Wenige Optionen für Maßnahmen gegen Überflutungen in Münster

Kaum Platz an der Gersprenz

Problematisch ist der Hochwasserschutz, wenn die Gersprenz, wie hier in der Dammstraße, direkt an die Wohnbebauung grenzt.
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Problematisch ist der Hochwasserschutz, wenn die Gersprenz, wie hier in der Dammstraße, direkt an die Wohnbebauung grenzt.

Bei einer Infoveranstaltung zum Thema Hochwasserschutz Ulrich Hartmann vom Regierungspräsidium Darmstadt, Matthias Sottong, Geschäftsführer beim Wasserverband Gersprenzgebiet, und Niels Thoma, Ingenieur der BGS Wasser, über die Möglichkeiten zum Schutz vor Überflutungen an der Gersprenz in Münster referiert.

Münster – Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat ganz Deutschland aufgerüttelt: In vielen Städten und Gemeinden, die an Flüssen liegen, wird derzeit eruiert, wie sich der Hochwasserschutz verbessern lässt. Auch in Münster, wo die Gersprenz ebenso wie plötzlich einsetzender Starkregen eine Gefahr darstellen kann. Auf Einladung der Gemeinde Münster bestand für die Bürger nun bei einem Infoabend in der Kulturhalle die Möglichkeit, sich über den Stand der Planungen zum örtlichen Hochwasserschutz aufklären zu lassen.

Mit Ulrich Hartmann vom Regierungspräsidium (RP) Darmstadt, Matthias Sottong, Geschäftsführer beim Wasserverband Gersprenzgebiet, sowie Niels Thoma, Ingenieur der BGS Wasser, waren dazu gleich drei Referenten geladen. Durch die gute Resonanz von fast 100 Bürgern nahm die anschließende Fragerunde einen weiteren Schwerpunkt ein.

450 Einwohner und 17 Straßen in Münster (Hessen) wären von Überflutung betroffen

„Bereits 2015 wurde aufgrund von EU-Richtlinien ein Hochwasserrisikomanagementplan, kurz HWRMP, für Münster angegangen“, erläuterte Ulrich Hartmann. Dieser kam aber nur schleppend voran und Präventionsmaßnahmen blieben bis dato aus. In den zurückliegenden Monaten erstellte das RP mit modernsten Verfahren zur Geländevermessung, darunter per Laser und mit dem Einsatz von Flugzeugen, neue Risiko- und Gefahrenkarten. Das Ergebnis gibt Aufschluss über voraussichtliche Überschwemmungsgebiete bei einer Jahrhundertflut der Gersprenz. 17 Münsterer Straßen und 450 Einwohner wären betroffen. Wie schon bei den ersten Prüfungen vor sechs Jahren schlägt der HWRMP auch jetzt den Bau einer Mauer vor. Laut Matthias Sottong schmälern bereits mehrere eingerichtete Überflutungs- und Stauräume im Odenwald, im Fachjargon Retentionsräume genannt, das Risiko. Sie sorgen etwa im Fischbachtal, in Reichelsheim oder in Groß-Bieberau dafür, dass bei hohen Pegelständen Wasser aus der Gersprenz abgeführt wird und flussabwärts liegende Kommunen nicht erreicht. Laut den Experten kommt Münster für einen bestmöglichen Schutz aber trotzdem nicht um den Bau einer Mauer herum. Die Kosten trägt das Land Hessen.

Auf die praktische Umsetzung der Wand ging Niels Thoma von der BGS Wasser ein. Das Darmstädter Ingenieurteam entwickelt mit Blick auf den Klimawandel Lösungen zum Schutz vor schadbringenden Überflutungen. Wegen der geringen Platzverhältnisse sieht BGS Wasser die Optionen in der Gemeinde als eingeschränkt. „Ans steile Bachufer der Gersprenz schließen sich oft direkt Grundstücke an. Rad- und Fußweg verengen zusätzlich die Korridore“, erklärte Thoma. Das mache das Aufschütten von Dämmen und Hügeln schwierig. Zwei Betonmauer-Abschnitte mit Höhen von 50 bis 80 Zentimeter hat Thoma deshalb vor Augen. Dazwischen sollen Überschwemmungsflächen helfen. Zum Überwinden der Wand sind für Fußgänger Treppen vorgesehen. Dass in Münster bei einer Jahrhundertflut ähnliche Szenarien wie im Ahrtal mit Gefahren für Leib und Leben oder abrissreifen Häusern entstehen, sieht der Projektingenieur als nicht realistisch. Eher gehe es darum, den Weg des Wassers in bebaute Areale beziehungsweise in die Keller zu verhindern. Noch steckt BGS Wasser in den Entwurfs- und Genehmigungsplanungen. Sind diese abgeschlossen, erfolgen Überprüfung und Freigabe durch das RP.

Reges Interesse: Fast 100 Bürger haben die Infoveranstaltung in der Kulturhalle besucht.

Die Münsterer Bevölkerung ist gespalten über die Mauer. Einigen Bürgern geht es nicht schnell genug, andere lehnen sie ab, weil dadurch Einfahrten verengt werden. Einwände können in einem Vor-Ort-Termin vorgetragen und damit könne eventuell eine veränderte Führung erreicht werden. Größtenteils würde die Konstruktion auf öffentlichem Grund stehen, an einigen Stellen aber auch unausweichlich auf Privatboden. „Wo nehmen Sie in diesem Fall die Sicherheit her, dass dafür die Eigentümer zustimmen?“, fragte ein Bürger. „Eine solche Sicherheit gibt es nicht, weshalb die Besitzer bereits für Gespräche angeschrieben wurden“, sagte Sottong. Neben einer Einverständniserklärung, Entschädigungsforderungen bis hin zur Ablehnung sind vielerlei Reaktionen möglich. Bei Ablehnung wäre sogar ein Planfeststellungsverfahren denkbar, bei dem am Ende Behörden oder Gerichte entscheiden müssten, ob für den Bau das Privat- oder das Gemeinwohl höher wiegt. Damit wäre ein jahrelanges Prozedere verbunden, weshalb die Planer eine Einigung anstreben.

Nicht leichter macht die Errichtung der Mauer, dass unter ihr zum Teil Versorgungsleitungen liegen oder sie den Bahndamm berührt. Wie die Erfahrung besagt, zeigt sich die Bahn stets sensibel, wenn es um Eingriffe in ihre Anlagen geht. Dazu lasse sie sich für Genehmigungen stets Zeit.

Hundertprozentiger Schutz vor Hochwasser ist auch in Münster (Hessen) nicht möglich

So blieb am Ende des Info-Abend ein großes Fragezeichen, wann die Mauer kommt und wann es von der Vorplanung, gerade ist man beim Schritt Bürgerbeteiligung, in die eigentliche Planungsphase übergeht. „Wasserwirtschaftliche Baumaßnahmen brauchen Zeit. Da spielen viele Faktoren mit rein, wie der Umweltschutz in den Uferbereichen“, erklärte Sottong. Neben Privatpersonen können öffentliche Träger ebenfalls noch Einspruch erheben. Der Finanzierungsantrag beim Land, Ausschreibung und Vergabe sowie die Bauleistung verlangen des Weiteren Geduld. Doch selbst wenn die Wand schneller kommt als erwartet, bleibt auch dann eine Tatsache unverändert: „Trotz aller Maßnahmen – es gibt keinen hundertprozentigen Schutz vor Hochwasser“, bekräftigten alle drei Referenten. (Michael Just)

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