Münsterer Fotograf Volkhard Sobota

Unterwegs mit einem Blinden

In der „Bücherinsel“ am Dieburger Marktplatz präsentieren der Altheimer
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In der „Bücherinsel“ am Dieburger Marktplatz präsentieren der Altheimer  Fotograf Volkhard Sobota (rechts) und der blinde Dieburger Matthias Schäfer zur „Woche des Sehens“ eine Foto-Slideshow.

Der Altheimer Fotograf Volkhard Sobota und der blinde Dieburger Matthias Schäfer zeigen zur „Woche des Sehens“ eine Kunstaktion in der Dieburger „Bücherinsel“.

Altheim/Dieburg – Am heutrigen Donnerstag ist der „Welttag des Sehens“, dem die Christoffel-Blindenmission in Deutschland gleich eine ganze „Woche des Sehens“ folgen lässt. Die jährliche Informationskampagne beleuchtet augenmedizinische Themen ebenso wie den bundes- und weltweiten Umgang mit Blindheit und Sehbehinderung. Der seit Geburt blinde, auf beiden Augen über weniger als zwei Prozent Sehvermögen verfügende Dieburger Matthias Schäfer und der Altheimer Fotograf Volkhard Sobota beteiligen sich in diesem Jahr mit einer Kunstaktion an prominenter Stelle: In der „Bücherinsel“ am Dieburger Marktplatz wird bis zum kommenden Donnerstag eine vertonte Foto-Slideshow in Dauerschleife gezeigt.

In der zentral gelegenen Buchhandlung wird der viereinhalbminütige Streifen auf einem Bildschirm präsentiert, dazu auf der Web-Seiten der Bücherinsel und des Fotografen. Auf letztgenannter Seite des ambitionierten Fotokünstlers, der 2015 für eine andere Arbeit den 1. Platz beim Medienpreis Villingen-Schwenningen in der Kategorie „Amateur“ gewann, ist die Fotostrecke schon länger zu sehen. Denn das Werk mit Schäfer in der Hauptrolle entstand bereits vor vier Jahren. Nun erst kommt es jedoch zur größeren Verbreitung.

Damals hatte Sobota „die Idee, eine Multimedia-Sache über einen blinden Menschen zu machen. Ich weiß nicht mehr, über welchen Zufall ich auf Herrn Schäfer gekommen bin“, blickt er zurück. Ein absolutes Glück sei es wohl gewesen, dass er gerade auf ihn gestoßen sei, „noch dazu vor der eigenen Haustür, in einem Vorort von Altheim“, wie Sobota augenzwinkernd meint.

„Ein erfülltes normales Leben“

Nicht nur die räumliche Nähe prädestinierte Schäfer freilich für die Zusammenarbeit. Der Dieburger ist das perfekte Vorbild, wie man auch mit fast völliger Blindheit ein erfülltes wie bürgerlich-normales Leben führen kann: Der 53-Jährige ist verheiratet, hat mit seiner Frau Brigitte zwei Söhne, arbeitet in führender Position im Frankfurter Dialogmuseum („Museum im Dunkeln“), ist seit 30 Jahren ehrenamtlich Zweiter Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenbunds Hessen, hat in seiner Freizeit schon Kampfsport gemacht und feiert leidenschaftlich gern die Dieburger Fastnacht, Kneipentour inklusive.

Vor allem aber: Schäfer geht völlig offen mit seiner Behinderung um. Was sogar so weit geht, dass er vor einiger Zeit um ein Haar den Dreh mit dem Hessischen Rundfunk abgebrochen hätte, weil der sich weigern wollte, seine milchig-weißen, im Vergleich mit gesunden Augen erstmal ungewohnten Pupillen zu zeigen. „Die Augen gehören zu mir!“, stellt Schäfer unmissverständlich klar und freut sich, dass der Autor dieses Artikels sogleich die Kamera zückt, um eine Nahaufnahme zu machen. Der HR lenkte letztlich ein; ob der Fülle an Medienanfragen sagt Schäfer inzwischen aber rund 80 Prozent derselben ab.

Nicht so bei Sobota. Der kam 2016 auf ihn zu, „weil ich den Sehenden zeigen wollte, wie ein Nicht-Sehender in seinem Alltag zurechtkommt“, wie es der Altheimer ausdrückt. Arbeitstitel: „Ich sehe so, wie Du nicht sie hst“. Schäfer war angetan, merkte rasch, dass der ambitionierte Hobbyfotograf stark darin ist, sich auf die von ihm porträtierten Persönlichkeiten einzulassen. „Wir haben stundenlange Gespräche geführt“, sagt der Dieburger. „Er hat richtig versucht, sich in mich einzufühlen. So intensiv hat sich noch keiner mit mir befasst.“

Die Fotostrecke beginnt mit einem schwarzen Bild

Auch Sobota ist im Rückblick äußerst angetan, auch vom Ergebnis: „Für mich ist es meine beste Arbeit, sie ist sowohl fotografisch als auch vom Text her gelungen.“ Die Fotostrecke, die mit einem schwarzen Bild beginnt und den Zuschauer so ein paar Sekunden lang in Schäfers (vermeintliche) visuelle Welt mitnimmt, zeigt in mehreren Dutzend Aufnahmen den Arbeitstag von Schäfer - hauptsächlich den anspruchsvollen Weg per pedes und mit der Bahn nach Frankfurt. „Ich habe gesehen, wie er dabei zurechtkommt“, sagt Sobota und bezeichnet das als „so hervorragend, dass er zum Beispiel am Frankfurter Hauptbahnhof schneller den Überblick hatte als ich“.

Einen Eindruck davon gibt Volkhard Sobota nun eine Woche lang allen, die sich in der „Bücherinsel“ viereinhalb Minuten Zeit für die von Matthias Schäfer besprochene Slideshow nehmen. Die Fotos laufen automatisch hintereinander ab, der Dieburger erzählt dazu aus dem Off seine Geschichte. Die finden viele sicher außergewöhnlich, doch er selbst wünscht sich vielmehr einen entspannten Umgang mit seiner Blindheit: „Man ist halt überall der Exot - das ist manchmal nervig.“ Ihm gehe es darum, „zu zeigen, dass sich Blinde nicht verstecken müssen und mitten im Leben stehen können“. Dem Altheimer Fotograf wiederum sind die künstlerische Arbeit und der Austausch prägend im Gedächtnis geblieben: „Ich weiß nun besser, wie ich mit einem Blinden umgehen kann. (Von Jens Dörr)

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