Lernlandschaften in Aue-Baustellenwüste

Widersprüchlichen Impressionen beim Tag der offenen Klassentüren zum Trotz: Alles wird gut

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Brachten weihnachtlichen Glanz in Baustellenhütten: Der Chor der Kennedy-Schule.

Glücklich konnte sich schätzen, wer mit gutem Schuhwerk und guter Kondition den Tag der offenen Klassentüren in der Schule auf der Aue in Angriff nahm.

Münster – Gute Schuhe waren schon des Baustellendrecks empfehlenswert, erst recht zu schätzen wusste man sie, wollte man wirklich alle Attraktionen und Angebote im derzeit weitverzweigten Areal wahrnehmen. Doch dies lohnte, denn die über 1 000 Schüler und ihre gut 90 Lehrer und Pädagogen hatten sich ins Zeug gelegt, ihre Schule allen Schlammes zum Trotz glänzend zu präsentieren.

Gut, dass allüberall an den Baustellenspitzen auch Elternlotsen in gelben Westen blitzten und durch den Schulbaustellen-Dschungel den rechten Pfad wiesen. Manch einer hätte schon nicht den Weg zur Mensa gefunden, in der die Schulband die gleich zu Beginn des Tages anströmenden Menschenmassen begrüßte. Die Mensa diente später noch abwechselnd der Theater-AG, dem Chor der Kennedy-Schule und dem abschließenden Rudel-Singen als Ankerpunkt.

Doch nicht den vielen gelungenen Darbietungen der schulischen Vorzeige-Gruppierungen galt die größte Aufmerksamkeit des Tages – wenngleich viel beklatscht – sondern den vielen Neuheiten. Und die gab es über viele Kilometer zu bestaunen, wenn man sich denn auf den Weg machte.

Größtes Interesse und Erstaunen riefen die neuen Lernlandschaften bei den Besuchern hervor. Hier wurde – wie in allen anderen Klassenräumen auch – ein Einblick in den Schulalltag gewährt. Doch da gibt es derzeit an der Schule eben zwei: den alten, und den im neuen Gewand mit neuem Konzept. Die Fünft- und Sechstklässler der kooperativen Gesamtschule dürfen ihren Unterricht im neuen Ambiente mit modernen Methoden genießen. Es gibt zwar noch so etwas wie „den Klassenraum“, aber auch gleichzeitig nicht mehr. Denn brandschutztechnisch gesehen sind im gerade erst bezogenen neuen Bau alle Schüler und Lehrer im Großraumbüro untergebracht. Zwar noch durch eingezogene Zwischenwände abgeteilt, aber dennoch ist alles in völlig offener Atmosphäre gehalten. Die „Klassen-Abteile“ sind um einen großen „Marktplatz“ gruppiert und haben alle auch Fenster eben zum Innenraum des Gebäudes hin. Außen, vor den „Klassenräumen 2.0“, sind direkt an der Fensterfront Sitzmöglichkeiten, die nicht nur während eines Besuchstages auch genutzt werden. Einblicke in Arbeitsabläufe sind somit ebenso möglich wie der Blick vom Schüler im Unterricht nach außen zu denen, die gerade keinem Lehrer folgen müssen. Dank solider Bauweise ist das alles sehr ruhig möglich. „Die Zwischenwände sind hervorragend gedämmt, ebenso wie das gesamte Inventar dazu beiträgt, dass sich das schulische Leben wesentlich ruhiger als früher bewältigen lässt“, sagt etwa Lehrer Andreas von der Heyden.

Modernes Innenleben der neuen Lernladschaft ... Fotos: Th. Meier

Er strahlt über die vielen Veränderungen, die er mit seinen Schülern gern den Besuchern immer aufs neue erläuterte. Am meisten bestaunt von den älteren Semestern unter den Besuchern: die Smart-Boards. Sie unterscheiden sich zur Schiefertafel mit Kreide etwa wie ein Ochsenfuhrwerk zum Elektroauto. Man kann auf ihnen wie auf einer Tafel schreiben und malen, aber auch die Fläche in einen riesigen Monitor mit Touch-screen und allen Möglichkeiten eines schnellen Computers verwandeln. Interaktives Whiteboard war gestern, die Weißwandtafel hat ebenso ausgedient wie die aus Schiefer. „Die neue Tafel ist digitales Herz interaktiven Klassenraum-Erlebnisses“, erklärte es ein Papa aus der IT-Branche seinem Jüngsten, der mit ihm schaute, wie sein großer Bruder heute so unterrichtet wird.

Doch um zu den neuen, zukunftsweisenden Lernlandschaften zu gelangen, durchschritten die Besucher auch viele andere Schulszenarien in einer Auen-Landschaft, die derzeit zumindest von außen einer Industriebrache ähnlicher ist als einer Hobbit-Heimat. Da steht beispielsweise auch die sogenannte Mobi-Skul als dunkle Kiste inmitten des Baustellen-Durcheinanders. Mordor aus Mittelerde lässt grüßen, was äußeren Anblick angeht. Doch innen macht die mobile Schule mit ihren 24 Klassenräumen in auf drei Stockwerke aufeinander gesetzten Holzmodulen behaglicheren Eindruck. Die Mobi-Skul des Kreises findet auf der Aue ihre dritte Heimat, sie war bereits in Ober-Ramstadt und Weiterstadt installiert. „Es  lässt sich besser darin unterrichten, als es den Anschein hat“, sagt etwa Schulleiterin Sabine Behling, und einige Schüler um sie herum nicken eifrig mit den Köpfen. Wie lange das mobile Blockständerbauwerk noch an der Heinrich-Heine-Straße stehen wird, vermag niemand aus der Lehrerschaft zu orakeln.

... mit Außeneinsichten und Sitzmöglichkeit. Fotos: Th. Meier

Sicher aber ist, dass die derzeitige bauliche Situation allen Betroffenen viel abverlangt. Eine Klassen- und Fremdsprachenlehrerin beteuerte glaubhaft, dass sie ihre Kollegen viel weniger zu Gesicht bekommt als zu VorUmbauzeiten. „Wenn hier in der Klasse der Mobi-Skul eine Stunde zu Ende geht und große Pause ist und ich noch kurz aufräumen muss, dann muss ich mich aber sputen, habe ich zur nächsten Stunde im zweiten Stock der Lernlanschaften Unterricht.“ Für einen Abstecher ins ganz an anderer Stelle liegende Lehrerzimmer bleibt dann keine Zeit mehr.

Dennoch: Lehrer und Schüler vermittelten den vielen Besuchern am Tag der offenen Baustellentüren den Eindruck, die Unbilden akzeptierend in Kauf zu nehmen. Gerade jetzt, wo sie sehen, dass nach dem neuen naturwissenschaftlichen Trakt, der bereits vor drei Jahren eingeweiht werden konnte, weitere Neuerungen ins Schulleben kommen, die im Vergleich zu früher das Schulleben interessanter, effektiver auch schöner machen.

„Wir schaffen das“, scheint auch auf der Aue gängiges Durchhaltemotto zu sein.

VON THOMAS MEIER

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