Vorbereitungen für den Abriss

Abschied vom Deutschen Haus

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Das Deutsche Haus in Neu-Isenburg

Neu-Isenburg -  Seit mehr als 100 Jahren prägt die traditionsreiche Gewerbeimmobilie das Bild der Bahnhofstraße mit, doch dieser Anblick wird bald der Vergangenheit angehören: Nachdem diverse Bemühungen zum Erhalt des Deutschen Hauses in der westlichen Bahnhofstraße erfolglos blieben, haben nun die Vorbereitungen für den Abriss begonnen. Von Leo F. Postl

Nun ist dort der Neubau von Wohnungen genehmigt. Vor gut fünf Jahren hatten Josip und Manda Bunjevac den Restaurantbetrieb im Deutschen Haus in der westlichen Bahnhofstraße aus Altersgründen eingestellt, danach suchte die Familie lange nach einem neuen Eigentümer. Viele Optionen in Sachen Anschlussnutzung waren über die Jahre im Gespräch. Doch klar war von Anfang an, dass es nicht einfach sein würde, für die sehr große, traditionsreiche Gewerbeimmobilie samt „Isenburger Gewölbe“ im Keller einen passenden Interessenten zu finden.

Für den Erhalt des architektonisch schönen Hauses habe sich auch die Stadt engagiert und nichts unversucht gelassen – doch am Ende seien alle Bemühungen leider erfolglos geblieben, berichtet Bürgermeister Herbert Hunkel. „Von Seiten der Stadt wurden zahlreiche Gespräche mit dem Schwiegersohn des Eigentümers, der mit der Abwicklung des Projekts beauftragt war, geführt“, so der Rathauschef. Laut Aussage des Schwiegersohns sei trotz intensiver Bemühungen keine Nachfolge für eine Gastronomie gefunden worden, sodass zunächst ein Verkauf des Hauses angestrebt wurde.

Während innen über die Jahrzehnte viel Bewegung herrschte, ist das Deutsche Haus von außen weitgehend unverändert geblieben, wie der Vergleich des gestern aufgenommenen Fotos mit einer Postkarte aus Vorkriegsjahren (rechts) zeigt.

Der Abbruchantrag für das Deutsche Haus sei vom Kreis Offenbach am 16. Januar 2017 genehmigt worden. Dennoch habe die Stadt weiter versucht, das Haus zu retten. „Um den Erhalt zu sichern, habe ich diverse Initiativen ergriffen“, listet Hunkel auf, mit wem er alles Gespräche geführt habe. So gab es beispielsweise mit einem Referenten vom Landesamt für Denkmalpflege eine Besichtigung vor Ort innen und außen – mit dem Ziel, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen. „Ergebnis der Behörde: Eine Unterdenkmalschutzstellung kommt laut Landesamt nicht in Frage“, berichtet Hunkel. Auch der Versuch, die städtische gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (Gewobau) ins Boot zu holen und über diese das Deutsche Haus für Wohnungen umzubauen, sei an der Wirtschaftlichkeitsberechnung gescheitert. Gewobau-Geschäftsführer Stephan Burbach sei nach Prüfung zu dem Urteil gekommen, dass angesichts des erforderlichen Sanierungs- und Umbauumfangs ein Ankauf wirtschaftlich nicht darstellbar wäre. Auch der ABG-Frankfurt-Geschäftsführer Frank Junker habe die Immobilie besichtigt – und sei zum gleichen Ergebnis gekommen wie die Gewobau; ebenso der Projektentwickler Claus Wisser.

Auch Unternehmen, die ihn wegen neuer Büroräume angesprochen hätten, habe er auf das Deutsche Haus hingewiesen, sofern die Größenordnung gepasst hätte, ergänzt Hunkel. Ebenso einen Unternehmer, der ihn wegen eines repräsentativen Wohnhauses für sich in Neu-Isenburg angesprochen habe. Doch leider habe keiner der Versuche zum Erfolg geführt. Und ein direkter Ankauf durch die Stadt hätte wohl – nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen aus der Geschichte mit dem Pojekt Waldschwimmbadrestaurant – kaum Akzeptanz gefunden. Zumal „keine geeigneten öffentlichen Nutzungen für dieses Haus“ in Sicht waren.

Am 19. Juni 2017 hat der Eigentümer nach Hunkels Kenntnisstand vom Kreis schließlich die Genehmigung für den Neubau eines Mehrfamilienhauses auf dem Teil des Geländes, wo das Deutsche Haus steht, erhalten. In dem Mehrfamilienhaus seien sechs Wohnungen genehmigt. Außerdem sei in der Baugenehmigung die Errichtung von zwei Reihenhäusern auf dem Grundstücksteil in der Brunnenstraße enthalten.

Im August hatte der Rathauschef den Haupt- und Finanzausschuss über diese Bemühungen informiert. Bis zuletzt, sagt Hunkel, habe er gehofft, „dass der Besitzer es sich doch noch anders überlegt und von einem Abriss Abstand nimmt“. Deshalb habe er sich im August und Dezember 2017 erneut um weitere Gespräche mit dem Schwiegersohn bemüht – dies sei jedoch ohne Echo geblieben.

Nun, wo in der Bahnhofstraße bereits seit Tagen die Halteverbotsschilder erahnen lassen, dass sich bald etwas tut, und mittlerweile auch die Vorbereitungen für den Abriss begonnen haben, bleibt ihm dieser Satz: „Wir können ja als Stadt nichts erzwingen“, sagt Hunkel in Richtung derjeniger, die nun kritisieren, man hätte mehr tun müssen, um das altehrwürdige Gebäude zu erhalten (von denen die Stadt nun mal nicht allzu viele hat).

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Ein kleiner Bagger steht bereit und gestern stellten Bauarbeiter ein Gerüst auf. Die Dachschindeln werden getrennt entsorgt, das Haus sachgerecht entkernt – erst dann kommt der große Abbruchbagger. Doch das Schicksal des Hauses ist wohl besiegelt. Für manchen Isenburger verschwindet damit mehr als nur ein Haus. „Es ist sehr traurig, dass solch ein Kulturgut abgerissen wird, ohne dass die Stadt etwas unternehmen kann“, meint etwa Gerhard H. Gräber. Nicht nur für ihn war das Deutsche Haus einst „das“ Lokal im Westend. Im Sommer sei das Gartenlokal unter Platanen immer toll besucht gewesen.

Auch im 2010 erschienenen Buch „Wahrlich ein gastlicher Ort“ des Geschichtsvereins GHK ist dem Deutschen Haus eine Passage gewidmet. Dort ist zu lesen, dass es einst eine eigene Apfelwein-Kelterei dort gab. Oder auch von Maskenbällen, Familien- und Silvesterfeiern im Saal. Gräber bedauert: „Fakt ist, ein Teil Iseborjer Geschichte stirbt mit dem Deutschen Haus.“

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