Teknihall zieht weg

Münster verliert größten Arbeitgeber

Anderthalb Jahrzehnte lang war die die Teknihall Elektronik GmbH am Standort Breitefeld (Foto) aktiv. Im Sommer ist es damit vorbei.
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Anderthalb Jahrzehnte lang war die die Teknihall Elektronik GmbH am Standort Breitefeld (Foto) aktiv. Im Sommer ist es damit vorbei.

Mit 140 Mitarbeitern zieht das Unternehmen Teknihall aus Münster-Breitefeld nach Dietzenbach. Damit verliert die Gemeinde ihren größten Arbeitgeber.

Münster/Dietzenbach – Herber Verlust für den Wirtschaftsstandort Münster: Die Gemeinde verliert im Sommer ihren größten privaten Arbeitgeber. Die Teknihall Elektronik GmbH (mit der Teknihall Service GmbH) hat ihren Umzug von Breitefeld ins Dietzenbacher Gewerbegebiet-Nord begonnen und will ihn bis Juli abschließen. Dann werden neben dem Firmensitz auch 140 Arbeitsplätze vom Münsterer Ortsteil in die Kreisstadt verlagert sein.

Teknihall war bislang das Münsterer Unternehmen mit den meisten Mitarbeitern – und zuletzt auf enormem Wachstumskurs. „Allein in den vergangenen sechs Monaten haben wir 60 Leute neu eingestellt“, sagt Geschäftsführer Seyhan Bakir. Die 140-köpfige Belegschaft stellt den Höchststand in der 29-jährigen Firmenhistorie dar. 1992 hatte Rolf Schaadt Teknihall in Eppertshausen gegründet; zehn Jahre später zog man nach Breitefeld um.

Teknihall: 2020 Jahresumsatz von zehn Millionen erreicht

Vor 15 Jahren geriet das Unternehmen wirtschaftlich in die Bredouille, weil man einen Großkunden verlor. Der Einstieg der chinesischen Pangoo Group glättete die Wogen wieder. Pangoo übernahm von Schaadt 65 Prozent der Firmenanteile und sicherte den damals rund 50 Mitarbeitern die Jobs. Vor etwa zwei Jahren kauften die Chinesen die restlichen 35 Prozent und Schaadt schied altersbedingt als Geschäftsführer aus. Er hinterließ seinem Nachfolger ein bestelltes Feld, auf dem Bakir sowie Petro Tyschtschenko die Expansion fortsetzten. Tyschtschenko ist Senior Vice President der Pangoo Group, vertritt die Muttergesellschaft vor Ort.

2020 erzielte Teknihall in Breitefeld einen Jahresumsatz von zehn Millionen Euro. Weder Ertrag noch Mitarbeiterzahl sind damit am Ende der Fahnenstange angelangt, sagt Tyschtschenko voraus: „Das traditionelle Geschäft läuft flach weiter, im E-Commerce expandieren wir aber sehr stark.“ Noch macht der von großen Handelsketten beauftragte Service für Waren im Non-Food-Bereich mit rund 70 Prozent den Löwenanteil des Umsatzes aus. Für die Ketten übernimmt Teknihall beispielsweise die Funktion des Callcenters und der Reparaturwerkstatt.

Seyhan Bakir (l.) und Petro Tyschtschenko sind mit der Teknihall Elektronik GmbH auf enormem Wachstumskurs.

Rasant verlagern sich die Anteile von Teknihall jedoch Richtung E-Commerce. Chinesische Hersteller verkaufen ihre Produkte in Deutschland unter anderem über Amazon. Diese Hersteller kooperieren mit der Pangoo Group, die hierzulande in Breitefeld – und demnächst in Dietzenbach – die Ware lagert, verschickt, Retouren abwickelt, defekte Produkte repariert oder austauscht und als Callcenter fungiert. Darüber hinaus tun sich für Teknihall, das sogar mit einem chinesischen Warenwirtschaftssystem arbeitet, in Breitefeld auch 25 Chinesen beschäftigt und weiter in großem Stil Mitarbeiter für den technischen und logistischen Bereich sucht, weitere Chancen auf. So engagiert man sich zunehmend in der Gründung deutscher GmbHs für chinesische Firmen, die in der Bundesrepublik stationäre Geschäfte eröffnen wollen. Gehandelt wird vor allem mit Elektronikartikeln, Möbeln und Kleidung. Derzeit verschicken die mit der Pangoo Group zusammenarbeitenden chinesischen Hersteller via Breitefeld Pakete bis zu einem Gewicht von 31 Kilo.

Im Dezember hat der Umzug nach Dietzenbach begonnen. Dort hat sich Teknihall auf 27 000 Quadratmetern Lagerfläche sowie 900 Quadratmetern Bürofläche eingemietet. In Breitefeld standen weniger als 5 000 Quadratmeter zur Verfügung. Sukzessive ziehen Belegschaft und Warenbestand um. Ende April waren schon 20 Mitarbeiter am neuen Standort zugange. Logistik-, Werkstatt- und Bürobereich werden noch eingerichtet, dafür zwei Millionen Euro investiert. Die Hälfte der gelagerten Produkte ist schon ins neue Domizil transportiert worden. Dort verfügt Teknihall künftig über 12 000 Palettenplätze, 133 Parkplätze vor der Tür und genügend Raum, um mindestens in den kommenden zehn Jahren zu wirtschaften. Für diesen Zeitraum hat das Unternehmen in Dietzenbach den Mietvertrag unterschrieben.

Münster-Breitefeld: Teknihall-Kunden vom Ortsteil „schockiert“

Dabei wollte Teknihall eigentlich gern in Breitefeld bleiben. „Wir wollten hier wachsen“, sagt Bakir. „Am Anfang wollten wir Gebäude und Grundstück von unserem Vermieter kaufen und den Standort ausbauen.“ Ein Kauf sei aber nicht zustande gekommen, und zuletzt habe das Wachstum solche Dimensionen angenommen, dass die Suche außerhalb der Ortsgrenzen nötig wurde. Zum Vergleich: Das größte Gewerbe-Grundstück im Münsterer Baugebiet „Im Seerich“, das das Dieburger Medizintechnik-Unternehmen Osartis erworben hat, ist mit 13 000 Quadratmetern nur halb so groß wie das neue Teknihall-Lager in Dietzenbach.

Auch in Dieburg und Babenhausen schaute sich Teknihall nach einer neuen Bleibe um, zumal viele der Mitarbeiter im Altkreis Dieburg wohnen. Fündig wurde man aber in der Offenbacher Kreisstadt, wo sich das Unternehmen bei Vermieter wie Verwaltung gut aufgehoben fühlt. In Münster habe man derweil „sehr wenig Entgegenkommen gespürt“, bemängelt Seyhan Bakir. Petro Tyschtschenko verweist vor allem auf die seit Jahren sehr zögerliche Entwicklung des gewerbelastigen Ortsteils: „Wenn Kunden zu uns nach Breitefeld kamen, waren sie schockiert. Das ist alles verfallen und nicht einladend. Die Straße ist kaputt, wir hatten keinen Glasfaser-Anschluss, der Bahnhof ist weit weg und es gibt nicht mal eine Bushaltestelle.“ Was zum Abschied wie ein Lastenheft für Münsters Kommunalpolitik klingt. (Von Jens Dörr)

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