Japanischer Abend

Viel Zen, Sushi und eine Bambusflöte

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Die Teezeremonie im Ex-Rathaussitzungssaal mit Zeremonienmeister Rigoth. 

Fernöstliche Kultur waberte durchs ehemalige Rathaus: Mit einem japanischen Abend wartete das Arthaus auf und gut drei Dutzend Gäste erfreuten sich an gespenstischem Erzähltheater, dem Klang der Bambusflöte, Sushi-Snacks sowie einer Teezeremonie. 

Altheim - Der kleine Sitzungssaal, er wäre von den ehemaligen Ratsherren, die sich einst politischer Themen wegen in ihm tummelten, nicht wiedererkannt worden. In gedämpftes Licht getaucht fiel sofort das rote Tuch auf, das, angestrahlt von einem Spot, an der Stirnwand herunterhing und vor dem ein winzig kleiner Schemel vor ebensokleinem Ablagebrett stand. Mehr brauchte es für die minimalistische Bühne des Abends nicht. Verteilt im ganzen Raum lagen Sitzkissen, an den Wänden luden Stühle zum europäisch-gewohnten Sitzen ein.

Organisiert und das ausgesuchte Programm zusammengestellt hatte Max Petermann, kulturbeflissener Altheimer mit vielen Wirkungsstätten an Bühnen rund um Darmstadt und Lehrer an der Regenbogenschule. Er zeichnete auch fürs Sushi aus der Kunst-Kantine des Arthauses verantwortlich und führte in passender Kleidung durchs Programm.

Dies sollte mit für abendländische Ohren ungewohnten Klängen seinen Auftakt finden. Volker Ell, staatlich geprüfter Musikerzieher mit Studium in Graz und Darmstadt, griff mal nicht zur Gitarre, sondern zur Shakuhachi, einer japanischen Bambusflöte, die im achten Jahrhundert aus China eingeführt wurde und sich zu einem Meditationsinstrument zenbuddhistischer Mönche entwickelte. „Sie war unverzichtbar in der Zeit, als die Menschen noch als Bettelmönche durch Japans Lande zogen“, meinte Ell. Gefragt, wie er denn zu diesem Instrument mit seinem weichen, geräuschhaften Klang gelangte, hatte er eine einleuchtende, wenngleich ungewöhnliche Erklärung. „Es muss so 1996 gewesen sein. Ich war mit meinem achtjährigen Sohn auf einem Konzert, bei dem dieses Instrument zum Einsatz kam. Mein Sohn schlief sofort ein. Da wusste ich, dieses Instrument muss ich auch spielen können.“

Nein, er brauchte keine Angst zu haben, dass ihm sein Publikum wegdämmerte. Doch entspannten sich die Gesichter bei den entschleunigten, eher leisen, rauchzarten Tönen, die durch den Raum schwangen, in dem dazu auch noch Räucherstäbchen glimmten. Das religiöse Klang-Werkzeug entfaltete seine ganze Kraft.

Damit nicht etwa brandender Applaus die entstandene entspannte Stimmung unvermutet wieder aufwühlen könnte oder doch jemanden grob aus zartem Schlummer riss, verbeugten sich die Gäste vorm Flötenmeister. Grad so, wie sie es zuvor vom Moderator angeraten bekamen. Um nach einem Moment des kontemplativen Innehaltens dann aber doch kräftig Beifall zu klatschen.

Alle Hände voll zu tun hatte sogleich Roger Rigorth, die er dabei allerdings sehr bedächtig bewegte. Der Meister der Teezeremonie schenkte dem Publikum ein, Petermann erwies sich als freundlich-stummer Überbringer heißen Genusses. Das leise einsetzende Gemurmel zum Schlürfen des nach strengen Regeln aufgebrühten Getränks mit seinen Vor- und Nachritualen diente ebenfalls der inneren Einkehr.

So viel der Zenphilosophie auf einmal machte hungrig, und die von Petermann und Kantinenteam angerichteten Sushi-Häppchen aus erkaltetem, gesäuertem Reis, ergänzt um Zutaten wie rohen oder geräucherten Fisch, Meeresfrüchte, Seetang, Gemüse und mehr, fanden so auch gleich großen Zuspruch.

Derart gestärkt, galt nun Andreas Konrad mit seiner Erzählung „Fluch(t) bei sieben“ die ganze Aufmerksamkeit. Die Aura des freischaffenden Schauspielers im blauen Kimono füllte die spartanisch ausgestattete Bühne im selben Moment seines Niederkniens nebst komplettem Sitzungssaal bis in die letzte Ritze aus. Sechs Männer, die sich unterhalten und dabei ebenfalls Geschichten austauschen, verkörperte Konrad nur mit Stimme, Gestik und Mimik. Die von ihm erzählte Story stammt aus dem 15. Jahrhundert, wird seitdem in verschiedenen Variationen weiter gegeben. Seine Version wurde 1940 zu Papier gebracht. Die japanische Kunst des Erzählens zu zelebrieren, dies ist Konrad trefflich gelungen.

VON THOMAS MEIER

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