Spielwarenladen schließt nach 20 Jahren

„Spieltrieb“ kapituliert vor Online-Handel

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Der „Spieltrieb“ brummt – aber erst, seit zum Ausverkauf alle Waren um 20 Prozent reduziert wurden.

Es dürfte einer der letzten Läden im Ort sein, in dem es noch etwas anderes als Lebensmittel zu kaufen gibt. Nicht mehr lang: Nach 20 Jahren schließt nun auch „Spieltrieb“ in der Altheimer Straße 27. Grund auch hier ist die Übermacht der Konkurrenz aus dem Internet.

Münster – Der Inhaber und Gründer des gutsortierten Spielzeuggeschäfts, Jörg Heckwolf, ist traurig: „Das war mein Baby.“ Als er das sagt, ist sein Geschäft proppenvoll mit Kundschaft. Denn er hat seit einigen Tagen Rausverkauf, auf alle Waren gibt es 20 Prozent Schlussverkaufsrabatt. Wäre die Kundschaft in der Vergangenheit nur halb so oft gekommen, der Laden existierte sicher weiter.

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Aber rund 40 Prozent aller Spielsachen werden heute im Internet gekauft. Klassische Spielwarenläden wirken da fast schon wie Relikte der Vergangenheit, denn ihre Zahl sinkt seit Jahren. Als Heckwolf, gelernter Elektroniker („Die gibt es heute auch immer weniger“) und studierter Diplom-Bauingenieur, am 7. November 1998 sein Fachgeschäft für Holzspielzeug in einem Teilbereich des späteren Ladens eröffnete, gab es auf der Hauptstraße Münsters noch die „Bastel- und Spielkiste“. Als sie vor etlichen Jahren schloss, erweiterte Heckwolf noch optimistisch, hatte das gesamte Spielzeugrepertoire im Sortiment. Doch die Hoffnung trog. Vor zwei Jahren, als in Schaafheim eine Mitbewerberin die Segel strich, schaute sich auch Heckwolf nach einem Zweitjob um, weil die Kundschaft ausblieb.

Dabei hätte der 51-Jährige ahnen können, wie mächtig der Online-Handel den Spielwarenhandel treffen würde. Denn eigentlich plante der Firmengründer einst mit seinem Bruder, eben mit Holzspielzeug in den Internethandel einzusteigen. „Doch irgendwie hatte ich plötzlich die Eingebung, nein, das kann es nicht sein. Wenn die Menschen Holzspielzeug kaufen möchten, dann ist dies doch eine haptische Angelegenheit. Die wollen die Ware doch anfassen.“

Diese Logik zog vor über 20 Jahren. In der Altheimer Straße 27 war bis 1995 die Bäckerei Heckwolf seiner Eltern Josef und Angelika betrieben worden, dann backte Bäckermeister Jürgen Kreher einige Zeit seine Brötchen hier, bis er umzog nach Eppertshausen.

Und Jörg Heckwolf beschloss, seiner Berufung als Händler für Holzspielzeug und Lenkdrachen zu folgen, statt der Bauingenieurskunst zu frönen. Noch während des Studiums öffnete er seinen „Spieltrieb“, in dem zwischenzeitlich auch zwei Teilzeitbeschäftigte Lohn und Brot fanden. Kommunikationsspiele kamen ins Angebot hinzu, nach dem Gesamtsortiment auch noch Bücher, speziell Kinderliteratur.

Doch je breiter er auch sein Sortiment aufstellte, desto rarer machte sich der Kundenstrom. „Und als er letztes Jahr gar zur Vorweihnachtszeit nahezu komplett versiegte, wusste ich, so geht es nicht weiter“, sagt Heckwolf. Er sah sich zum Lückenbüßer fürs Zweitgeschenk degradiert: „Die Leute kauften das große Geschenk fürs Kind oder die Enkel im Netz, und hier dann nur noch die Kleinigkeit dazu.“

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„Der Siegeszug des Online-Handels hat den Spielwarenhandel schwerer getroffen als fast alle anderen Branchen“, weiß auch der leidgeprüfte Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels BVS. „Rund 40 Prozent aller Spielwaren werden heute online eingekauft. Auf den stationären Fachhandel entfallen gerade noch 30 Prozent der Umsätze,“ sagt dessen Geschäftsführer Steffen Kahnt. Allein zwischen 2010 und 2016 –neuere Zahlen gibt es nicht –musste nach Angaben des Statistischen Bundesamts fast jeder siebte Spielwarenhändler aufgeben.

Doch nicht nur das Internet bedroht die Spielwarenhändler. Discounter und Drogeriemarktketten machen den klassischen Spielzeugläden ebenfalls immer öfter Konkurrenz. Das Angebot bei Aldi und Co. reichte in der Vorweihnachtszeit vom Holzschaukelpferd bis zum ferngesteuerten Hubschrauber. Selbst große Modeketten ergänzen inzwischen in einigen Filialen ihr Angebot an Kinderbekleidung mit Bestseller-Produkten bekannter Markenhersteller wie Lego oder Playmobil.

Von Thomas Meier

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