Geburtstag

Münsters Erster Beigeordneter auch mit 70 politisch aktiv: „Ich will eine echte Hilfe sein“

Vize-Bürgermeister mit Berliner Schnauze: Jan Stemme, Münsters Erster Beigeordneter.
+
Vize-Bürgermeister mit Berliner Schnauze: Jan Stemme, Münsters Erster Beigeordneter.

Münsters Erster Beigeordneter Jan Stemme bleibt auch mit 70 politisch aktiv. 2015 war er eine zentrale Figur der Flüchtlingshilfe in Altheim.

Münster – Den Zungenschlag seiner Geburtsstadt kann Jan Stemme kaum verleugnen: Dem aus Westberlin stammenden Münsterer ist die berühmte „Schnauze“ deutlich anzuhören. Während Noch-Bürgermeister Gerald Frank gern mal für sein kaum gefärbtes Hochdeutsch verulkt wird, klingt in den nächsten Wochen also ein bisschen Dialekt vom Chefsessel im Münsterer Rathaus, gleichwohl kein „Minsderisch“. Wenn Frank in den Sommerferien etwas Kraft für seinen Amtsendspurt tankt, übernimmt Stemme seine Rolle: Als Erster Beigeordneter der Gemeinde ist er auch Münsters Vize-Bürgermeister. ��Mein bisheriger politischer Höhepunkt“, lächelt der bei der ALMA und Grünen engagierte 70-Jährige.

Den „Runden“ feierte Jan Stemme am 19. Mai, mitten in der Corona-Zeit. Für den gelernten Chemotechniker, der nach seinem Studium in Stuttgart-Hohenheim zum Merck-Außendienst in Baden-Württemberg, schließlich zum Hauptsitz in Darmstadt und so auch zur neuen Heimat in Münster fand, ist die virulente Lage persönlich allerdings weit weniger krisenhaft spürbar als jene nationale Herausforderung vor fünf Jahren: 2015 explodierten die Flüchtlingszahlen auch in Südhessen, allein in Altheim mussten fast über Nacht 50 Menschen untergebracht und fortan betreut werden.

Stemme, als Student in der Friedensbewegung und gegen Faschismus aktiv, wurde damals zur zentralen Figur. Zunächst baute er einen Helferkreis von 50 Personen auf. „In drei Monaten bin ich rund 1 000 Kilometer gependelt – nur zwischen Münster und der Sporthalle in Altheim“, blickt er zurück. In der Halle befand sich die Notunterkunft, unter anderem für viele Syrer, die vor dem Bürgerkrieg geflohen waren. Schließlich gründete Stemme den Arbeitskreis Asyl, dessen Vorsitzender er bis heute ist. „Ich habe viele positive Erfahrungen mit den Flüchtlingen gemacht“, sagt er, weshalb ihn manche Diskussion über das Thema „wütend“ mache: „Es gehen tausende Menschen im Mittelmeer unter – und bei uns wären Plätze da, wir könnten Flüchtlinge aufnehmen! Warum sollen wir diesen Menschen nicht helfen?“, fragt er, eher rhetorisch.

Mit dem aktuellen Flüchtlingsmanagement in Münster ist der vielfältig engagierte „Zugeraasde“ – Pressearbeit für die DJK, flexibler Helfer im Heimat- und Geschichtsverein, zwischendurch auch mal Ortsvorstand der Grünen – derweil einverstanden. Überhaupt funktionierten viele Abläufe in der Gemeinde weitaus besser, als es die konfrontativen Auseinandersetzungen zwischen SPD/ALMA-Koalition auf der einen und CDU-Opposition auf der anderen Seite in den Parlamentssitzungen suggerierten. „Im Gemeindevorstand herrscht über die Parteigrenzen hinweg eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit“, lobt Stemme.

In der Gemeindevertretung setzt sich der seit 2013 verrentete Wahl-Münsterer schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert ein. 1994 startete er in der Baukommission, wurde 2001 ALMA-Fraktionsvorsitzender, war mit Ausnahme einer Pause (2006 bis 2011) immer als Abgeordneter dabei. 2014 kam er in den Gemeindevorstand, gewann bei den Kommunalwahlen 2016 erneut ein Mandat und wurde zum Ersten Beigeordneten „befördert“. Was im Frühjahr 2021, bei den nächsten Kommunalwahlen in Hessen, nicht enden soll: „Ich kandidiere auf jeden Fall wieder“, hat Stemme schon entschieden.

Dabei nimmt er seine Aufgabe auch dann ernst, wenn der Bürgermeister tatsächlich im Urlaub ist und bei Stemme noch mehr Fäden als sonst zusammenlaufen. „Ich will nicht nur Unterschriften leisten und die Post verteilen“, schildert er, wie er seine Rolle als „Ersatz-Bürgermeister“ interpretiert. „Ich möchte eine echte Hilfe sein.“ Was er in jüngerer Vergangenheit auch sein musste: „Immer wenn Frank verreist war, ist etwas Besonderes passiert“, lacht der Kommunalpolitiker, der seine gertenschlanke Figur durch Nordic Walking und Radfahren konserviert. Während seiner Urlaubsvertretung 2018 musste Stemme eine Krise in der Kläranlage meistern, im vergangenen Jahr brannte während Franks Abwesenheit der Wald.

Das sind Momente, in denen Stemme als Krisenmanager gefragt ist, als der er sich auch schon in der Flüchtlingshilfe behauptete. Die kontinuierlichen Schwerpunkte seiner politischen Arbeit in Münster sind ihm freilich ebenso wichtig: Das Muna-Museum, die Entwicklung des Frankenbach-Geländes und die bessere Organisation des Fahrradverkehrs im Ort nennt er da; auch den lokalen Kampf gegen den „Klima-Notstand“ und natürlich das Hallenbad. „Hier müssen alle an einem Strang ziehen“, sagt Jan Stemme und betont das „alle“ überdeutlich. „Eine Lösung finden wir beim Bad auch nur gemeinsam mit dem Landkreis Darmstadt-Dieburg.“ Deshalb sein Wunsch fürs baldige Werben um die Münsterer Stimmen, das im Herbst Fahrt aufnehmen dürfte: „Das Thema Hallenbad sollte beim Wahlkampf außen vor bleiben.“

Von Jens Dörr

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare