Jetzt nicht mehr nur in tiefen Tönen

Wie die Münstererin Nathalie Pohl im Lockdown ihren Depressionen begegnet

Das Tubaspielen im Musikverein Münster und das Malen helfen Nathalie Pohl, ihren Depressionen auch im zweiten Lockdown erfolgreich zu begegnen.
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Das Tubaspielen im Musikverein Münster und das Malen helfen Nathalie Pohl, ihren Depressionen auch im zweiten Lockdown erfolgreich zu begegnen.

Nach einem Burnout 2019 schaffte sie die erfolgreiche Rückkehr ins Leben. Sie sagt: „Der Musikverein war meine Rettung aus der inneren Misere.“

Münster – Immer wenn der Sog Nathalie Pohl wieder hinab zu ziehen droht, macht sie sich ihre Stärken und Möglichkeiten bewusst: „Ich überlege, was mir gut tut“, sagt die 53-Jährige aus Münsterer und zählt auf: „Spaziergänge, Malen, die Tuba. Das Wissen, dass ich Hilfe bekomme, wenn ich sie brauche. Und meine soziale Familie.“

Zu letzterer gehört auch das „Horsch e-mol(l)“-Orchester des Musikvereins, das im Leben der facettenreichen Frau eine enorm wichtige Rolle spielt. Nathalie Pohl hat Depressionen, erlebte vor knapp zwei Jahren ihren gesundheitlichen Tiefpunkt. Nach erfolgreichem Kampf zurück ins Leben hat sich mit Corona und vor allem dem zweiten Lockdown gerade die nächste Hürde aufgebaut. Wie die alleinerziehende Mutter die Aufgabe meistert? Das hier ist ihre Geschichte.

„In meiner Therapie habe ich herausgearbeitet, dass ich schon seit meiner Jugend Depressionen hatte“, erzählt Pohl. „Mit 13 hatte ich meinen ersten Selbstmordversuch.“ Jahrzehnte schwelten die Belastungen, mal mehr, mal weniger. „Ich habe immer mal wieder eine ambulante Therapie gemacht, aber auch mal fünf Jahre lang nix“, blickt sie zurück. Seit ihre inzwischen volljährigen Töchter drei und sechs waren, ist die Münstererin alleinerziehend, arbeitete im Knochenjob Krankenschwester. Was alles immer irgendwie klappte, wie auch Pohl meist funktionierte, als Mutter wie als Arbeitnehmerin. Bis zum Crash im Frühjahr 2019: „Da hat mir meine Psyche die Rote Karte gezeigt.“

Vorausgegangen war 2018 ein Jobwechsel. „Damals habe ich eine neue Stelle angetreten, in der Dialyse am Klinikum Darmstadt.“ Was Pohl schnell zusetzte: „Der Stress und die Belastung waren extrem, Rufbereitschaft, Schichtdienst. Es gibt sicher Leute, die das aushalten. Ich konnte es nicht.“

Einige Monate lang quälte sich die Krankenschwester durch den beruflichen Alltag. „Nach und nach kam alles zutage“, erinnert sie sich. „Ich hatte Angst- und Panikattacken, Herzrasen, konnte nicht mehr ein- und durchschlafen.“ An Ostern 2019 hatte sie ein paar Tage frei. „Ich hatte eigentlich ein paar Dinge unternommen, die mir gut taten. Dienstag hätte ich wieder zur Arbeit gemusst. An Ostermontag aber kamen die Suizidgedanken.“

Es hatte sich etwas aufgestaut. „Die Gedanken kreisen, das ging in einem Strudel abwärts“, sagt Pohl: „Man merkt gar nicht, wie es abwärts geht. Außerdem hat man ja gelernt: Reiß dich zusammen!“

Am Ostermontag war das aber nicht mehr möglich: Burnout. Ihre Rettung leitete Pohl noch selbst in die Wege: In der Stunde ihrer schlimmsten Gedanken teilte sie sich zwei Freundinnen mit. Eine stand 30 Minuten später vor der Tür, packte sie ins Auto und fuhr sie nach Groß-Umstadt ins Zentrum für Seelische Gesundheit. „Dort ist mir sofort ein Gebirge vom Herzen gefallen.“

Zwar sollte die Diagnose – schwere rezidivierende (sich wiederholende) Depression – noch folgen. „Doch ab dem Moment, als ich in der Psychiatrie war, ging es mir besser“, sagt Pohl. „Dort hatte ich mein Zimmer, mein Essen, habe zu Beginn einfach nur mit meiner Zimmergenossin gepuzzelt. Ich durfte einfach nur sein, das hat mir gut getan.“

