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Von Altheims Denkmalhof in die Welt

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Künstler Roger Rigorth lebt und arbeitet in einem 200 Jahre alten Baudenkmal.
Künstler Roger Rigorth lebt und arbeitet in einem 200 Jahre alten Baudenkmal. © Gries

In Altheim können es manche noch immer nicht glauben, dass dieser bescheidene Mann sein Leben „mit Kunst“ finanziert: Roger Rigorth, vor 57 Jahren in der Schweiz geboren, ist nach der Deutschland-Rückkehr seiner Eltern via Babenhausen, Michelstadt und Otzberg-Lengfeld im ehemaligen Adelshof der Gaylinge von Altheim im Ortskern sesshaft geworden.

Münster-Altheim- Von dort bricht der viel beschäftigte Künstler nach Corona wieder mehrmals im Jahr auf, um Naturkunstprojekte und Installationen in aller Welt zu realisieren.

Sesshaft – das ist relativ bei Rigorth, der seine ersten fünf Lebensjahre in Saanen im Obersimmental an der deutsch-französischen Sprachgrenze verbrachte. Vom Vater, einem Kfz-Mechaniker von der deutsch-schweizerischen Grenze, der auch beim Seilbahnbau mitwirkte, hat er Umtriebigkeit geerbt: „Ich muss immer etwas bewegen, Sachen, Projekte, mich selbst“, sagt er. Seine Mutter ist heimatbezogener und lebt nach Babenhäuser Jahren im Odenwald, wo Rigorth an der Berufsfachschule in Michelstadt seine Holzbildhauer-Ausbildung erhielt. Von dort tastete sich der junge Kreative voran in die Welt der Kunst.

Im ersten Golfkrieg fasste er den Entschluss, anders zu leben, naturbezogener. Das schlug sich im ökologischen Gemeinschafts- und Wohnprojekt in Lengfeld nieder, das man damals alternativ nannte. Seit zwölf Jahren hat sich Rigorth im ehemaligen „Hessischen Hof“ in Altheim eingerichtet, einem 200 Jahre alten Baudenkmal.

Während das Anwesen an der viel befahrenen Kreuzung vom Verkehr umtost wird, genießt der Künstler im historischen Innenhof die ruhige, stimmungsvolle Atmosphäre. Einige Räume warten noch auf Renovierung. Wie ein Künstlerparadies wirken die mit hochwertigen Maschinen zur Holzbearbeitung bestückte Werkstatt oder der großzügige Wohnbereich im ehemaligen Tanzsaal. Rigorth fühlt sich hier wohl, ist aber oft nicht zu Hause. Denn seine Planskizzen, Modelle und vorbereiteten Materialien warten auf künstlerische Umsetzung vor Ort.

Nach erlebnisreichen Projekten in Südkorea bei der „Nature Art Biennale“, in Österreich beim neuen Waldkunstpfad des Wallfahrtsortes St. Corona, in Estland beim Symposion für „Environment Art“, beim Kirrweiler Kunstpfad am Hambacher Schloss oder im Bellevue-Saal des Wiesbadener Kunstvereins steht Neues vor der Tür.

Im ehemaligen „Hessischen Hof“ in Altheim hat sich der Künstler seit zwölf Jahren eingerichtet.
Im ehemaligen „Hessischen Hof“ in Altheim hat sich der Künstler seit zwölf Jahren eingerichtet. © Gries

„Mein früherer Betätigungsort Darmstadt ist mir zu eng geworden“, sagt Rigorth: „Jetzt bereite ich eine Installation in Frankfurt vor, in der für Kunstausstellungen bereitstehenden Weißfrauenkirche mit Holzkonstruktion und Flechtwerk. Aus dem schwedischen Göteborg habe ich eine lukrative Nachfrage. Aus meiner Teilnahme an den Rumpenheimer Kunsttagen ist leider nichts geworden, dafür halte ich Kontakt zum Bund Offenbacher Künstler oder zum Frankfurter Künstlerclub Eulengasse. Am jetzigen 11. Internationalen Waldkunstpfad in Bessungen an Darmstadts Ludwighöhe konnte ich wegen Korea nicht teilnehmen.“

Dort feiert man 20 erfolgreiche Waldkunstjahre, bei denen Rigorth entscheidend mitgewirkt hat. Sein in den Forst gebautes Holz-U-Boot hat er 2020 völlig erneuern müssen, es ist nach wie vor der Renner für Klein und Groß. Gegenüber weist seine urtümliche Skulptur auf Rigorths Vorliebe für Boote und bootsartige Urformen hin. Inzwischen konstruiert er verstärkt mit kunstvollen Holz- oder Stahlgerüsten ausgestattete Großflechtwerke aus Kokosfaser, Bambus oder Sisaltauen, wie man sie von ihm vor dem Besucherzentrum der Welterbe-Grube Messel sieht.

Großflechtwerke vor dem Besucherzentrum der Welterbe-Grube Messel.
Großflechtwerke vor dem Besucherzentrum der Welterbe-Grube Messel. © Gries

Mit seinen Großkokons mitten in der Landschaft hat er wichtige Kunstpreise gewonnen: bei der Arte Laguna in Venedig 2016, beim „Horizon“-Projekt im französischen Sancy 2009, bei „Kunst vor Ort“ im Landkreis Offenbach 2006 oder bei „Kunst im Park“ in Mörfelden-Walldorf 2003. Inzwischen ist sein Aktionsradius noch größer geworden, auch die Limitierung durch Stein- oder Holzblocks ist überwunden. Überragend für Rigorth war der Gewinn des 1. Schweizer Skulpturenpreises in Bad Ragaz 2018 mit der Großinstallation „Erdzeichen“. Ein Transparent seiner späteren Installation in Norditalien hängt in einer Scheune: Das „Sense of Belonging“ steht auch fürs Einfühlen in den Naturkreislauf, für Bezüge zur Welt der Fabeln und Mythen, für Hochachtung vor fast verlorenen Handwerkstechniken des Flechtens und Webens.

Rigorth freut sich über solche Nachfrage, hebt jedoch nie ab. Ob er in baltischen Hansestädten arbeitet, im koreanischen Waldgebirge, in der australischen Wüste oder im nordamerikanischen Naturareal: Immer nimmt er Lokalitäten mit allen Sinnen auf und setzt sie in unverwechselbare Kunst um.

Das U-Boot am internationalen Waldkunstpfad in Darmstadt hat Roger Rigorth vor zwei Jahren erneuert.
Das U-Boot am internationalen Waldkunstpfad in Darmstadt hat Roger Rigorth vor zwei Jahren erneuert. © Gries

„Ein Traum ist das, was ich auf der Welt machen kann“, sagt der Altheimer. Keineswegs verschließt Rigorth dabei die Augen: „Ich lebe zwar in einer Art Blase. Aber es beunruhigt mich sehr, wie wenig Konsequenz in der Umweltpolitik herrscht. Auch die Landwirtschaft muss sich dem Klimawandel stellen. Vielleicht sollte ich mit meiner Kunst und meinen Aktionen lauter sein. Stattdessen stelle ich die Nachrichten ab, weil ich sie nicht mehr ertragen kann… Klar ist jedenfalls, dass unsere Erde für uns alle einen Riesenreichtum bedeutet.“ (Reinhold Gries)

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