Zurück in den Alltag

Die Mitglieder der Herz- & Rehasportgemeinschaft teilen Schicksal und Hobby

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Beim Reha-Sport wissen die Aktiven wie sonst nur selten, was andere erlebten. 

Den meisten Vereinen treten die Leute aus Interesse bei, weil sie gerne Tennis spielen, Briefmarken sammeln oder Theater spielen. VON STEFAN MANGOLD

Mühlheim – Wer an keinen medizinischen Malaisen laboriert und von der „Herz- & Rehasportgemeinschaft Mühlheim“ hört, der hofft, dort niemals anklopfen zu müssen. Wer aber dann doch erkrankt, kann sich in dem Klub beim Rückweg in den Alltag bestens aufgehoben fühlen.

Michael Jäger gehört dem Verein seit einem Vierteljahrhundert an. Nach zwei Jahren als Stellvertreter übernahm er 2006 den Vorsitz. Vor 30 Jahren hätte sich Jäger diese ehrenamtliche Karriere sicher nicht träumen lassen. Doch 1995 erwischte den heute 70-Jährigen ein Herzinfarkt. Jäger erinnert sich, wie er auf dem Gelände des Vereins für Gebrauchshunde am Grünen See noch eine Zigarette weg schnickte, ohne in der Sekunde zu ahnen, gerade den letzten Glimmstängel seines Lebens inhaliert zu haben. Jäger fiel ohnmächtig nieder und hatte das Glück, dass einer der Umstehenden schon ein Handy besaß und den Notruf wählen konnte. Im Vereinsheim gab es damals noch kein Telefon.

„Wenn es im Kopf klick macht“ - Der Weg zur Herz- und Rehasportgemeinschaft

Die Korrelation ließ sich nicht leugnen. Der agile Mann rauchte 60 Zigaretten täglich. Oft hatte Jäger versucht aufzuhören, probierte es etwa mit Akupunktur. Alles für die Katz. „Wenn es im Kopf nicht Klick macht, funktioniert es nicht“, erklärt er das, was jeder ehemalige Raucher ganz genau kennt. Für Jägers Klick sorgte die Prophezeiung des Arztes: „Wenn Sie weiter rauchen, erleben sie das nächste Weihnachten nicht mehr.“ Er nahm zur Herz- & Rehasportgemeinschaft Kontakt auf, achtete in den folgenden Monaten darauf, keinen Moment alleine zu verbringen. 

Das rettete ihm ein zweites Mal das Leben. Als er einmal nachts die Hand auf seine neben ihm liegende Frau fallen ließ, konnte er vor der Ohnmacht noch „Herzinfarkt“ sagen. Seitdem hat Jäger Ruhe.

„Michael ist eine menschliche Google-Suchmaschine“, sagt Eugenia Christov. Die Fachärztin für Anästhesie am St. Vinzenz Krankenhaus in Hanau meint damit das Phänomen, dass der Vorsitzende Jäger anscheinend jeden der 250 Mitglieder mit Namen kennt, genau weiß, wer in welcher Gruppe mitmacht. Eugenia Christov gehört zu einem Quartett von Medizinern, aus dem immer einer dabei ist, um im Notfall einzugreifen. Bei einem Herzinfarkt musste die Ärztin in der Sporthalle an der Dieselstraße jedoch noch nie Erste Hilfe leisten. Je nach Stand der Fitness kommen die Teilnehmer, die sich von Operationen erholen oder auch an der Lungenkrankheit COPD leiden, in Gruppen mit verschiedenen Graden der Anstrengung unter.

Neue Reha-Formation für Frauen, die eine Brustkrebserkrankung hinter sich haben

Eine noch relativ neue Reha-Formation setzt sich aus Frauen zusammen, die eine Brustkrebserkrankung samt Operation hinter sich haben. Oft müssen sich die Frauen dann regelmäßigen Lymphdrainagen unterziehen. Gezielte Übungen gehen speziell darauf ein.

Dabei zeigt sich besonders, dass der Reha-Sport mehr ist, als sich nur gemeinsam zu bewegen. Nur jene, die selbst Krebs erlebt haben, können verstehen, was in einem Krebspatienten vorgeht. Die Gemeinschaft entwickelt sich leichter, wenn die Teilnehmer ein gleiches Schicksal teilen, nicht nur eine gemeinsame Sportart. Jäger erzählt von Freundschaften, die sich so entwickelten, „bis dahin, dass die Leute zusammen in den Urlaub fahren“.

Gemeinsames Schicksal - Gemeinsames Hobby

Der Vorsitzende lobt die Zusammenarbeit mit der Stadt, etwa was die Absprachen in puncto Halle betrifft, „der Kontakt zu Klaus Schäfer vom Fachbereich Sport funktioniert hervorragend“.

" Aufgrund des Coronavirus fallen derzeit die Kurse der Herz- & Rehasportgemeinschaft in der Dieselstraße 90 aus. Weiter geht es voraussichtlich ab dem 20. April. Montags von 17 bis 18 Uhr trifft sich die Gruppe für Brusterkrankungen, von 18 bis 21 Uhr jene, die ihr Herz stärken und sich nach Operationen möglichst wieder auf den alten Stand bringen. Reha-Sportler mit Atemwegserkrankungen trainieren mittwochs von 17 bis 18 Uhr. Aktuelle Informationen gibt es auch auf herz-und-rehasport-muehlheim.de.

VON STEFAN MANGOLD

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