In den Wochen im Zentrum stellte eine Ärztin Nathalie Pohl nicht nur medikamentös ein. „Sie hat mich auch gefragt: Was hält Sie am Leben?“ Eine der Antworten, die die Patientin gab: die Musik. 2016 hatte sie sich einen Traum erfüllt und beim Einsteigerorchester „Horsch e-mol(l)“ des Musikvereins Münster mit dem Lernen eines Instruments begonnen: „Ich habe alles ausprobier. Bei der Tuba war es dann Liebe auf den ersten Ton.“

So sollten auch die Stunden mit Musikpädagoge Thomas Martin zur Stabilisierung beitragen. „Er hat mich zunächst nur tiefe Töne spielen lassen. Das war so wohltuend!“ Noch in Groß-Umstadt probierte sie auch andere heilsame Aktivitäten aus, Yoga, Tanztherapie. „Schließlich habe ich das Malen für mich entdeckt. Ich wusste gar nicht, dass ich so ein Kreativmonster bin“, meint sie augenzwinkernd.

Nach dem stationären Aufenthalt kehrte sie allmählich in den Alltag zurück. „Ich war zunächst verunsichert. Doch besonders der Musikverein als soziale Familie hat mir den Rücken gestärkt.“ Ein Jahr nach dem Knockout stieg sie wieder ins Berufsleben ein; seither arbeitet sie im Kinderwunschzentrum Frankfurt und nebenberuflich im Ärztlichen Bereitschaftsdienst der Malteser.

Womit dieser Artikel enden könnte. Hätte da nicht vor einem Jahr ein Virus die Welt verändert und die sozialen Kontakte der Menschen massiv eingeschränkt.

„Den ersten Lockdown habe ich gut verkraftet“, erzählt Pohl, obwohl sie nur sechs Wochen nach ihrem Einstieg im Kinderwunschzentrum erstmal in Kurzarbeit musste. „Das war damals wie ein kleines Abenteuer. Ich habe gekocht, gemalt und bin spazieren gewesen.“ Der Frühling und die positive Entwicklung gen Sommer taten ihr Übriges zum Wohlbefinden.

Ganz anders dann der zweite Lockdown, der nun schon seit mehr als drei Monaten dauert. „Insgesamt war dieser Lockdown schwerwiegender.“ Im November sei „eins zum anderen gekommen“, unter anderem ein Beziehungsende. „Ich habe gemerkt, dass mich der Sog wieder nach unten zieht und auch wieder Suizidgedanken aufkommen. Die sind wie ein Dieb, der sich einschleicht.“ Doch diesmal wehrte das „Kreativmonster“ den Anfängen – und machte den „Dieb“ dingfest. „Seit Januar bin ich wieder stabiler“, freut sich die Münstererin, die gelernt hat, wie sie den Depressionen begegnen kann. „Es hilf, sich seine eigenen Stärken bewusst zu machen und zu sammeln, was einem gut tut.“ Wichtig sei es zudem, „sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht“. Sie selbst hole sich nach wie vor einmal wöchentlich Unterstützung „von einer superguten Therapeutin“. Wer Hilfe brauche, der bekomme sie auch, schildert sie ihre guten psychotherapeutischen Erfahrungen. „Explizit in diesem Lockdown haben viele Menschen Depressionen oder depressive Verstimmungen“, sagt sie. Deshalb sei es jetzt besonders wichtig, „das Stigma der Depression aus den Köpfen zu reißen. Es ist eine Erkrankung, wie jede andere.“ Man müsse vor einer Therapie keine Angst haben.

Nun endet der Artikel über Nathalie Pohl wirklich, doch einen Aspekt möchte sie noch ausführen: „Der Musikverein Münster hat mir extrem geholfen und war meine Rettung aus der inneren Misere!“ Denn obwohl seit Monaten keine klassische Orchesterprobe mehr möglich ist, steckt der Verein den Kopf nicht in den Sand. „Der Vorstand hat sich ganz viele Gedanken gemacht“, lobt sie. Ein virtueller Stammtisch und reichlich Kommunikation wahren das Wir-Gefühl. Das Orchester erhielt online Stücke zum Einüben, woraus ein gemeinsames Video entstand. Per Tuba trug auch Nathalie Pohl ihr Scherflein bei. Jetzt nicht mehr nur in tiefen Tönen. (Von Jens Dörr)

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