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Konzentration und Selbstreflexion

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Der Vorzeige-Bogenschütze im Münster Verein schießt: Bernhard Knöll in der Gersprenzhalle.
Der Vorzeige-Bogenschütze im Münster Verein schießt: Bernhard Knöll in der Gersprenzhalle. © zkn

Ein Mann, eins mit seinem Bogen, der das Ziel mehr fühlt, als dass er es sieht – genau das ist nicht das Ding von Bernhard Knöll. „Ich sehe Bogenschießen weniger mystisch und esoterisch, als es beispielsweise in Japan der Fall ist“, sagt er. Ganz ohne Chichi und ohne Zeremoniell.

Münster – Bernhard Knöll ist ein Spätberufener im Bogensport. Mit 45 Jahren fing er an, gemeinsam mit seinem damals zwölfjährigen Sohn, der inzwischen wieder aufgehört hat. Papa Knöll, nun 53, ist seitdem bei Hessenmeisterschaften schon zweimal auf dem vierten Platz seiner Altersklasse gelandet. „Alles ins Gold“ – den Schützengruß, beruhend auf der güldenen Scheibenmitte, erfüllt er gern.

Im Sommer trainieren er und rund 15 andere Bogenschützen des Schützenvereins „Waidmannsheil 1926“ draußen auf dem Vereinsgelände, im Winter in der Gersprenzhalle. Zweimal die Woche – zumindest, wenn es die Pandemie zulässt. November 2020 bis Sommer etwa war zu. Seit 2008 gibt es die Abteilung der Bogen, die rechtlich nicht zu den Waffen gehören und frei verkäuflich sind. Knöll ist so etwas wie die freiwillige Leitung dort und kümmert sich speziell um die Jugend. Seinen Trainerschein wollte er eigentlich im Frühjahr machen, da stellten sich dann Corona-Regeln in den Weg. Bei seinem Grüppchen mit Pfeil und Bogen sind auch Studenten dabei, genauso Schüler und Ältere als er. Zurzeit deutlich mehr Männer als Frauen. Jung wie Alt, Mann wie Frau stehen zusammen auf der heimischen Schießbahn.

Das Gemischte ist gerade das Schöne für Knöll. Selbst als über 80-Jähriger könne man noch schießen. Auch auf Wettbewerben. Und Rollstuhlfahrer bräuchten keine eigene Disziplin, sondern würden sich mit Nicht-Gehandicapten messen. Das größte Risiko bei dem Sport sei, Knöll grinst, wenn einer beim Ziehen der Pfeile aus der Zielscheibe hinter einem stünde. Der laufe Gefahr, was auf die Nase zu bekommen. Ansonsten stehen alle auf einer Linie – zu Corona mit etwas mehr Abstand – und schießen gleichzeitig auf ebenfalls nebeneinander aufgereihte Scheiben: in der Halle drei Pfeile und im Freien sechs. Das Kommando „Pfeile frei“ erlaubt das Schießen, bei „Pfeile stopp“ wird die Bahn betreten, um die Geschosse zurückzuholen.

Die Münsterer verwenden Blankbogen. Das heißt, Sportbogen ohne Visiere und Stabilisatoren. Nicht zu verwechseln mit dem etwa körperlangen Bogen von Robin Hood, Langbogen genannt. Ein blanker Recurvebogen, wie ihn Knöll hat – recurve wegen seiner gekrümmten Enden –, ist technisch schwieriger als die bei Olympia verwendete nicht blanke Variante, die natürlich die besseren Ergebnisse abliefert. So oder so: Beim Bogenschießen gibt es eine Menge zu beachten. Konzentration und Fähigkeiten zur Selbstreflexion sind extrem wichtig, findet Knöll. Nur damit lerne man, selbstständig zu erkennen, ob der Körper richtig ausgerichtet sei für den perfekten Schuss. Zehn Jahre alt sollte ein Neuling also mindestens sein.

Bevor er schießt, muss jeder erst mal herausfinden, ob er einen Links- oder einen Rechtshandbogen braucht. Das richtet sich nach dem dominanten Auge und stimmt nicht unbedingt mit der stärkeren Alltagshand überein. Ein einfacher Test: „Man streckt einen Arm aus und verdeckt bei geöffneten Augen mit dem Daumen einen ein paar Meter entfernten Punkt. Dann klappt man abwechselnd die Augenlider zu. Das Auge, bei dessen Schließen der Daumen optisch vom Punkt wegspringt, ist das dominante Auge.“ Nun wird es kompliziert. Knöll erklärt das Prozedere für den Rechtsbogenschützen, der den Bogen in der linken Hand hält – wenigstens grob fürs Laienverständnis.

Der Rechtsbogenschütze platziert seine Füße etwa schulterbreit und fast rechtwinklig zur späteren Flugbahn. Schultern und Hüfte sind parallel zur Schusslinie, leicht dem Ziel zugeneigt. Jetzt kommen Pfeil und Bogen dazu. Den „geladenen Bogen“ in der Hand, streckt der Schütze seinen linken Arm Richtung Scheibe und zieht mit den drei mittleren Fingern der rechten Hand und zurückweichendem rechten Ellenbogen die Sehne nach hinten. Bis seine rechte Hand so an seinem persönlichen Ankerpunkt im Gesicht landet, wie er es in Dutzenden Trainingsstunden verinnerlicht hat. Etwas, das nach langer Corona-Pause wieder neu geübt werden musste.

Fehlt nur noch das Fokussieren. Und zwar mit beiden Augen. Beim Blankbogen bringt man Pfeilspitze und Ziel überein, während man durch die verschwommene Sehne hindurchschaut. Die ist quasi die Kimme und die Pfeilspitze das Korn, erläutert Knöll. Hat man sich einen zu starken Bogen ausgesucht, merkt man das übrigens genau an dieser Stelle – man fängt an zu zittern. Nicht wegen zu schwacher Oberarmmuskeln, nein, die Muskeln der Schulter und des Rückens halten den Bogen auf Spannung. Uff! Nichts wie den Pfeil loslassen also! Und dann ein paar Sekunden nachhalten, mahnt Profi Knöll. „Wenn ich sofort runtergehe mit dem Bogen, bin ich irgendwann mal etwas zu früh dran damit, und der Pfeil landet weit unten.“

Kommt einer zum Schnuppern in den Verein, erhält er zunächst einen Bogen zum Ausprobieren. Später kann er sich um einen eigenen kümmern, samt Zusatzausrüstung wie das fingerschützende Ankertab, den Streifschutz für den Oberkörper, damit die Sehne nicht an der Kleidung hängen bleibt, den Armschutz und was es sonst noch so alles gibt. Und nicht zu vergessen: Köcher und Pfeile. Letztere müssen sowohl zum eigenen Stil als auch zum Bogen passen. Ein weiteres kompliziertes Thema. Und dann geht’s los, wie Knöll die güldene Mitte zu treffen. Draußen in 50 Meter Entfernung auf 1,20 Meter-Scheiben oder – wie derzeit – drinnen auf den 18 Meter weit weghängenden Scheiben mit 40 Zentimeter Durchmesser. Aber bitte: „Alles ins Gold!“ (zkn)

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