Aufgabe wegen „unmenschlichen Umgangs“

Unternehmer gibt entnervt auf und stellt Münster schlechtes Zeugnis aus

Hier sollte Altheim in diesem Jahr einen „Airstream-Park“ mit Biergarten, Konzerten und Spielmöglichkeiten für Kinder kriegen. Nach einer missglückten „Zusammenarbeit“ mit der Gemeinde hat Unternehmer Andreas Windfuhr das Projekt aber entnervt aufgegeben.
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Hier sollte Altheim in diesem Jahr einen „Airstream-Park“ mit Biergarten, Konzerten und Spielmöglichkeiten für Kinder kriegen. Nach einer missglückten „Zusammenarbeit“ mit der Gemeinde hat Unternehmer Andreas Windfuhr das Projekt aber entnervt aufgegeben.

Biergarten, Konzerte, Spielplatz: All das wollte Unternehmer Andreas Windfuhr dieses Jahr im „Airstream-Park“ in Altheim bieten. Nun gibt er entnervt auf und stellt der Gemeinde ein schlechtes Zeugnis aus.

Altheim – Als Messebau-Unternehmer hat Andreas Windfuhr derzeit den „Zonk“ erwischt: „Mein Betrieb befindet sich seit einem Jahr im Total-Lockdown“, sagt der Dieburger, der im Altheimer Gewerbegebiet die Firma Windfuhrexpo führt. Die gründete der 58-Jährige schon 1989, siedelte 2016 von Dieburg in den Münsterer Ortsteil um, unweit der B26, einen Steinwurf entfernt vom „Club Rom“. Der Artikel könnte einer über verzweifelte Selbstständige werden, wie sie seit Monaten die Gazetten fühlen. Wird er aber nicht. Er ist vielmehr ein Stück darüber, wie örtliche Wirtschaftsförderung völlig in die Hose gegangen ist. Auch darüber, warum Altheim eine Attraktion entgeht, die ab diesem Sommer den Ort und die Region bereichert hätte: den „Airstream-Park“. Und nicht zuletzt über einen Unternehmer, der die Krise kreativ meistern, Jobs schaffen und Steuern generieren wollte. Doch sein Projekt nun unter herber Kritik an der Gemeinde und ihrem Bürgermeister entnervt aufgegeben hat.

Seit bald 13 Monaten ist für Windfuhr im Kerngeschäft kein Staat mehr zu machen. „Auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin waren wir Ende Februar 2020 schon beim Aufbau eines Stands, als die Messe abgesagt wurde“, blickt er, der drei Mitarbeiter beschäftigt und dessen Aufträge mehrere Subunternehmen füttern, zurück. Es folgten der „Abriss im Aufbau“, der erste Lockdown und triste Aussichten für eine ganze Branche, in die bis jetzt wenig Zuversicht zurückgekehrt ist.

Darüber hinaus erschwerte die Corona-Krise Windfuhrs Vorhaben, das zweite, noch junge Standbein seiner Firma auszuweiten. Der gelernte Schreiner und Berufsschul-Lehrer fürs Baugewerbe kauft alte amerikanische Wohnwagen der Marke Airstream und baut sie zu Food- und Eventtrailern um. In seiner gemieteten Werkstatt- und Lagerhalle und auf der benachbarten – von der Gemeinde Münster gepachteten – Außenfläche im Altheimer Gewerbegebiet kreiert der Dieburger mobile, vielfältige Hingucker in der für Airstreams unverwechselbaren Optik, der abgerundeten Alu-Karosserie. Die aus den USA überführten, meist aus den 50ern und 60ern stammenden Wohnwagen vermietet und verkauft er nach Entkernung und Neuausstattung als fahrbare Bars, Cafés, Lounges und Besprechungsräume für Events aller Art. Nur nicht für die Nutzung vor der Haustür.

Randvoll bis unters Dach ist die Werkstatt- und Lagerhalle von Andreas Windfuhr.

Denn eigentlich wollte der Geschäftsmann 2021 verstetigen, was im Vorjahr als kleiner Testballon vielversprechend begonnen hatte. In Kooperation mit dem Altheimer Arthaus und dem Segen der Gemeinde waren vergangenen Corona-Sommer auf seinem Außengelände kleine Konzerte vor limitiertem Publikum über die Bühne gegangen. Dazu hatte Windfuhr einen seiner Gastro-Wagen geöffnet, aus dem Getränke und kleine Gerichte gereicht wurden. Auch wenn gerade keine Band spielte, kam so ein paar sommerliche Wochenenden lang ein gemütlicher Biergarten in Gang. „Nicht nur Altheimer und Münsterer, sondern Ausflügler aus der ganzen Region sind gekommen“, berichtet Windfuhr. Das Gelände liegt nahe einem beliebten Fahrradweg; die neue Adresse begann sich herumzusprechen, der Zuspruch zog an.

