Interview

Bürgermeister zu Corona-Ausbruch in Münster: „Sprung ins kalte Wasser“ zu Amtsbeginn

Münster: Joachim Schledt
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Seit 100 Tagen hat Joachim Schledt seinen Arbeitsplatz im Münsterer Rathaus. Mit dem Management des Corona-Hotspots in Breitefeld und dem Beschlusse seines ersten Gemeinde-Haushalts hat der neue Bürgermeister die ersten Bewährungsproben hinter sich gebracht.

Seit 100 Tagen ist Münsters neuer Bürgermeister Joachim Schledt (parteilos) im Amt. Im Interview spricht er über die Corona-Pandemie und weitere Herausforderungen.

Münster – Am 5. Oktober trat Münsters neuer Bürgermeister Joachim Schledt (parteilos) seinen Dienst im Rathaus an. Kaum saß er an seinem neuen Arbeitsplatz, musste der Wahlsieger des Frühjahrs mit dem Corona-Ausbruch in Breitefeld die erste Krise managen. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der 52-Jährige über seinen turbulenten Start und die ersten 100 Tage im Chefsessel der 15.000-Einwohner-Gemeinde.

Herr Schledt, Sie waren wenige Tage im Amt, da wurde aus dem „Apart Hotel Am Wald“ als Wohnkomplex für osteuropäische Arbeitskräfte Münsters erster Corona-Hotspot. Erschwerter Einstieg ins Tagesgeschäft oder unmittelbare Bewährungs-chance?

Es war der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser. Dank der prima Unterstützung durch die Stabsbereitschaft des Landkreises und durch das Gesundheitsamt konnten wir die Krise gut bewältigen. Einen wesentlichen Beitrag leistete auch das Unternehmen, dessen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Unterkunft wohnen. Mit vereinter Kraft haben wir erreicht, dass nach gut zwei Wochen alle Bewohner und Bewohnerinnen frei von Corona-Viren waren.

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Welche Eindrücke haben Ihre ersten drei Monaten als Münsterer Bürgermeister besonders geprägt?

Ich bin angenehm überrascht von der Professionalität der Verwaltung. Die Abläufe sind effizient und sehr gut organisiert, die Kollegen und Kolleginnen freundlich und hilfsbereit. Einige Dienstleistungen und vor allem die Kommunikation sowie das Dokumentenmanagement können noch mehr digital erfolgen als bisher. Im Gemeindevorstand diskutieren wir Entscheidungen kontrovers, aber immer sachlich-konstruktiv und in sehr kollegialer Atmosphäre.

Ihr Start fiel in eine Phase, in der sich die Corona-Lage auch in der Region wieder deutlich verschlechterte. Blieb da bisher der so wichtige direkte Austausch mit den Münsterer Bürgern und beispielsweise den Vereins-Repräsentanten auf der Strecke?

Viele Treffen finden derzeit digital als Webkonferenzen oder auch telefonisch statt. Als jemand, der gerne unter Menschen ist, vermisse ich allerdings sehr den direkten persönlichen Kontakt und die Begegnung. Doch das wird sich hoffentlich im Laufe des Jahres 2021 wieder ändern.

Wie sehr haben sich Ihr Alltag und Ihr Privatleben seit Amtsantritt imOktober verändert?

Ich mag meine Arbeit sehr und bin begeistert von der Vielfalt, die ein Bürgermeisteramt mit sich bringt. Dass dann für Familie oder für Hobbys nebenher weniger Freiraum bleibt, kenne ich aber auch schon aus meinen früheren Tätigkeiten.

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Sie starteten vor 100 Tagen mit verletztem Knie. Inwieweit hat Sie das zu Beginn belastet? Wie läuft die Genesung?

Durch eine geänderte Ernährung und gymnastische Übungen konnte ich eine Knie-OP vermeiden. Der Heilungsprozess ist langwierig, aber er schreitet voran.

