Flutkatastrophe

„Schnell einig, dass wir dort helfen wollen“: Rührende Hilfe für das Ahrtal

Seit Ende Juli fahren Thomas Gerhold (links) und Dieter Huther aus Münster regelmäßig ins Ahrtal, um zu helfen.
+
Münster: Seit Ende Juli fahren Thomas Gerhold (links) und Dieter Huther aus Münster regelmäßig ins Ahrtal, um zu helfen.

Seit fünf Monaten fahren Thomas Gerhold und Dieter Huther aus Münster (Kreis Darmstadt-Dieburg) regelmäßig ins Ahrtal und unterstützen dort die Opfer der Flut.

Münster – Auch fünfeinhalb Monate nach der Flutkatastrophe Mitte Juli sind die Menschen im Ahrtal immer noch mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Fortschritte sind zwar zu erkennen, an ein normales Leben ist für sie aber noch lange nicht zu denken. Thomas Gerhold (20 Mal) und Dieter Huther (zehn Mal) aus Münster fahren seit Ende Juli regelmäßig ins Ahrtal, bringen ihre Werkzeuge mit und arbeiten an verschiedenen Einsatzorten gemeinsam mit wildfremden Leuten. Im Mittelpunkt stehen wollen die beiden aber nicht. „Uns ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass dort immer noch jede Menge Hilfe benötigt wird“, betont Huther.

Angefangen haben ihre Einsätze im Ahrtal also kurz nach der Hochwassernacht vom 14. auf den 15. Juli. „Aufgrund der schrecklichen Bilder und Berichterstattung waren wir uns schnell einig, dass wir dort helfen wollen“, erzählt Huther. Allerdings habe es ein paar Tage gedauert, bis er und Gerhold dann online auf einen Hilferuf einer mehrköpfigen Familie in Ahrweiler aufmerksam geworden sind.

Hilfe aus Münster (Kreis Darmstadt-Dieburg) für Familie im Ahrtal:

Dabei wollte die Familie zunächst keine Hilfe von fremden Menschen. „Da waren sie zunächst etwas skeptisch“, erzählt Huther. Über die Zeit hinweg haben sie aber immer mehr Vertrauen zueinander aufgebaut. „Inzwischen ist uns die Familie ans Herz gewachsen und wir stehen freundschaftlich in engem Kontakt.“

Die fünfköpfige Familie berichtete ihnen von der Flut-Nacht, als sie barfuß aus dem Haus geflüchtet sind und auf einer nahegelegenen Anhöhe übernachtet haben. Die Leute konnten nicht zurück in ihr Haus und wurden wie viele andere Familien notdürftig in einem Hotel untergebracht. Kostenlos allerdings nur, bis der Katastrophenstand aufgehoben wurde. Dabei standen die meisten Familien nach der Flut ohne Geld und sämtliche Unterlagen da. „Die Warnung kam einfach zu spät und sie mussten fluchtartig ihr Haus verlassen“, erzählt Huther. Hätte es die Warnung früher gegeben, hätten die Familien zumindest ihre wichtigsten Dokumente zusammenpacken können.

Ahrtal: Schockierende Bilder: Nach den Aufräumarbeiten muss auch die komplette Infrastruktur im Ahrtal wiederhergestellt werden.

Die Hauptarbeiten, die Gerhold und Huther zu leisten hatten, waren Stemmarbeiten: Estrich raus, Wände vom nassen Putz innen und außen befreien, kontaminierten Schlamm und Bauschutt entsorgen, Fliesen und Bäder rausreißen. Im Einsatz waren sie in Ahrweiler, Heimersheim, Kreuzberg, Müch, Hönningen, Lohrsdorf, Walporzheim und Dernau, meistens bei Privatleuten. Von einem völlig neu gebauten Haus, das drei Wochen nach dem Hochwasser bezogen werden sollte bis hin zu einem alten Fachwerkhaus waren alle möglichen Einsätze dabei.

Freiweillige Helfer aus Münster eleben im Ahrtal auch glückliche Momente

„Aber auch in einem Kindergarten und einer Grundschule waren wir gemeinsam mit einer großen Helfergruppe im Einsatz“, erinnert sich Huther zurück. An jedem Wochenende haben er und Gerhold neue, fremde Bewohner und Helfer aus ganz Deutschland und auch Luxemburg getroffen und mit ihnen gemeinsam Hand in Hand gearbeitet. „Das waren schon glückliche Momente, wenn dann die Einwohner sich bei den Helfern bedankten und gemeinsam die Einwohner und Helfer ihr Mittagessen vom Roten Kreuz am Marktplatz einnahmen, bevor es wieder an die Arbeit ging.“

Schönen Momenten standen aber auch noch einige schlechte gegenüber. So wurde beispielsweise der Patenfamilie ein Trockner aus dem Keller geklaut. „Leute zu bestehlen, die eh fast alles verloren haben, das ist ja wohl das Letzte“, ärgern sich Huther und Gerhold noch heute.

Wochenlang gab es in den Orten kein Strom, kein Gas und kein Wasser. Notstrom-Aggregate wurden aufgebaut, Toilettenhäuschen standen und stehen noch immer auf den Straßen. „Inzwischen gibt es zumindest wieder Strom und Trinkwasser und die Gasleitungen werden wieder aufgebaut“, berichtet Huther. Generell sehe man, „dass es von Woche zu Woche aufwärtsgeht“. Allerdings meist nur in Orten wie Bad Neuenahr, die eben im Fokus standen. „Andere, kleinere Gemeinden lagen teilweise sechs Wochen zurück“, erinnert sich Huther. „Es geht zwar überall aufwärts, aber je kleiner das Ort ist, desto schlimmer sieht es noch aus.“ Heißt: Auch fast ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe wird immer noch viel Hilfe benötigt.

Ahrtal: Mittlerweile sind die Orte wieder befahrbar. Im Sommer mussten zunächst die Straßen freigeräumt werden.

Helfer aus Münster im Ahrtal: „Können nur den Hut ziehen vor den Einwohnern“

Wobei die Bürger vermehrt auch auf Geld angewiesen sind. Nach dem Stemmarbeiten werden für die Installation der Heizung oder zum Aufbau des Stromnetzwerks mehr und mehr Fachfirmen benötigt – und die kosten eben Geld. „Das sind Arbeiten, die wir einfach nicht leisten können“, sagt Huther.

„Wir können nur den Hut ziehen vor den Einwohnern, die mit einer unheimlichen Solidarität – im Ahrtal gerne ,Solidarität’ geschrieben – an den Wiederaufbau gehen“, sagt Huther. Junge Menschen laufen beispielsweise mit einem Bollerwagen durch die Straßen und bieten den Helfern und Einwohnern warmen Kaffee und selbst gebackenen Kuchen an, andere hören sich einfach nur die Schicksale an und versuchen zu trösten. „Die Einwohner sind dankbar für die Unterstützung und man hört auch oft den Satz ,ohne euch Helfer hätten wir hier schon alles hingeworfen, wir hätten das alleine nicht geschafft’.“ (Lars Herd)

Unternehmer Tobias Schott aus Dudenhofen war begeistert von der Unterstützung für die Hochwasser-Opfer im Ahrtal.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare