Minsderer Kerb: Edgar Kreher trägt Kerbspruch vom Rathausbalkon vor

Zumindest ein bisschen Partylaune

Vom Rathausbalkon verlas Edgar Kreher den Kerbspruch. Von dort wurde er das letzte Mal vor 25 Jahren vorgetragen.
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Vom Rathausbalkon verlas Edgar Kreher den Kerbspruch. Von dort wurde er das letzte Mal vor 25 Jahren vorgetragen.

Mit dem Kerbspruch von Rathausbalkon hat Edgar Kreher am Sonntagnachmittag zumindest für etwas Kerbstimmung in Münster gesorgt. Auf eine große Feier und den Umzug hat der Kerbverein in diesem Jahr erneut verzichtet.

Münster – Eigentlich könnte das Regenrückhaltebecken zum neuen Hallenbad werden: „Dach druff, Treppe noi und gut is“, sagte Edgar Kreher humorvoll und bissig in seinem Kerbspruch mit Blick auf die lange Wartezeit bis zur Wiedereröffnung des Badetempels. Am Sonntagnachmittag hatte sich vor dem Rathaus die stattliche Zahl von über 200 Besuchern versammelt.

Ob alt oder jung, es galt den Kerbverein zu unterstützen, der sich anschickte, in Pandemiezeiten die Tradition wenigstens ein bisschen aufrechtzuerhalten. Den gewohnten Kerbumzug und den Rummel mit Festzelt und Buden gab es nicht, dafür aber zumindest den Kerbspruch und für ein paar Stunden die Chance auf etwas Geselligkeit und ein Bierchen.

Für die Veranstaltung hatte der Kerbverein den Platz vor dem Rathaus eingezäunt und eine Zugangskontrolle errichtet. Dem Kerbspruch mit Bürgerpräsenz ging ein langes Hin und Her mit dem Gesundheitsamt voraus. „Da bei unserem Antrag die Inzidenz noch über 100 lag, erhielten wir täglich neue Regeln“, erklärte Kerbvereinsvorsitzender Stefan Schneider. „Das finale Ja zur Durchführung gab’s erst eineinhalb Wochen vorher.“ Mit einer Inzidenz über 100 hätten die 3G-Regeln gegolten und die Kontrolle von Impfzertifikaten und negativen Tests wäre auch im Freien nötig gewesen. „Da ein solcher Einlass immer mit Diskussionen verbunden ist, hatten wir uns entschieden, den Check an eine Security-Firma abzutreten“, ergänzte Schneider. Dann sank die Inzidenz aber wieder unter 100, womit das Aufschreiben der Adressen zur Kontakt-Nachverfolgung ausreichend ist. Damit hätte sich der Kerbverein die Kosten für die Security letztlich sparen können, was aber nicht mehr rückgängig zu machen war.

Mehr als 200 Personen kamen zum Rathaus, um den Kerbspruch zu hören.

Auch der Verkauf von Getränken unterstrich das Corona-Dilemma, in dem sich der Kerbverein mit der Ausrichtung befand. Denn ohne die Ausgabe von Durstlöschern wäre keine Umzäunung und das Erfassen von Adressen zur Kontakt-Nachverfolgung nötig gewesen. „Doch was ist eine Kerb ohne Getränke? Dann hat die Sache doch keinen Charakter mehr“, konstatierte Schneider. Wie er resümierte, ist die Durchführung einer Veranstaltung in Corona-Zeiten für kleine Vereine schwierig. Reichlich Arbeit und finanzieller Aufwand seien damit verbunden.

Für Stimmung zwischen dem riesigen Loch des Regenrückhaltebeckens und den Brandschäden am benachbarten Hotel sorgten mehrere ehemalige Kerbburschen, darunter der 96er Jahrgang, der 2021 auf 25 Jahre zurückblickt. Auch wenn die meisten Kerbjahrgänge nur mit einer Handvoll Personen anrückten, schufen die Fahnen und eine lautstarke Sirene wenigstens den Ansatz für ein klein bisschen Kerb-Kolorit und Partylaune.

Das Grundgerüst des Kerbspruchs wurde in diesem Jahr erneut von Maximilian Hotz verfasst. Kerbvadder Edgar „Hadschi“ Kreher trug die Zeilen vor, nachdem er sie noch ein wenig veredelt und auf seine Vortragsweise zugeschnitten hatte. Hotz ist es zu verdanken, dass die Kerbrede auch ein Jahr zuvor nicht ins Wasser fiel: 2020 stellte er sich auf den „Grenzschutzberg“ zu Eppertshausen (ehemalige Mülldeponie) und trug die gereimten Verse fürs Online-Publikum vor. Das Video ist immer noch auf Youtube zu finden. Dass die Pandemie das Leben in Münster in den letzten Monaten stark einschränkte und damit auch dem Kerbschreiber nur bedingt Stoff über lokale Possen bot, wurde dadurch bemerkbar, dass in hohem Maße das bundespolitische Geschehen verspottet wurde. Das traf die drei Kanzlerkandidaten ebenso wie Gesundheitsminister Jens Spahn. Auch das Gendern wurde ab absurdum geführt.

Mit Spannung wurden freilich die Spitzen auf die lokalen Themen erwartet. Hier kamen die Löcher und Schlaglochpisten in vielen Münsterer Straßen zum Tragen, das unsägliche Jammern und Pöbeln vieler Bewohner in den sozialen Netzwerken oder die automatischen Tore am Friedhof, die ohne Hinweisschilder auf die Funktionsweise plötzlich Bürger einschlossen. Ein Lob gab es für Ferdinand Ries, der auf Schusters Rappen die Alpen überquerte und für Matthias Matheis, der bei der Kommunalwahl von Listenplatz 15 auf Platz 1 aufstieg. „So eine authentische Person gehört eigentlich als Kanzler vorgeschlagen. Dann kracht’s, wenn der Matheis das macht“, lobte Kreher den Durchstarter. Ebenfalls in „Hadschis“-Fokus: die vermeintlich ungepflegten, weil ungemähten Grünanlagen in Münster. Diesbezüglich brach der Kerbvadder eine Lanze für die überlasteten Gemeindegärtner und regte an, die Wisente einmal im Monat ranzulassen. „Dann sieht man die Viecher wenigstens mal!“, so sein trockener Rat. (Von Michael Just)

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