Wie die Ortmann-Truppe in Münster fasziniert

Zirkus Rolina versucht die Corona-Krise zu meistern

Die Ortmann-Enkel Tiano (5) und Corina (3) bei ihrem Auftritt als Mini-Clowns Charly und Peppina.
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Die Ortmann-Enkel Tiano (5) und Corina (3) bei ihrem Auftritt in Münster als Mini-Clowns Charly und Peppina.

Der kleine Zirkus Rolina hatte es bislang schwer während Corona. Am 15. März gastierte er noch in Stockstadt, danach war wie für alle Kunstbetriebe Schluss. Jetzt durften die Truppe in Münster auf dem Platz zwischen Edeka und Fußballplatz ihr Zelt aufschlagen. Am Samstag (5. September) war seit der langen Zwangspause ihre zweite Vorstellung.

Münster - Die erste Vorstellung war eine unentgeltliche Dankesvorführung in Gernsheim, wo sie bis vor Kurzem kostenlos lagern konnten. „Bis auf Wasser und Strom natürlich“, erzählt der Zirkusdirektor, der immer noch gerührt ist von der Unterstützung, die er dort und zuvor in Stockstadt erfahren hat. „Die Menschen haben Möhren, Heu und Kraftfutter für unsere Tiere gebracht“, berichtet seine Frau Cornelia. Ohne diese Hilfe hätten sie nicht weitergewusst. Der familiengeführte Zirkus beherbergt mehr als 50 Vierbeiner, vom Wasserbüffel bis zur Echse. Jeder für die Reise in passenden Tiertransportern untergestellt. 35 Fahrzeuge hat der Zirkus insgesamt. Alles muss gehegt und gepflegt werden, auch die Menschen. Jetzt zu Coronazeiten dürfen etwa 150 Besucher ins gut durchlüftete Zelt. Das reicht, um klarzukommen, meint Freddy Ortmann. Vorher seien es oft auch nur an die 100 gewesen, die kamen. Umso mehr freute er sich, als am Samstagnachmittag 130 Menschen Einlass begehrten.

Der 59 Jahre alte Ortmann ist die sechste Zirkusgeneration seiner Familie. Er lebt die oft romantisch verklärte, aber auch harte Vorstellung eines freien Vagabunden. Einst selbst Luftakrobat, gründete er 1990 seinen Zirkus Rolina. Vier Söhne und zwei Schwiegertöchter unterstützen ihn und seine Frau in der Manege, zwei Töchter haben in andere Zirkusfamilien eingeheiratet und machen ihr eigenes Ding. Sohn Andy lässt bis zu 21 Tiere gleichzeitig ihre Kreise ziehen. Da springt schon mal ein Lama keck über ein sich hinlegendes Kamel. Bruder Nico zeigt mit seiner Juliana Reptilien. Und Toni, der Dritte im Bunde, präsentiert holländische Friesen, eine der ältesten Pferderassen Europas. Anschließend schwingt er sich mit Frau Cindy am Trapez in die Luft.

Schwingend unter unterm Zeltdach: Cindy.

Vier Enkel haben schon ihren Weg zu Opa Ortmann ins Rampenlicht gefunden. Die älteste, die zwölfjährige Leana, studierte während des Lockdowns eine neue Akrobatiknummer ein. Ortmann senior kündigte sie mit Stolz in der Stimme erstmals in Münster an, und Leana lieferte eine erstaunliche Verbiegekunst ihres Körpers. Sie möchte später auf die Staatliche Artistenschule nach Berlin und sammelt fleißig Spenden dafür, erzählt der Opa. Solch eine Ausbildung ist nicht selbstverständlich. Oft lernen die Kinder das, was ihnen am meisten zusagt, von einem ihrer Verwandten: Jonglage, der Umgang mit Tieren oder eben Artistik.

Lernen ist übrigens generell ein Thema, das Zirkuskinder von anderen unterscheidet. „Ich musste damals noch alle paar Tage die Schule wechseln und weiterziehen“, erinnert sich Ortmann. Zu seinen Enkeln komme zwei- bis dreimal die Woche das Schulauto gefahren. Zwei Lehrer seien in Hessen für den Unterricht umherreisender Kinder zuständig. An den übrigen Tagen, wenn die mobilen Magister woanders lehren, gebe es Online-Unterricht.

Vererbt ist allen das Herzblut für den Zirkus. Und die Begeisterung und die Liebe für Tiere, wie Cornelia Ortmann sagt. „Es ist wichtig, dass sich unsere Tiere wohlfühlen. Sie bekommen mehr Auslauf, als gesetzlich gefordert wird.“ Wenn die Besucher für zwei Stunden zu ihnen kommen, wollen sie sie für diese Zeit weg aus dem Alltagstrott in eine exotische Welt führen – in ihre eigene Welt, die für sie normal und doch etwas Besonderes ist. Ortmanns jüngster Sohn Tino (16), der den Clown Alwin mimt, musste Ende vergangenes Jahr am Herz operiert werden. Seine größte Sorge: „Was, wenn es danach nicht in der Manege weitergeht?“, verrät die Mutter. Mehr braucht es nicht, um die Leidenschaft für das, was er lebt, zu zeigen. Der Zirkus Rolina bleibt die ganze Woche in Münster. Danach ist Mömlingen an der Reihe. Die Ortmanns hoffen, maximal zwei Monate Winterpause machen zu müssen. The Show must go on! zkn

Seine verschiedenen Tierdressuren zeigt Andy Ortmann in der Manege.

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