Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich Hüsamettin Eryilmaz nicht nur im Ausländerbeirat

„Wir sehen uns als Brückenbauer“

Seit 23 Jahren im Ausländerbeirat aktiv: Hüsamettin Eryilmaz.
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Seit 23 Jahren im Ausländerbeirat aktiv: Hüsamettin Eryilmaz.

Hüsamettin Eryilmaz gehört auf der politischen Bühne Mühlheims zu den Protagonisten mit Einfluss. Seit 23 Jahren agiert der 60-Jährige im Ausländerbeirat. 2002 übernahm er den Vorsitz, den er mit fünfjähriger Unterbrechung bis heute hält.

Mühlheim – Eryilmaz wuchs in Giresun auf, eine am Schwarzen Meer gelegene Großstadt im Nordosten der Türkei. Sozialisiert fühle er sich auch durch die Urbanität von Istanbul, „dort lebt ein Großteil meiner Verwandtschaft“.

Nach dem Abitur studierte Eryilmaz Pädagogik. Der Mühlheimer erinnert sich an den 12. September 1980, „der Tag wirkte wie ein Schock auf mich“. Das Militär übernahm die Macht und setzte die Regierung des sozialdemokratischen Premierministers Bülent Ecevit ab. „Das Parlament machte dicht. Die 1961 eingeführten Versammlungsrechte waren passé, die Demokratie am Ende“, erinnert sich der Mann, der als Vorsitzender des Ausländerbeirats peinlich darauf achtet, sich vor keinen parteipolitischen Karren spannen zu lassen.

Damals wirkten auch auf Teile der türkisch-akademischen Jugend marxistische Ideen attraktiv. Während der ökonomischen Krise spitzten sich gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten zu, vor allem zwischen Kommunisten und den nationalistischen Grauen Wölfen. Die Türkei hatte für die USA in der Gegnerschaft zur Sowjetunion strategisch eine mindestens so wichtige Bedeutung wie heute im Dissens mit Russland, „der Westen fürchtete, dass die größte europäische NATO-Armee aus dem Bündnis fallen könnte“.

Das Leben in Deutschland begann für Eryilmaz nach dem Pädagogikstudium in Giresun als 22-Jähriger in Allendorf, der Liebe wegen. Seine Frau Hüsniye war in der Gemeinde im Tal der Eder aufgewachsen. Die beiden hatten sich kennengelernt, als die Nordhessin in der Heimat ihrer Eltern Urlaub machte. Die Ehe entpuppte sich sprachlich als Win-win-Konstellation: „Ich lernte von Hüsniye schnell Deutsch, sie verbesserte durch mich ihr Türkisch.“ Aber in Allendorf gab es 1982 keine große Nachfrage nach türkischen Pädagogen, „die nächsten Jahre arbeitete ich in verschiedenen Betrieben der Region“.

Eryilmaz las 1993 eine Stellenanzeige. Das in Offenbach ansässige Polizeipräsidium Südosthessen suchte nach Migrationsbeauftragten. Seitdem gehört zur Arbeit von Eryilmaz unter anderem, Polizisten durch soziokulturelle Hintergrundinformationen zu beraten oder türkische Mitbürger zu ermutigen, gegenüber Ermittlern auszusagen – gleich ob als Zeuge oder Opfer.

Das erste halbe Jahr pendelte der Mann zwischen Offenbach und Allendorf. Nach der Probezeit zog die Familie um. Über Offenbach landete man schließlich mit den drei Kindern in Mühlheim. Der älteste Sohn ermittelte später elf Jahre als Polizist, ehe er auf IT umsattelte. Der zweitälteste arbeitet als Maschinenbauingenieur. Die Tochter studiert Jura.

Seit 1997 sitzt Eryilmaz im Ausländerbeirat von Mühlheim, wo sich die Institution erstmals 1976 konstituierte. Der sportliche 60-Jährige, der sich durch Waldläufe fit hält und täglich zur Arbeit nach Offenbach radelt, bereitet zur Zeit die Beiratswahlen für den 14. März vor. Am gleichen Tag stimmen die Hessen über ihre Gemeindeparlamente ab.

Nach der Gemeindeordnung muss jede Kommune einen Ausländerbeirat einrichten, in der mehr als 1000 Einwohner keinen deutschen Pass zeigen können. Das passive Wahlrecht besitzt jeder, ansonsten könnte einer wie der deutsche Staatsbürger Eryilmaz nicht kandidieren. Wenn sich kein Beirat bilden lässt, tritt eine Integrations-Kommission an dessen Stelle. Eryilmaz hofft, dass sich diesmal in allen 70 hessischen Gemeinden, die das Gesetz betrifft, ein Ausländerbeirat zusammenstellt, „wir sehen uns als Brückenbauer“. In seinem politischen Alltag organisiert Eryilmaz etwa, dass sich die Feuerwehr bei Migrantenorganisationen vorstellt, „durch Kenntnis entwickelt sich der Respekt vor der Arbeit“.

Nach der nächsten Kommunalwahl gewinnt das Gremium an Gewicht, „wir bekommen ein Antragsrecht“. Themen, die ausländische Mitbürger spezifisch berühren, „kann der Ausländerbeirat dann im Gemeindeparlament auf die Tagesordnung setzen lassen“. (Stefan Mangold)

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