Altheimer Talent

Idioten stoppen dieses Schiedsrichtertalent nicht

Pfeift bereits in der Kreisoberliga und stieg bislang jedes Jahr auf: Joshua Ihring. Foto: Dörr
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Pfeift bereits in der Kreisoberliga und stieg bislang jedes Jahr auf: Joshua Ihring.

Der 18-jährige Joshua Ihring vom TSV Altheim gilt als Schiedsrichtertalent. Er hofft auf den Gruppenliga-Aufstieg. Denn: „Je höher man pfeift, desto mehr Spaß macht es. “

Altheim – Natürlich: Auch Joshua Ihring bleibt von der Corona-Krise nicht verschont. In der vergangenen Saison pfiff der Schiedsrichter 70 Fußball-Spiele, mehr als eins pro Woche. Derzeit bleibt das schwarze – und immer öfter farbige – Trikot im Schrank. Schließlich ist die aktuelle Runde im Amateur-Fußball zwar noch nicht abgebrochen, auf unbestimmte Zeit aber in der Zwangspause. An den guten Perspektiven des 18-jährigen Unparteiischen des TSV Altheim ändert das freilich wenig. Denn als gerade Volljähriger hat es der angehende Abiturient der Dieburger Landrat-Gruber-Schule im Schiedsrichterwesen bereits recht weit geschafft. Selbst einen körperlichen Angriff hat seine Karriere nicht gestoppt.

Vor einem Jahr packte ein mit der Schiedsrichterleistung unzufriedener Spieler zu – und Ihring vor seiner Kabine am Kragen. Ein direkter Angriff, wie ihn der seit 2016 pfeifende Referee bis dato noch nicht erlebt hatte. Letztlich ging die Attacke glimpflich aus, zumindest ohne Verletzung des Spielleiters. Doch schönreden oder gar verklären will er den Amateur- und Jugend-Fußball dann auch nicht.

„Vor allem die Jugendspiele sind schlimm“, hat er festgestellt. „Denn da gibt’s noch die Eltern am Spielfeldrand. Gerade die sind sehr emotional.“ Bei C- und B-Junioren-Partien befänden sich die Spieler zudem mitten in der Pubertät und seien im Umgang daher besonders schwierig. „Und auch da kommen ja noch viele Eltern zu den Spielen“, weiß Ihring. Die sähen ihre Kinder nicht nur schnell ungerecht behandelt, sondern „bei nur ein bisschen Talent immer gleich bei Darmstadt 98“. Ein Profiklub, zu dem es Ihrings jüngerer Bruder übrigens tatsächlich geschafft hat – er spielt bei den Lilien in der U12. „Da haben sich die Eltern auch schon geprügelt“, berichtet der Schiedsrichter.

Sein Hobby, das er seit seinem Einstieg auf ambitionierte Weise verfolgt, mag Ihring freilich trotzdem. Auch der körperliche Angriff im Vorjahr habe seine Leidenschaft fürs Pfeifen nicht gebremst. „Ich lasse mir doch wegen so einem Idioten nicht den Spaß verderben“, sagt er, und man nimmt ihm den Brustton der Überzeugung dabei ab. Womit der Schüler der Schiedsrichtergilde erhalten bleibt und in seiner persönlichen Laufbahn noch viel vorhat.

Schon bisher ging es Ihring, der auch selbst Fußballer ist, als Unparteiischer meist schnell und steil nach oben. Wie für Neulinge üblich, startete er vor vier Jahren mit der Leitung von Mädchen- und Juniorenspielen. Durch die untersten Männerklassen durfte er regelrecht marschieren: „Ich habe nur zwei D-Liga-Spiele gepfiffen“, schildert er, dass die niedrigste Klasse nur eine blitzschnelle Durchgangsstation war. Diese zwei Partien seien übrigens „der Horror“ gewesen, gibt er zu. Und hat festgestellt: „Je höher man pfeift, desto mehr Spaß macht es.“ Was Beobachter der Szene gut nachvollziehen können: Schließlich werden die Spieler von Klasse zu Klasse besser und vor allem disziplinierter. Dann steht der Kern des Fußballs zunehmend stärker im Fokus als Tretereien und Gemecker. Doch gerade in schwierigen, unangenehmen Situationen lerne man viel, ist sich Ihring zugleich bewusst. „Schiedsrichter zu sein, ist die beste Persönlichkeitsschulung, die du haben kannst.“

Vom regeltechnischen, läuferischen und allgemein „spielleiterischen“ Talent und Niveau des Unparteiischen, der in Groß-Zimmern wohnt, dessen Vater aber aus Altheim ist (was ihn letztlich zum TSV Altheim führte), zeugen seine Aufstiege. Über die C-, B- und A-Liga landete Ihring bereits als 17-Jähriger in der Kreisoberliga. „Ich bin relativ zügig hoch, bin jedes Jahr aufgestiegen und kam auch jedes Jahr in de Förderkader“, sagt er, den in seiner Karriere die Kreisschiedsrichter-Vereinigung Dieburg unterstützt.

Mittlerweile assistiert Ihring auch in der Gruppenliga – und hofft im besten Fall darauf, dort in der Saison 2020/21 nicht mehr nur als Assistent, sondern nach einem weiteren Aufstieg als Hauptschiedsrichter fungieren zu dürfen. Obgleich er sich wegen der Corona-Krise nach der Winterpause erst mal nicht wie erhofft ins Schaufenster stellen konnte.

Ob’s mit dem Aufstieg in die erste Liga, in der Drei-Mann-Gespanne statt Einzelkämpfer die Begegnungen leiten, klappt, ist noch nicht raus. „Je höher man pfeift, desto mehr entscheiden in den Beobachterbögen Nuancen“, sagt Ihring über den Vergleich der Schiedsrichter einer Klasse, zu deren Leistungen ebenso eine (vom Verband nicht veröffentlichte) Tabelle geführt wird, die über Auf- und Abstieg und damit die höchste Ligazugehörigkeit der nächsten Saison entscheidet. Worauf es neben Regelkenntnis und geschultem Auge sowie sicherem Auftreten und der situativ richtig gewählten Kommunikation ankommt, weiß er derweil genau: „Das Stellungsspiel ist für einen Schiedsrichter unheimlich wichtig.“

Und körperliche Fitness sehr hilfreich, was bei dem 18-Jährigen offenbar gegeben ist: „Pro Spiel laufe ich zehn Kilometer.“

VON JENS DÖRR

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