Allein auf der Flucht vor den Nazis

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Stadtverordnetenvorsteher Rolf Krumbiegel und Bürgermeister Herbert Hunkel legen am Mahnmal vor der evangelisch-reformierten Kirche am Marktplatz einen Kranz nieder.

Neu-Isenburg - Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 die letzten Häftlinge aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit, ist Eva Szepesi zwölf Jahre alt. Sie ist ausgezehrt und entkräftet. Aber sie lebt. Von Katrin Stassig

Ihre Erinnerungen hat die heute 79-Jährige in dem Buch „Ein Mädchen allein auf der Flucht“ niedergeschrieben. Die Autobiografie ist Anfang des Jahres erschienen.

Eva Szepesi war eine der jüngsten Überlebenden von Auschwitz. Anlässlich der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht im November 1938 war sie am Donnerstagabend zu einer Lesung im Bertha-Pappenheim-Haus zu Gast. Zuvor wurden Kränze für die Opfer des Nazi-Terrors niedergelegt: Am Mahnmal „Versöhnungstor“ an der evangelisch-reformierten Kirche am Marktplatz sowie vor der Gedenkstätte in der Zeppelinstraße.

Das Heim des Jüdischen Frauenbundes, das Bertha Pappenheim 1907 gegründet hatte, war am 10. November 1938 antisemitischen Übergriffen ausgesetzt. Bürgermeister Herbert Hunkel sprach von „entmenschten“ Bürgern der Stadt, die diese Gräueltaten begangen hätten. Eines der beiden Gebäude wurde an jenem Abend niedergebrannt.

Als in Deutschland die Synagogen brennen, ist Eva Szepesi sechs Jahre alt und lebt in Ungarn, in einem Vorort von Budapest. Sie hat bis dahin eine glückliche Kindheit verlebt. Als Eva Diamant wird sie am 29. September 1932 in eine jüdische Mittelschichtsfamilie geboren. Ihre Eltern besitzen ein Geschäft für Herrenmode. Sie erinnert sich daran, wie sie mit ihrer Mutter den Vater im Laden besucht, und wie die Menschen in der Hauptstraße freundlich grüßen.

Die Diskriminierung spürt sie später in der Schule und von Seiten ihrer besten Freunde. Eines Tages, sie ist acht Jahre alt, geht sie, wie schon öfter, für den Vater Zigaretten kaufen. An der Wasserstelle vor dem Haus trifft sie auf ihre Freunde, die sie als „Saujüdin“ beschimpfen. Der plötzliche Hass kommt für sie aus heiterem Himmel. Völlig aufgelöst kommt sie nach Hause, der Vater versucht sie zu trösten. „Die wissen gar nicht, was sie reden. Die hat jemand gegen uns aufgehetzt.“

Einzige Überlebende im engeren Familienkreis

Im Sommer 1941 tritt Ungarn in den Krieg gegen die Sowjetunion ein. 1942 wird der Vater für den Arbeitsdienst in der Armee eingezogen, die Mutter muss bald das Geschäft schließen. Im März 1944 besetzen die Deutschen Ungarn. Eva spürt die wachsene Unruhe unter den Erwachsenen.

„Dann ging alles Schlag auf Schlag“, erzählt sie. Ab dem 5. April ist ihre Familie verpflichtet, den gelben Stern zu tragen. Eva geht nicht mehr zur Schule und kaum noch aus dem Haus. Mit falschen Papieren soll sie mit ihrer Tante in deren Heimat, die Slowakei, reisen, die Mutter und der kleine Bruder wollen nachkommen. Dass es eine Flucht ist, begreift das Mädchen erst unterwegs. Die Mutter hat sie beim Abschied am Bahnhof so fest an sich gedrückt, dass sie kaum Luft bekam. Es soll ein Abschied für immer sein.

Eva Szepesi mit ihrer Biografie.

In der Slowakei muss sich Eva auch bald von ihrer Tante trennen. Sie kommt erst bei einem Rabbiner unter, dann bei einer Familie, dann bei zwei älteren Damen. Sie wechselt die Verstecke auf der Flucht vor den Nazis, bald ist sie jedoch ganz auf sich allein gestellt. Am Ende wird sie gefasst und nach Au-schwitz deportiert. Beim Aufbruch zum letzten Todesmarsch lassen die KZ-Aufseher Eva in der Krankenbaracke liegen, weil sie ihr keine zwei Tage mehr geben. Nach der Befreiung verbringt sie einige Monate im Sanatorium, dann kehrt sie auf der Suche nach ihren Verwandten nach Budapest zurück. Dort findet ihr Onkel sie in einem Kinderheim. Erst jetzt erfährt sie, dass sie in ihrer engeren Familie die einzige Überlebende ist. Sie bleibt bei ihren Verwandten, macht ihren Schulabschluss und absolviert eine Lehre als Schneiderin. In Budapest lernt sie auch ihren späteren Ehemann Andor Szepesi kennen. 1954 ziehen sie mit der ältesten Tochter nach Frankfurt, wo das zweite Kind geboren wird.

Über Evas Vergangenheit wird in der Familie kaum gesprochen. Erst die Shoah-Foundation des Regisseurs Steven Spielberg („Schindlers Liste“) gibt den Anstoß, dass sie sich ihren Erinnerungen stellt und zu erzählen beginnt. Inzwischen besucht sie als Zeitzeugin schon seit vielen Jahren Schulen und begleitet Klassen bei ihren Besuchen in Gedenkstätten und Konzentrationslager.

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