Keine Langeweile

Gute Mischung auf dem Weihnachtsmarkt

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Sieht eng aus, ist aber gemütlich: Slalombummel in der Pfarrgasse.

Mühlheim - Der Mühlheimer Weihnachtsmarkt ist viel weniger uniformiert als andere. Und eben darum schön. Von Marcus Reinsch 

Das Klima ist prima, der Wandel muss sich also noch ein bisschen gedulden. Allüberall steht der Mühlheimer Weihnachtsmarkt unter Strom. Glühbirnen rund um die Fenster der Stände, Lichterketten an jedem Dach, das mit dem Klapptritt erreichbar war. Sogar der mannshohe strahlende Weihnachtsmann auf der Bude der Harley-Freunde muss sich ordentlich Watt wünschen. Energiesparen und Vorfestfreuden, das kann ja gar nicht klappen.

Außer bei der Dartgemeinschaft Lämmerspiel, und für die nicht richtig freiwillig. Die Frage „Warum hockt ihr hier im Dunkeln?“ beantwortet eine Stimme wohlgelaunt und ehrlich: „Mehrfachsteckdose zu wenig! Eine Dreier fehlt uns.“ Sie mussten sich entscheiden, die Pfeilewerfer aus dem Süden: Die Vorbeiziehenden sehen sie - oder sie duften ihre kulinarischen Lockstoffe in den elektrisch betriebenen Töpfen. Die Pfeilewerfer haben den Duft gewählt. Chili, Maiskolben, Linsensuppe, dazu Infos aus der Düsternis.

Gut ist, was im Dunkeln leuchtet. Kunst sowieso.

Für Vereine, von denen bisher kaum jemand wusste, dass es sie gibt, ist der Mühl-heimer Weihnachtsmarkt eine Spitzenchance zu beweisen, dass es sie eben doch gibt. Und dass sie was bieten. Ein Stück weiter die Pfarrgasse runter sind die Tuning-Freunde Mühlheim. Die haben ein Jahr warten müssen, „weil die Plätze heiß begehrt sind“. Aber jetzt haben sie es geschafft. Sie bringen gute, flüssige Laune unters Volk. Und die Botschaft, dass niemand sie in eine Schublade mit denen stecken sollte, die mit billig aufgemotzten Karren in der Roten Warte nicht mal über die Ausbremshubbel kommen, ohne sich untenrum was abzureißen. Die Tuning-Freunde machen ihre Autos schöner. Oder schneller. Oder schön schnell.

Reiz des Weihnachtsmarktes

Der Mühlheimer Weihnachtsmarkt ist wie ein Wohngebiet ohne Bebauungsplan. Die Buden hier gleichen sich nicht wie ein Ei dem anderem, und eigentlich sind viele von ihnen Pavillons. Das macht nicht nur nichts, das ist der Reiz der Sache. Ein Vorteil am Mühlheimer Budenzauber ist seine nicht bis zur langweilenden Uniformität durchgestylte Gemütlichkeit. Sobald es dämmert, ist es zwar auch hier voll und voller, es ist eng und der Bummel ein Slalom um Menschentrauben, die sich plötzlich mitten auf der Gasse bilden, weil sich die Leute nun mal kennen. Aber es ist keine atemlose Veranstaltung. Die nächste ruhige Ecke, in der sich mal der Becher abstellen und niemand grüßen lässt, ist immer nur ein paar Schritte entfernt.

Nicht, dass das jeder bräuchte. Bei den Harley-Freunden stehen zwei lustige Damen, die da zwar „noch jeden aus Mofa-Zeiten“ kennen, ihre Caipis aber recht flott kippen, weil der Whisky-Stand in der Hirschgasse ja auch Besuch verdient.

Eine echte Mühlheimer Mischung

So wie jeder, der hier ist. Die Mühlheimer Mischung ist gut. Zur Eröffnung hat das SUM-Blasorchester eine Mordsklangkulisse aufgebaut, die Honoratioren haben den familiären Charakter des Mühlheimer Weihnachtsmarktes gelobt und damit nicht nur wegen des Karussells recht gehabt. Knapp 50 Stände sind auf der Liste. Ein paar Private sind vertreten, Gewerbetreibende sind vertreten, Rang und Namen aus der Vereinslandschaft sind vertreten. Das Blasorchester, die Sonnau, die Jugendfeuerwehren, die Katholiken, Evangelische, das Markwaldtheater mit seiner Kuscheltieraktion für die Kinderkrebshilfe, der Gesangverein Eintracht, der Motor-Sport-Club, andere.

Was im Repertoire ist, kann man meistens essen oder trinken. Die Kunsthandwerkerquote auf Weihnachtsmärkten wird zwar allerorten zur Qualitätsfrage erhoben. Aber wenn man ehrlich ist, gucken Besucher zwar gerne Geschnitztes, Gestricktes und Mundgeblasenes, kaufen aber lieber „Heiße Oma“ (Eierlikör mit Verlängerung) und Bratwürste, die der Lokalkolorit in Mühlrädchenform hergibt. Und doch sind die Kunsthandwerker immer ganz zufrieden. Wie gesagt: gute Mischung, auch beim Publikum.

Bilder vom Mühlheimer Weihnachtsmarkt

Weihnachtsmarkt 2013 in Mühlheim

Mittendrin stehen die Herren Kreis, Schmitt, Bucinskas. Sie sind im Dienst. Marktaufsicht, in Schichten organisiert vom Verkehrs- und Verschönerungsverein, dem Mühlheimer Vereinsdach. Horst Kreis, zugleich Philatelistenchef, passt nicht nur nur auf, ob das Notfall-Handy klingelt. Er wacht auch darüber, dass jeder was bekommt. Beim Abschlusskonzert in St. Markus zum Beispiel der Pfarrer eine Karte, die seine Kirche vor dem optischen Wandel zeigt und mit Weihnachtsbriefmarke und Sonderstempel „Augsburger Weihnachtsmarkt“ versehen ist.

Noch überraschender geht nur am „Elsternest trifft Afrika“-Stand des Freundeskreis „Thiogo“ um Thorsten Ehmann. Da müssen sie gut aufpassen auf den Ehmann-Neffen. Könnte ja einer auf die Idee kommen, den Jungen abzuwerben, damit der sein Wissen um Menschenströme, Blickrichtungen und die ideale Platzierung der Waren auch an anderen Ständen walten lässt. „Der Mensch guckt immer erst nach rechts“, lehrt er und verrückt ein kleines Glitzertier aus Burkina Faso auf der Präsentationsfläche von links nach rechts. Den Vorbeiziehenden quittieren die Bewegung umgehend mit Interesse.

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