Kristin Wicher demonstriert ihre Kunst

Fragmente mit engem Ortsbezug

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Kristin Wicher zeigte bei der Eröffnung ihrer Kunstausstellung „Fragmente“ wie eines ihrer Werke entsteht.

Altheim - Kristin Wicher hat ein eigenes, kleines Atelier im ARThaus. Und sie hat wohl eine ganz eigene Verbindung zur Wirkungsstätte ihrer Kunst geschaffen.

Manche Dinge entfalten ihre Wirkung nur an einem bestimmten Ort. Wird beispielsweise ein Kunstwerk an einem speziellen Platz positioniert oder an einem außergewöhnlichen Ort erschaffen, entsteht zwischen Kunst und Raum eine besondere Beziehung. Beide Elemente bilden quasi selbst ein neues Kunstwerk. „Site specific“ nennt Roger Rigorth dieses Phänomen. Der renommierte Künstler hielt die Eröffnungsrede zur Vernissage mit dem Titel „Fragmente“. Die studierte Designerin Kristin Wicher, die sich neben ihrem Beruf auch der freien Kunst widmet, hat die Fragmente erschaffen. Sie nutzte das ARThaus, um zwischen ihren Kunstwerken und dem ganz offensichtlich sanierungsbedürftigen Raum den künstlerischen Effekt mit Namen „site specific“ zu erzeugen.

So trafen klare, grafische Strukturen auf ausgetretene Treppenstufen, auf abgewetzte Linoleumböden und vergilbte Tapeten. Das eigene Ambiente des ARThaus’ schuf eine eigenwillige Kulisse für die fragmentarischen Arbeiten der Künstlerin. Rigorth hob Wichers Kunst auf eine fast spirituelle Ebene und regte die Besucher der Vernissage an, über den Begriff „Fragment“ nachzudenken.

„Nahezu alles, was uns umgibt, ist fragmentarisch, ist auf dem Weg, ein Ganzes zu werden“, sagte Rigorth. „So finden wir das Ganze auch nur in der Vergangenheit. Also erst dann, wenn die Geschichte auserzählt ist und die Einzelteile zusammengefügt wurden.“ Auch die Arbeiten von Kristin Wicher sind nicht zu Ende erzählt. Vielmehr lud die Künstlerin die Gäste ein, die Versatzstücke weiter zu bearbeiten, sie auszutauschen und neu zu sortieren. Jeder, der die einzelnen Fragmente zu einem Ganzen fügen wollte, konnte ihnen einen neuen Platz geben, sie stapeln oder wie beim Memory-Spiel umdrehen.

Währenddessen zeigte Kristin Wicher prozesshaft die Entstehung eines Kunstwerks, spannte einen großen Bogen weißen Papiers auf und gab ihm mit Farben und Spachtel ein neues Aussehen und eine neue Bedeutung. Unter der musikalischen Begleitung ihres Ehemanns Carsten Schubert arbeite sie mitunter auch in ihrem Atelier, erzählte die 44-Jährige.

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„Die freie Kunst arbeitet ohne den Druck, sich einer Bewertung stellen zu müssen. Sie folgt allein dem Gefühl“, erläuterte die Altheimerin. Zwar seien ihre Werke häufig von ihrer Ausbildung als Grafikerin beeinflusst. Es sei jedoch befreiend, sich von den eher strengen Strukturen zu lösen und die Kunst wertfrei zu erschaffen.

Der Wandel vom grafischen Design hin zur freien Kunst habe viel mit dem ARThaus und dem Kunstverein zu tun, der in dem ehemaligen Altheimer Rathaus sein Domizil hat. Wicher gehört zu den Gründerinnen des Vereins, der mittlerweile knapp 60 Mitglieder zählt. Kunst und Kultur in den Münsterer Ortsteil zu bringen war das Anliegen von Wicher und den weiteren Vereinsgründern. Ihrer Aktivität und ihres Engagements ist es zu verdanken, dass die Sanierung des einstigen Rathauses nun mit 200.000 Euro aus dem europäischen Leader-Programm gefördert wird.

Von April bis August sollen die Bauarbeiten dauern. Für einige Künstler dürfte dies eine schwierige Zeit werden, ist der Raum doch eng mit ihrem künstlerischen Schaffen verbunden. Wicher selbst ist über den Sommer bereits anderweitig engagiert. „Im Mai vertrete ich mit einer weiteren Künstlerin den Landkreis Darmstadt-Dieburg bei einem Kunstprojekt in Zwickau. Dort werden Werke entstehen, die sich dann auf eine Reise durch verschiedene ausgesuchte Landkreise machen.“ (zeta)

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