Baustoffe zurückgewinnen

Stadt hebt Projekt „Wiebauin“ aus der Taufe

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Im Ortskern Münsters gibt es viel alte Bausubstanz, die ein Recycling lohnte.

Münster – Das Projekt „Wiebauin“ – Wiederverwendung von Baumaterialien innovativ – wurde am Donnerstagabend offiziell im Rathaus-Sitzungssaal Münster aus der Taufe gehoben. Von Thomas Meier

Es verfolgt das Ziel, die knappen natürlichen Ressourcen des ländlichen Raums zu sparen und Wege zu finden, um alternative Quellen für Bauteile und -materialien nutzbar zu machen. Daran beteiligt sind mehrere Abteilungen der Technischen Universität Darmstadt, die eng zusammenarbeiten mit den kommunalen Partnern aus den Gemeinden Münster und Otzberg, dem Landkreis Darmstadt-Dieburg, der Stadt Darmstadt sowie dem Kompetenzzentrum Innenentwicklung und dem Institut für kommunale Geoinformationssysteme (IKGIS).

Vor zwei Dutzend Besuchern beschrieben die Experten und Macher das Projekt „Wiebauin“ im Rathaus in Münster.

Münsters Erster Beigeordneter Jan Stemme, der den Bürgermeister vertrat, freute sich vor zwei Dutzend Zuhörern und Projektvertretern über das Interesse am Projekt, sei doch Müll „die größte Herausforderung gleich nach dem Klimawandel“. Die Meere würden weltweit als Endlager missbraucht und nachhaltiges Recycling zu fördern sei wichtig angesichts dessen, dass nur 20 Prozent an Wertstoffen wiederaufgearbeitet würden und 80 Prozent auf Deponien und in der Umwelt landen.

Stemme sprach dem Wiederverwenden das Wort, die Lebensdauer von Produkten müsse erhöht werden. Und weil gar Sand zur wertvollen Ressource geworden sei, gelte es nun auch, den Baustoffen große Beachtung zu schenken: „Bauteile in Beton gehören nicht auf die Deponie, sondern müssen in den Kreislauf zurückgeführt werden.“

Die Moderation des Abends hatte Prof. Hans Joachim Linke von der federführenden TU Darmstadt inne, der auch das TU-Projekt AktVis mitbetreut, das sich Münsters Ortskernsanierung annimmt. Er erinnerte, dass sich die 23 Kommunen des Kreises bereits 1992 entschlossen haben, die Aufgabe der Abfallsammlung gemeinsam anzugehen und die Synergieeffekte zu nutzen, um Kosten einzusparen. Der Kreis verfüge zudem über umfangreiche Erfahrungen bei der Wiederverwertung von Elektrogeräten: „Wertvolles Wissen, das in ,Wiebauin’ für die Wiederverwendung von Bauteilen genutzt werden kann.“

Linke lobte Münster. Die Kommune habe erkannt, das ihr historischer Ortskern von strukturellem Leerstand bedroht sei: „Ortsbildender Quartiersumbau soll dem entgegenwirken.“ In enger Abstimmung mit den Eigentümern könne eine Wiederverwendung von Bauteilen und -materialien aus nicht erhaltenswerter Bausubstanz zu einer nachhaltigen Ortsentwicklung beitragen.

Wie so etwas funktionieren kann, sollte Otzbergs Bürgermeister Matthias Weber erläutern. Otzberg ist von sinkenden Einwohnerzahlen, überalterter Bevölkerungsstrukturen und Leerstand in den historischen Kernen seiner kleinen Ortsteile betroffen. Nicht mehr nutzbare Gebäude werden als Potenzial angesehen. Seit 2014 ist Otzberg in der Dorferneuerung. Als vor ein paar Jahren eine Straße im Ort umgebaut wurde, fielen die alten Pflastersteine dem neuen Asphalt zum Opfer.

Plastik lieber recyceln als Bio-Alternativen verwenden

Einige Bürger sagte, die seien zu schade zum wegwerfen. Sie wurden zwischengelagert, ohne dass man wusste, was man damit will. Letztes Jahr wurde ein altes Haus der Gemeinde niedergelegt. Dort waren es die Fenster, Sandsteingefache und -elemente sowie alte Eichenbalken, die „gebunkert“ wurden. Irgendwann schrieb eine Zeitung über das damals noch nicht so genannte „Wertstofflager“. Und Bürgermeister Weber bekam von vielen Seiten Anfragen: „Zuerst waren die Fenster weg, dann Sandsteinelemente, und von den Balken sind nur noch wenige vorhanden.“

Klar, dass Bürgermeister Weber von „Wiebauin“ bereits überzeugt ist: „Und zwar nicht nur, um politische Strömungen zu bedienen. Das Konzept hat für die Umwelt, den Geldbeutel, für uns alle großen Nutzen.“

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