Wenn Schwager zum Erzfeind wird

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Der Besuch von Blanche (Mitte) bei ihrer Schwester Stella sorgt für Stress im Alltagsleben der Kowalskis. Mit „Endstation Sehnsucht“ präsentierten die „Teilzeitdenker“ ihr gelungenes drittes Stück.

Mühlheim - Gewalt gegen Frauen entwickelt sich zu einem vertrauten Thema in den Aufführungen der Mühlheimer „Teilzeitdenker“. Von Simon Broll

Bereits im vergangenen Jahr brachte die Jugendtheatergruppe um Regisseur Philippe Bender mit J. B. Priestleys „Ein Inspektor kommt“ die Geschichte einer in den Selbstmord getriebenen Angestellten erfolgreich auf die Bühne. Diesmal widmete sie sich dem Schicksal gleich zweier malträtierter Frauenfiguren: Am Samstag feierte ihre Version von „Endstation Sehnsucht“ gelungene Premiere in der ausverkauften Kulturhalle „Schanz“ in der Carl-Zeiss-Straße.

Das Theaterstück von Tennessee Williams schildert das Los der stolzen Südstaatendame Blanche du Bois (Carla Kühn), die sich nach Verlust ihres Landbesitzes bei der jüngeren Schwester Stella (Stella Gries) in New Orleans einquartiert. Der Umzug von der großen Plantage „Belle Rêve“ in eine enge Dreizimmerwohnung erweist sich als Schock für die psychisch labile Frau – zumal Stellas Gatte Stanley Kowalski (Hans-Christian Kwol) alles andere als Gastfreundschaft an den Tag legt. Der Frauen schlagende Despot gibt sich die größte Mühe, seine Schwägerin schnellstmöglich zu vergraulen. Als Blanche allen Widerständen zum Trotz ihre schwangere Schwester zu schützen versucht, macht sie sich Stanley zum Erzfeind…

Fliegende Stühle und zersplitterndes Glas

Stolze 64 Jahre ist es her, dass Williams´ Drama in New York uraufgeführt wurde. Bis heute gehört die schonungslose Abrechnung mit häuslicher Gewalt zu den meistgespielten Stücken auf deutschen sowie internationalen Bühnen. Dennoch verwundert es, dass sich gerade eine Jugendtheatergruppe an den schweren Stoff herangewagt hat. Nicht nur die Aufführungslänge mit fast vier Stunden stellte die jungen Akteure nämlich vor große Herausforderungen. Auch die körperlich-exzessive Spielweise des Stücks verlangte besonders den drei Hauptfiguren viel Kraft ab. Fliegende Stühle und zersplitterndes Glas, Nervenzusammenbrüche, Schläge sowie eine schockierende Vergewaltigungsszene trieben Darsteller und Publikum gleichermaßen an ihre Grenzen – ohne dabei jemals das Maß an Ertragbarem zu überschreiten.

Willkommene Abwechslung: Die rote, braune und weiße Dame brachten heitere Töne in die ansonsten sehr düstere Handlung.

Der gelungene Balanceakt zwischen Faszination und Abstoßung der Figuren, zwischen der Ergebenheit der beiden Frauen und der männlichen Brutalität war vor allem dem Regietalent von Philippe Bender zu verdanken. Mithilfe neuer Medien wie Gesang, Live-Musik und Videoinstallationen gelang es dem Studenten, die harte Thematik in die heutige Zeit zu übertragen. Zudem sorgten mehrere separate Bühnen dafür, dass das Publikum direkt in die Handlung einbezogen wurde.

Aus darstellerischer Sicht konnte das gesamte Ensemble überzeugen. Bereits zum dritten Mal bewiesen die jungen Leute im Alter zwischen 17 und 22 Jahren, dass sie die Bezeichnung „Laienschauspieler“ eigentlich nicht verdienen. Vor allem Kwol als cholerischer Macho Stanley und Kühn als dessen hysterische Kontrahentin Blanche liefen zu Höchstform auf. Gries wiederum überzeugte in ihrer Rolle der loyalen Ehefrau, die mit geradezu schmerzlicher Selbstaufopferung das eigene Leben dem Wohl ihres Gatten unterordnet. In weiteren Parts brillierten Regisseur Bender als Blanches neuer Verehrer Harold Mitchell sowie Jonathan Ott als Stanleys Pokerkollege Steve Hubbel. Jennifer Schmitt gab mit der Darstellung von Steves Frau Eunice ihren gelungenen schauspielerischen Einstand.

Drei Bewusstseinsstadien der menschlichen Psyche

Ein besonderer Augenschmaus war zudem der Auftritt von Rebecca Schmitt, Kathrin Picard sowie Sandra Helmer als ominöse Damen in weiß, braun oder rot. Diese Rollen wurden eigens für die Neuinszenierung entwickelt und stellten in Anlehnung an Sigmund Freuds Lehren die drei Bewusstseinsstadien der menschlichen Psyche dar. Gemäß ihrer Funktion traten die Aktricen dabei mit dem Publikum in wechselseitigen Kontakt. Mal wurden die Besucher zum gemeinsamen Trinken eingeladen, mal über moralische Werte belehrt, dann wiederum in frivole Situationen gebracht. Die heiteren Zwischenparts bildeten eine willkommene Abwechslung zum düsteren Hauptwerk und sorgten für gelöste Stimmung im Saal.

Wer das sehenswerte Stück verpasst hat, dem bietet sich am kommenden Wochenende eine weitere Gelegenheit. Am Sonntag, 11. September, wird „Endstation Sehnsucht“ um 19 Uhr im Schanz aufgeführt. Einige wenige Restkarten sind im Mühlheimer Buchladen oder im Dietesheimer „Le Bel Étage“ sowie an der Abendkasse erhältlich. Der Erlös der Inszenierung soll dem Offenbacher „People’s Theater“ zu Gute kommen, das sich für Gewaltprävention an Schulen einsetzt.

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