Bemalte Steine

Hobby aus den USA kommt in der Region an: Freundliche „Rocks“ unter der Trauerweide

Ottifant-Wacker an der Hafenmauer in Greetsiel.
+
Ottifant-Wacker an der Hafenmauer in Greetsiel.

Auf dem Feld zwischen Münster und Eppertshausen liegen bunt-bemalte Steine. Was dahinter steckt? Ein ungewöhnliches Hobby, dessen Ursprung hinter dem Atlantik liegt.

Münster/Eppertshausen – Die Trauerweide auf dem Feld zwischen Münster und Eppertshausen nahe des Gersprenzstadions hat schon so manchen Sturm und vor allem radikale Rückschnitte durch die Gemeinde überlebt, aber sich bislang stets erholt. Derzeit bietet sie allerdings eher ein Bild des Dauerns, derart radikal wie sie gekappt wurde. Und doch suchten sich ausgerechnet den Stumpf in der sattgrünen Landschaft Kreative aus, den Kahlschlag zu verschönern:.

Knapp zwei Dutzend bunte Steine bilden einen Halbkreis um den mächtigen Stamm. Regenbogen strahlen mit der Sommersonne um die Wette, fantasievolle Südseelandschaften erinnern an längst vergangene Urlaube, farbenfrohe Gesichter schauen durchs nachwachsende Gras. Unter der Weide blüht seit einigen Wochen schon die Hoffnung auf. Der Platz neben dem alten Feldkreuz mit der Bank wurde auserkoren für ein in unserer Region noch selten anzutreffendes Hobby: Steine zu bemalen und sie zur Freude aller Passanten auszusetzen in der Natur oder auch zwischen tristen Häuserschluchten. Und längst sind es nicht nur Kinder, die begeistert mitmachen beim „Auswildern und Versetzen“ der bunten Botschaften.

Traumlandschaft und Sonne unter gefällter Trauerweide zwischen Münster und Eppertshausen: Die Steinallee soll wachsen, wünschen sich die kreativen Bemaler. Fotos:

„Alles wird gut“ stand auf einem Kiesel, jeder Buchstabe in einer anderen Farbe aufgetragen. Große Steine, kleine , wohlgeformt-glattgeschliffene und krumpelige Wacker, Marienkäfer, Monster, Regenbogen mit Wolken – alle Motive sind möglich. Zu Anfang lag noch ein laminiertes Schreiben im Halbrund: „Bitte liegen lassen. Unsere Steine gehören zu einem Spiel“ war darauf zu lesen und die Anregung: „Bemalt einen Stein und legt ihn dazu. Wir schauen, wie lang die Steinkette wird.“ Jeder, insbesondere Kinder, könnten Steine bemalen und diese Zeit ein kleines bisschen schöner machen.

Mal sehen, wie sich diese Schlange aneinandergereihter Hoffnunszeichen noch entwickelt in Corona-Zeiten. Einige Steine verschwanden bereits, andere kamen hinzu, derzeit stockt es etwas mit dem Ausbau auf dem Feld.

Doch liegt der Ursprung des Spiels weiter zurück. Die Stein-Zeitzeichen tauchen inzwischen überall in Deutschland auf. Von der Nordsee bis an die Alpen, irgendeiner hatte die Idee, irgendwo, es lässt sich nicht mehr zurückverfolgen, aber auf Facebook oder Instagram bewundern. Dort sieht man Reihen von Steinen, die sich einen Hügel hinaufschlängeln, die der Betonwüste der Städte etwas entgegensetzen. Mit jedem Tag werden diese Steinreihen länger und formen sie sich zu einem stillen Protest: He, wir sind auch noch da!

Vor allem im Norden Deutschlands begeistern sich zunehmend mehr Menschen dafür, Steine zu bemalen. Im Internet gibt es zahlreiche Gruppen, in denen Menschen selbstbemalte oder gefundene Steine posten. Die „Gruppe Küstensteine“ hat inzwischen rund 25 000 Mitglieder, bei „ElbStones“ sind rund 20 000 Menschen Mitglied.

Die Idee hinter den zahlreichen Steine-Gruppen ist immer die Gleiche: Menschen eine Freude machen.

Die bemalten Steine im Gras.

In den USA gibt es schon länger Menschen, die Steine mit Botschaften auslegen. Im Jahr 2015 startete die Aktion „Kindness Rocks Project“ Und das „Freundliche Felsen Projekt“ schwappte über den großen Teich.

Schon die vor Urzeiten gemalten Höhlenzeichnungen künden von des Menschen Drang, Spuren zu hinterlassen. Stein ist dafür gut geeignet, weil überall vorhanden und witterungsfest. Ideal, um den Schaffenden wie auch den Findern kleine Glücksmomente schenken.

Die Dieburgerin Sarah Jessing wurde erstmals am Jadebusen fündig. Analog. Sie verschlug es beruflich in den Norden, „und in Gretsiel liegen auf 50 Metern Steinschlangen auf der Hafenmauer“, berichtete sie ihren Freundinnen mit „Beweisfotos“ via WhatsApp. Sie legte beim Besuch in der Heimat auch Steine aus. Selbstbemalte und „Ausgewilderte“, also solche, die sie sich im Tausch gegen einen selbstbalten Kiesel mitnahm, um ihn anderswo abzulegen. Im Odenwälder Felsenmeer fand sie ein als Blume in Orange und Ocker verziertes Exemplar, auf dessen Unterseite gar die E-Mail-Adresse der Malerin stand. Sie postete ihren Fund, um noch am gleichen Nachmittag Antwort aufs Handy zu bekommen: „Ich freue mich, dass mein Stein jetzt so weit reist und wohl auch in gute Gesellschaft kommt“, lautete die Antwort der Steinbemalerin.

Damit Fotos von den Steinen öffentlich werden und immer mehr Menschen von den Gruppen erfahren, bitten die Verantwortlichen der Netzwerke in der Regel darum, den Gruppennamen und das Facebook-Symbol auf den Stein zu schreiben. Eine weitere Bitte betrifft den Umweltschutz: „Bitte klebt nichts auf die Steine und verwendet möglichst umweltfreundliche Farben“, heißt es etwa bei der Gruppe Küstensteine. Es sollte auf ungiftige Farben geachtet werden und zum Versiegeln der Farbe idealerweise Leinöl statt Lack verwendet werden.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare