INTERVIEW: Mit der Wahl am 14. März endet die Ära dreier langjähriger ALMA-Politiker

Münsters Alternative Liste eher realomäßig unterwegs

Zählten 1984 zu den Gründern der Grünen in Münster und überlassen nach der Wahl im März Jüngeren das Feld (v. l.): Gerhard Bonifer-Dörr, Maria Dörr und Dieter Günther.
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Zählten 1984 zu den Gründern der Grünen in Münster und überlassen nach der Wahl im März Jüngeren das Feld (v. l.): Gerhard Bonifer-Dörr, Maria Dörr und Dieter Günther.

Mit den Hessischen Kommunalwahlen am 14. März endet in Münster die Ära eines Trios: Die langjährigen (ehrenamtlichen) Grünen- und ALMA-Politiker Gerhard Bonifer-Dörr (66), Maria Dörr (64) und Dieter Günther (69) ziehen sich nach dreieinhalb Jahrzehnten von der lokalpolitischen Bühne zurück. Fraktionsvorsitzender Bonifer-Dörr und Günther gehören bis dahin noch dem Parlament an.

Münster – 1984 gehörten alle drei zu den Gründern des Grünen-Ortsverbands Münster. Bonifer-Dörr ist zudem der Urheber der späteren Alternativen Liste Münster-Altheim.

Im Interview blickt das Trio auf seine kommunalpolitische Vita zurück und verrät, was es demnächst mit seiner zusätzlichen Freizeit vorhat.

Frau Dörr, Herr Bonifer-Dörr, Herr Günther: Was hat Sie, damals um die 30 Jahre jung, Mitte der 80er dazu bewogen, politisch aktiv zu werden?

Maria Dörr: Mein Hauptmotiv war angesichts der Umweltgefahren die Bewahrung der Schöpfung für die nachfolgenden Generationen. Und als wir Ende 1981 nach Münster gezogen sind und 1982 unser Sohn Julian geboren wurde, war uns schnell klar: Es gibt hier weder genug Kindergartenplätze noch gar eine Ganztagsbetreuung. So sind wir damals auch mit vielen Dieburger Eltern zur ersten Generation des Vereins „Dreikäsehoch“ in Dieburg geworden, um eine Kinderbetreuung zu organisieren. Und wir mussten und wollten hier kommunalpolitisch etwas bewegen. Der Kreisverband der Grünen fragte bei uns vor den Kommunalwahlen 1985 nach, ob wir Interesse hätten, einen Grünen-Ortsverband zu gründen. 1984 starteten wir dann am Ort. Auf Kreisebene war ich als Grüne Gründungsmitglied und die erste Vorsitzende des Vereins „Frauen helfen Frauen“, der noch heute Träger des Frauenhauses ist.

Gerhard Bonifer-Dörr: Auch in den Jahren 1974 bis 1981, in denen wir in Frankfurt studiert, gewohnt und gearbeitet haben, war der politische Kontakt in die Region Dieburg nie abgerissen. So wie wir uns früher in der Jugendzentrumsbewegung in Münster und Dieburg engagiert hatten, habe ich später in Dieburg und landesweit Kriegsdienstverweigerer beraten und in der Friedensbewegung viele Ostermärsche – auch und besonders an der Muna – organisiert. Parteipolitisch war ich nicht gebunden, habe aber mit der damaligen Grünen Liste Hessen (GLH) sympathisiert.

Dieter Günther: Der Naturschutz lag mir immer schon am Herzen, und ich war bereits seit vielen Jahren im damaligen Deutschen Bund für Vogelschutz (DBV) engagiert, der später zum Naturschutzbund Deutschland wurde. Ich war rund um Münster und im Landkreis aktiv, beteiligte mich aber auch an internationalen Aktionen wie dem Schutz des Vogelzugs gegen die illegale Jagd in Kalabrien. Vom Naturschutz führte mich der Weg direkt zu den Grünen.

Gab es damals – wie im Bundestag – auch auf lokaler Ebene Vorbehalte gegen die Grünen?

Alle: „Strickpulli statt Anzug“ war überhaupt nicht das Thema. Klar wurden wir skeptisch beäugt, wir waren aber auch 1985 ziemlich unbedarft. Einerseits, was die parlamentarischen Spielregeln angeht, und andererseits hinsichtlich der Tatsache, dass man einen langen Atem braucht, wenn man etwas bewegen will. Klar geht uns heute vieles auch immer noch nicht schnell genug, zum Beispiel wenn wir ein Verbot von Glyphosat und Neonicotinoiden auf den gemeindlichen Flächen durchsetzen wollen. Heute wissen wir aber, wo wir den Hebel ansetzen müssen, damit wir zum Erfolg kommen. Und eines stand uns leider fast 30 Jahre im Weg: Die absolute Mehrheit der CDU-Fraktion, die unsere Vorschläge und Anträge an sich abperlen ließ – oder sie nach einer Schamfrist als ihre eigenen Ideen verkaufte.

Die meisten Parteien kommen und gehen. Hätten Sie Mitte der 80er gedacht, dass man drei Jahrzehnte später noch da ist, den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg stellt und ein(e) Grüne(r) realistische Chancen aufs Kanzleramt hat?

Alle: Nun ja, unser Ortsverband war – anders als zum Beispiel die früheren Grünen in Babenhausen – mehrheitlich immer realomäßig unterwegs. Wir wollten durch die parlamentarische Arbeit etwas bewegen. Und wir hatten ja Joschka Fischer in Hessen dann sehr bald als Umweltminister. Dass unser langer Marsch durch die Institutionen aber einen solchen Machtzuwachs mit sich bringen würde, ahnten wir 1984 noch nicht.

Wo ist grüne/ALMA-Politik in den vergangenen 35 Jahren in Münster und Altheim besonders sichtbar geworden?

Alle: Ganz klar in der Einführung einer Ganztagsbetreuung in den Kindergärten. Darauf haben wir zehn Jahre gedrängt, bis die CDU 1994 endlich nachgab und der CDU-Bürgermeister Grimm 1995 in der Stettiner Straße den ersten Kindergarten mit Ganztagsbetreuung eröffnete. Und natürlich im Kulturbereich der Start von „cinema-plus“ in Münster, das ein erfolgreicher Selbstläufer geworden ist, der Freude macht. In den letzten fünf Jahren konnten wir dank unserer parlamentarischen Mehrheit zusammen mit der SPD-Fraktion viele Projekte im Klimaschutz und in der Ortsentwicklung, im Kulturbereich – wir erinnern an das „Arthaus“ in Altheim – anschieben.

Was in Münster sähen Sie in den nächsten Jahren auch ohne Ihr Zutun gern beschleunigt?

Dörr: Endlich eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung.

Bonifer-Dörr: Ortsentwicklung mit mehr Sicherheit für FußgängerInnen und RadfahrerInnen.

Günther: Wiesen, Äcker und Flüsse ohne Gift.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach der Ortspolitik geschmiedet?

Dörr: Wir haben in den über 30 Jahren sehr viel Zeit in unser politisches Engagement investiert. Wir erwarten uns jetzt mehr Zeit für uns selbst, für unsere Enkel, für mehr Bewegung und Laufen, Kreatives, Geocaching. Und für unsere Reisen, die wir bisher immer genau rund um die politischen Pflichttermine planen mussten.

Bonifer-Dörr: Überdies bin ich seit zehn Jahren ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der pro familia Darmstadt-Bensheim und damit Arbeitgeber von 25 BeraterInnen in der Sexualpädagogik, Ehe- und Familienberatung und im Schwangerschaftskonflikt. Dieses Amt braucht stets viel Zeit.

Günther: Ich habe seit vielen Jahren einen zweiten Lebensmittelpunkt in der Lausitz gefunden, wo mein Freund Karsten Nitsch wohnt. Karsten lernte ich bei einer der Aktionen in Kalabrien kennen. Auf seinem Grundstück an der Spree habe ich ein Blockhaus, in dem ich zukünftig in den wunderbaren Naturschutzgebieten und sozusagen mitten unter Wölfen noch mehr Zeit verbringen möchte.

Das Gespräch führte Jens Dörr

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