Bis die Worte verschwinden

Erstes literarisches Erzähltheater im sanierten Arthaus packt Publikum

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Christian Wirmer als Fischer Olai und Fischer Johannes im Stück „Morgen und Abend“ von Jon Fosse.

Altheim – Nach umfassender Renovierung ist das Arthaus in Altheim wieder belebt. Erste Konzerte, ein Spieleabend, Performances, Kindertheater und Kantinentreffen haben bereits stattgefunden. Nun war erstmals ein Abend dem literarischen Erzähltheater vorbehalten. Von Peter Panknin 

Allzu viele Besucher fanden sich nicht ein, aber man hatte wohl auch nicht mit einem großen Ansturm gerechnet. Die, die kamen, wurden empfangen von dem Geruch frischer Farbe und einem fast kahl wirkenden Raum, der früher mal das Sitzungszimmer im alten Rathaus war. In einer Ecke saß ein Mann, einfach gekleidet. Er wurde von den Besuchern kaum zur Notiz genommen. Auf dem frisch gewachsten Dielenboden lag diagonal ein fast schwarzes Brett, wohl häufig benutzt und entsprechende Spuren aufweisend. Der auf das Brett ausgerichtete Scheinwerfer hob die Gebrauchsspuren noch deutlich aus der Dunkelheit des übrigen Raumes hervor. Nur im Halbdunkeln lag in einer Ecke ein kleines Buch, von einem Pult in die Höhe gehoben. Um den Inhalt dieses kleinen Buches mit dem Titel „Morgen und Abend“ drehte sich der ganze weitere Ablauf des Abends.

Nach einer kurzen Begrüßung der Gäste durch Arthaus-Mitglied Max Petermann erhob sich der in der Ecke sitzende Mann, umkreiste das Brett und stieg schließlich darauf. Nach langem Schweigen begann er zu sprechen. Er deklamierte die Geschichte von der Geburt des Fischers Johannes, vorgetragen aus der Sicht- und Gefühlswelt des werdenden Vaters Olai. Einfache Worte, gesprochen von einem einfachen Menschen, aber alles wurde gesagt. Immer deutlich, mal laut, fast polternd, mal ganz leise trug der werdende Vater vor, was er über den erhofften Sohn und über die werdende Mutter denkt.

Das Publikum lauschte gespannt, rührte sich fast nicht auf den Stühlen. Schließlich war die Geburt des ersehnten Sohns vollbracht, Mutter und Kind waren wohlauf, aber müde. So endete der erste Teil des Stückes, was der Schauspieler durch Verlassen seiner kleinen „Bühne“, dem Brett, bekannt gab.

Der Schauspieler, dessen Stimme und Sprechweise das Publikum in Bann zog, ist Christian Wirmer. Der in Darmstadt lebende Künstler hatte feste Engagements am Staatstheater Hannover, am Theater Basel und am Staatstheater Darmstadt. Gastspiele führten ihn auf Bühnen in Berlin, Stuttgart und Bochum. Die großen Bühnen hat er jetzt verlassen, er spielt vor allem Soloprogramme auf kleinen Bühnen.

Der von dem Norweger Jon Fosse verfasste Roman „Morgen und Abend“ lebt von der Schlichtheit der handelnden Personen, die sich einer knappen, einfache Sprache bedienen. Das passt zu Wirmer, der die Geschichte noch durch das Weglassen von Einzelheiten aus dem Leben der Romanfigur Johannes verdichtet hat. Wirmers Monolog wird fortgesetzt durch die Beschreibung von Johannes Übergang vom Leben nach „dort, wo die Worte verschwinden“. Dabei verschwimmen Zeit- und Realitätsebenen. Nicht nur melodiös gesprochene Worte, auch „beredtes Schweigen“ tragen zur Faszination bei.

Wie zeitgemäß ist der Knigge heute noch?

Lang anhaltender Beifall war der Lohn für diesen eindrucksvollen Vortrag. Doch damit nicht genug: nachdem Wirmer den Raum verlassen hatte, kehrte er umgehend mit einem Stuhl in der Hand zurück und setzte sich den Zuschauern zugewandt nieder. „Haben sie Fragen an mich?“, eröffnete er eine Gesprächsrunde, die sowohl vom Publikum als auch vom Künstler zur Reflexion des Dargebotenen als auch der dabei aufgekommenen beiderseitigen Empfindungen genutzt wurde. So wurde aus dem Monolog ein Dialog, eine neue Dimension der Darbietungen im Arthaus hatte ihre Premiere erlebt.

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