Was waren Ihre ersten Amtshandlungen? Wo konnten Sie schon Akzente setzen?

Die Einarbeitung in die aktuellen Themen und Prozesse, das Kennenlernen der Belegschaft, das Corona-Management und die Erarbeitung des Haushalts sind alleine schon tagesfüllend. Ich habe alle kommunalen Außenstellen besucht: Kläranlage, Flüchtlingsbetreuung, Kindergärten, Feuerwehr. Dazu kommen meine Verpflichtungen als Vorstand des Kreistierheims, als Vorstandsmitglied des Senio-Verbands, als Mitglied im Nahverkehrsverbund DaDiNa, als Vorstand der Bürgerstiftung Münster, als Mitglied im Beirat der Entega, als Gremienmitglied im Sparkassenzweckverband. Es gab darüber hinaus erste Beratungen zum Frankenbach-Gelände, zur Entwicklung des Breitefelds, zu den letzten reservierten Grundstücken des Baugebiets „Im Seerich“, zum Neubau des Katholischen Familienzentrums und zur Arztansiedlung in Altheim.

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Was noch?

Wir wollen die Verlegung von Glasfaser in Münster erreichen, dazu bedarf es vieler Gespräche mit den Anbietern der Deutschen Glasfaser und der Entega. Wir starten im kommenden Frühjahr mit der Erneuerung der Mozartstraße und der Installierung eines Regenrückhaltebeckens auf dem Rathausplatz. Es gab eine Informationsveranstaltung zur Harmonisierung der Bestandsbebauung im alten Ortskern. Im Sommer werden wir den Endausbau des kleinen Neubaugebietes „Am Mäusberg“ endlich finalisieren. Wir treiben den Bau des naturpädagogischen Muna-Museums voran, zur Generierung von Fördermitteln musste hierfür eine komplette Entwurfsplanung erstellt werden. Daneben habe ich viele Gewerbetreibende, Kirchen- und Vereinsrepräsentanten getroffen, um mich persönlich vorzustellen. Immer streng im Rahmen der Corona-Vorgaben.

Der erste Gemeinde-Haushalt, der Ihre Handschrift trägt, musste inmitten einer schwierigen finanziellen Gemengelage erstellt werden. Hat es Sie überrascht, dass gerade SPD und ALMA Ihren Sparhaushalt für 2021 ziemlich zerrissen haben, obwohl es letztlich diese zwei Fraktionen waren, die ihn beschlossen? Was entgegnen Sie den Vorwürfen eines bloßen Spardiktats, das jeglichen Gestaltungswillen vermissen lasse?

Mit dem von mir eingebrachten Haushalt fokussieren wir uns voll auf das Wesentliche und Machbare. Der Haushalt ist ausgeglichen, das können aktuell nur wenige Kommunen im Landkreis vorweisen. Es ist ein Haushalt der Konsolidierung und finanziellen Genesung. Unsere Kommune ist belastet durch einen Schuldenberg von 1,5 Millionen Euro allein aus dem Jahr 2019. Diesen Schuldenberg sind wir verpflichtet innerhalb der nächsten Jahre abzutragen. Außerdem kann von „Zerreißen“ keine Rede sein. Bei einem Gesamthaushalt von 28 Millionen Euro kamen aus den Fraktionen Änderungsanträge mit einem Volumen von 136000 Euro, das ist ein Anteil von nicht mal 0,5 Prozent am Gesamtvolumen. Die begleitenden Haushaltsreden sind Teil der politischen Realität und somit auch lebendiger Bestandteil demokratischer Entscheidungsprozesse. Ich kann die auf Beachtung ausgerichtete Präsentation dieser Reden sehr gut einsortieren. Vergessen wir nicht: Im März 2021 sind Kommunalwahlen, da wollen die Parteien ihre Positionen natürlich nach außen hin wahrnehmbar deutlich machen. (Das Gespräch führte Jens Dörr)

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