Er beerbte damals den CDU-Verwaltungschef Bernd Müller. Eine Rede werde er vor den Konzertgästen nicht halten, sagt Tybussek, der wie die Parteigenossinnen Gabi Schmuck und Gaby Mollbach zwischendurch mehrfach in den Vorraum muss, wo Stadtverordnetenvorsteher Harald Winter die Garderobe erledigt. Drinnen tritt derweil „Frau Ruth“ auf.

Beim Warmspielen hatte die Offenbacher Band ihre guten Instrumentalisten noch durchklingen lassen. Jetzt konkurrieren die Dezibel-Zahlen des Konzerts etwas mit dem kommunikativen Anspruch einer Wahlkampf-Zielgeraden. Juso-Vorsitzender Razzak Kahir unterstützt den Bürgermeister ohne Wenn und Aber. Früher konzentrierte sich der SPD-Nachwuchs nicht selten darauf, die Spitze zu ärgern. Doch dieser klassische Generationenkonflikt scheint etwas abgeflaut. Das spült in etwas gereifteren Genossen Erinnerungen hoch.

Bei der Stadtverordneten Mollbach etwa. Sie erzählt aus heutiger Sicht fast Undenkbares: Anno 1974 hatte sie als 18-Jährige die Direktive bekommen, um 20 Uhr zu Hause zu sein – „um 19 Uhr kam ich bei der Arbeit raus“. Ihre Volljährigkeit erlebte sie am 1. Januar 1975, als das Alter von 21 auf 18 Jahre sank. Aber die Qualitäten der Älteren sind durchaus modern. Kahir etwa schätzt an Tybussek „dass er bodenständig ist und immer weiß, wie er bei Problemen handeln muss“. Und Mollbach schreibt „dem Daniel“ die Steigerung der Zahl an Hortplätzen zu. Wie Monat hat auch Tybussek einen Unterstützer aus einem anderen Lager, zumindest auf sportlichem Terrain. Mit Helge Kuhlmann, der für „Die Partei“ hatte kandidieren wollen, gewinnt er gegen das Siegerteam des Bier-Pong-Turniers. Wer hier verliert, muss saufen. Tybussek kommt nüchtern heim.

Bilder: Mühlheims Bürgermeisterkandidaten auf dem Podium

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