Für Windfuhr Anlass, die Verstetigung des Angebots ab 2021 anzugehen. So wollte er der anhaltend mauen Lage im Messebau ein weiteres Geschäftsmodell entgegensetzen, zugleich ein paar Mini-Jobs schaffen, „ich kenne viele Leute, die momentan händeringend danach suchen“. Und um ein schönes Fleckchen für alle Generationen zu errichten. Die Landschaft aus Wohnwagen, zwei Bühnen, Biergarten-Mobiliar und Spielmöglichkeiten für Kinder sollte „Airstream-Park“ heißen. Für weitere Kooperationen mit dem Arthaus-Verein war Windfuhr offen.

Nach drei erfolgreichen Testmonaten, die auch problemlos genehmigt worden seien, tat der gebeutelte Unternehmer im September 2020 sein künftiges Vorhaben der Gemeindeverwaltung kund. „Letztlich auch als Selbsthilfe-Konzept in einer unternehmerischen Notlage, mit dem ich meine Food- und Eventtrailer zugleich etwas hätte bewerben und bekannter machen können“, sagt er, der für die nächsten Jahre nicht mit einer Rückkehr des Messegeschäfts auf Vor-Corona-Niveau rechnet. Es begann eine „Zusammenarbeit“, an der der Firmeninhaber kein gutes Haar lässt.

Auf seine erste E-Mail hin passierte erst einmal: nichts. „Nach dreimonatiger Wartezeit habe ich eine erste Reaktion bekommen.“ Die Kommunikation mit dem Rathaus nennt Windfuhr „bräsig“, lediglich eine Mitarbeiterin habe sich „sehr bemüht“. Der Wille, ihn bei der dauerhaften Einführung eines Biergartens im US-Stil im Altheimer Gewerbegebiet zu unterstützen, sei insgesamt aber „in keiner Form spürbar“ gewesen. „Nicht einmal der Verweis auf zu erwartende Gewerbesteuer bewirkte irgendetwas“, erzählt er.

Zudem fiel die inhaltliche Antwort ernüchternd aus. Denn obwohl Windfuhr mit Wohnwagen, Bühne und Mobiliar ausschließlich Elemente in die Biergarten-Landschaft platzieren wollte, die sich binnen weniger Stunden wieder entfernen lassen, teilte ihm die Gemeinde mit, dass er beim Kreisbauamt in Darmstadt Bauanträge stellen müsse, „unter anderem für jeden Foodtrailer einen, was sich auf 6 000 Euro summiert hätte, ohne Gewähr, dass ich letztlich auch die Genehmigung bekomme“. Formal ein korrektes Vorgehen, wie Bürgermeister Joachim Schledt (parteilos) erläutert: „Wenn du etwas Mobiles 14 Tage lang stehen lässt, wird es immobil und du brauchst eine Baugenehmigung.“ Das sei auch sein Hinweis an Windfuhr gewesen, nachdem der Unternehmer nach seiner Aussage einen „Bettelbrief als letzte Hoffnung“ direkt an den Bürgermeister geschickt und dieser das Thema zur Chefsache gemacht hatte.

Wie der weitere Akt der Wirtschaftsförderung ausfiel, darüber gehen die Ansichten von Schledt und Windfuhr weit auseinander. Schledt betont: „Ich fand das Konzept klasse und hätte es gern unterstützt.“ Er habe Windfuhr mitgeteilt, dass er die Möglichkeit habe, das Baugenehmigungsverfahren „wohlwollend zu begleiten“. Beim verhinderten Biergarten-Betreiber, der auch auf Beispiele aus Nachbarkommunen verweist, wo für ähnliche Angebote keine Baugenehmigung verlangt wurde, kam das anders an: „Über den Bürokraten-Irrsinn mit den Bauanträgen und hohen Kosten kann man ja streiten“ sagt er. „Was jedoch kolossal erschreckend ist, ist der abgezockte, im Wortsinne unmenschliche Umgang mit einem ortsansässigen Gewerbebetrieb in diesen Zeiten.“

Insofern ist Windfuhr nun ziemlich verbittert. „Statt erhoffter behördlicher Unterstützung wurden mir derart viele Möglichkeiten der Nicht-Genehmigung präsentiert, dass ich das Projekt abgesagt habe.“ Daran änderte auch ein Gesprächsangebot, das Schledt dem Unternehmer im Zuge der Recherche unserer Zeitung kürzlich machte, nichts mehr. Windfuhr hat sein Urteil gefällt: „Viele andere Gemeinden, Städte, die Länder und der Bund halten seit langer Zeit proaktiv unbürokratische, unkonventionelle Konzepte und Hilfen für die Wirtschaft vor. Die Gemeinde Münster nichts. Hier werden nicht mal die einfachsten kleinen Vorhaben unkompliziert auf den Weg gebracht.“ (Von Jens Dörr)

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