Von Lohntüten und Fräuleins

Humorvolle und ärgerliche Erinnerungen bei der Büchereilesung im Park

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Monika Grimm konfrontierte die Zuhörer von „vorlesen, erinnern, erzählen“ im Bürgerpark mit Geschichten und Bildern der deutschen Fräuleins und der Lohntüten-Zeit, worauf sich ein reger Austausch entspann.

Bis es einmal zum deutschen Fräuleinwunder kommen sollte, wollte ein dornenreicher Weg beschritten sein.

Münster – Daran und an viel mehr aus der Zeit von Lohntüten und strikter Geschlechtertrennung erinnerte die jüngste Sommerlesung der Bücherei Münster, die im Bürgerpark auf großes Interesse stieß. Knapp zwei Dutzend Besucher folgten der Einladung, um sich von den Geschichten, die Monika Grimm zum Thema ausgesucht hatte, vorlesen zu lassen und sie zu diskutieren.

„Hallo, kleines Fräulein, haben Sie heut Zeit, mit mir auszugehen, nur zum Zeitvertreib ...“ – so begann der Schlager von „Die drei Travellers“, der Ausgangspunkt des belesenen Themennachmittags war. Das deutsche Trio, das von 1946 bis in die 1970er Jahre von sich hören ließ, orientierte sich an Nat King Cole, war aber dem Schlager verpflichtet. Von den Anwesenden, überwiegend im Seniorenalter, erinnerten sich etliche an die Truppe und ihre Texte.

Das Frauenbild der 50er Jahre wurde ausgiebig thematisiert von Vorleserin Grimm, die hierzu nicht nur einiges an bebilderter Lektüre mitgebracht hatte, sondern sich auch versiert über die Zeit zu äußern wusste. Sie traf den Nerv der Zuhörerinnen, unter die sich auch über ein halbes Dutzend Männer gemischt hatten. Auch in Münster besuchten zu dieser Zeit nur wenige Mädchen das Gymnasium, erinnerten sich die Frauen. Sie hatten in der Familie ihre Aufgaben, die Sache der Männer war es, möglichst gutgefüllte Lohntüten heim zu bringen. Und tatsächlich war im Kreis der Zuhörer auch nur eine Frau, die ihr Abitur in der Zeit ablegte und gar studierte.

Den Führerschein indes durften schon wesentlich mehr „Fräuleins“ damals machen, kam in der lebhaften Diskussion heraus. Er ließ sich auch gut mit dem damals Frauen scheinbar vorbestimmten „Dienst am Allgemeinwohl“ verbinden, mutmaßten die Damen, das Nicken der Herren wohlwollend zur Kenntnis nehmend.

Die ehemalige Schulleiterin Margarete Elster wurde aufgefordert, mehr von ihrem Berufsleben zu berichten. Sie hatte als Lehrerin auch Beamtenstatus, was einst nur wenigen Frauen – meist im Lehramt – gegeben war.

„Der Mann musste damals ja noch sein Einverständnis geben, wenn seine Frau arbeiten gehen wollte“, resümierte ein Zuhörerin, sichtlich noch heute erzürnt über solche patriarchalischen Zustände. Ihr fiel die Nachbarin in die Rede: „Sogar meine erste Kontoeröffnung musste mein Gatte damals noch absegnen.“

Auch ein Zuhörer schaltete sich ein: „In den Betrieben gab es ebenfalls Vorbehalte gegenüber Frauen. Jedenfalls, wenn sie verheiratet waren und in der selben Firma wie ihr Mann arbeiten wollten. Das sahen die Chefs damals gar nicht gern.“ Dass dem nicht nur in Münster so gewesen sei, sondern auch in Ostfriesland, steuerte ein zugezogener Gast aus seinen Erinnerungen bei.

Rund eineinhalb Stunden ging es hin und her in der munteren Runde, in die Moderatorin Grimm immer wieder alte Themen neu einwarf. Nicht nur Politisches wurde besprochen, da ging es auch um Mode. Hautenge Bleistift-röcke existierten damals neben ausladenden Petticoats. Und trug „frau“ mal trendige wadenlange, weit ausgestellte Röcke und eng anliegende Blusen, wurde sie in Münster schon mal schief angeschaut. Und das Perlonhemd des Mannes – damals wie heute noch für manche ein Graus, einst aber eine Zeitlang als Modediktat ein Muss.

Büchereileiterin Jasmin Frank-Holzfuß begrüßte die lebhafte Beteiligung. Und dass sich die Reihe „vorlesen, erinnern, erzählen“ immer größerer Beliebtheit erfreut. Nicht nur aus Münster und Altheim, auch aus den Nachbarorten Eppertshausen und Dieburg kommen Interessierte, um zu hören und selbst zu berichten.

VON THOMAS MEIER

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