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Lydia Zoubek organisiert „Dunkelbar“ im Club Voltaire

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Lydia Zoubek. -   Archivfoto: p
Lydia Zoubek © Archivfoto: p

Neu-Isenburg - Besucher einer von Lydia Zoubek organisierten Aktion reisen am 15. Oktober in ein unbekanntes Land: Einen Tag lang verwandeln die blinde Bloggerin und ihr Team den Club Voltaire in eine „Dunkelbar“. Von Vanessa Kokoschka

Sehende Erwachsene, Kinder und Jugendliche können dort im Stockdunkeln ihre Sinne ausprobieren und sich ganz konkret mit dem Thema Sehbehinderung auseinandersetzen. Stellen Sie sich vor: Sie treffen sich mit Freunden in einer Bar. Das Lokal ist rappelvoll, die Gäste lachen, Stühle werden scharrend bei Seite geschoben. An der Theke bestellen Sie sich ein Getränk, der Barkeeper stellt den Drink krachend auf den Tresen. Der Großteil der Menschen würde sich jetzt einfach das Glas schnappen und sich zu seinen Freunden setzen. Für Menschen mit Sehbehinderung ist dies nicht so einfach. In so einer Alltagssituation sind sie vollkommen auf ihre anderen vier Sinne angewiesen. ,,In meiner Stammkneipe kenne ich mich aus und weiß, wo ungefähr der Tresen und die Sitzgelegenheiten sind“, erzählt Lydia Zoubek, ,,wenn ich in einer neuen, mir unbekannten Bar bin, höre ich mir zuerst die Geräuschkulisse an.“

Zoubek ist ein bekanntes Gesicht in der Stadt: Sie setzt sich ein für die Gleichberechtigung von Menschen mit Sehbehinderung. Die 50-Jährige gilt als gesetzlich blind – darunter fallen Menschen, deren Sehvermögen weniger als zwei Prozent beträgt. Kontraste wie hell und dunkel kann sie erkennen. ,,Blind sein ist nur eine Eigenschaft von ganz vielen“, sagt Zoubek.

Über ihren Blog „Lydias Welt“ lässt Zoubek seit über zwei Jahren viele Menschen an ihrem Leben teilhaben. In Jordanien geboren, kam sie mit vier Jahren nach Deutschland. Hier wuchs sie auf, verbrachte ihre Jugend und absolvierte ihr Abitur. Im Blog berichtet sie „Rund um den Alltag einer blinden Mutter mit arabischen Hintergrund“. Liebevoll und informativ beschreibt sie bestimmte Lebenssituationen, beantwortet Kommentare und häufig gestellte Fragen. ,,Manche Themen kann ich von der Leber weg schreiben. Bei anderen lasse ich mir mehr Zeit“, sagt Zoubek. Allerdings versuche sie, wöchentlich einen Beitrag zu veröffentlichen.

So haben sich über die mehr als zwei Jahre, in denen sie ihren Blog betreibt, eine Menge Berichte angesammelt: Nähen und Backen ohne zu sehen, blind Bus fahren oder Essen im Dunkeln sind nur einige Beispiele. Zoubek richtet sich mit ihren Artikeln auch direkt an Sehende: Wie spreche ich einen Menschen mit Sehbehinderung an? Wann biete ich ihm meine Hilfe an? Und welche Sätze sollte ich mir lieber verkneifen? ,,Die Frage ‘Wie kann man einem blinden Menschen helfen’ ist eine, die mir sehr oft begegnet ist. Der Fragesteller geht ganz selbstverständlich davon aus, dass blinde Menschen grundsätzlich hilfebedürftig sind“, schreibt Zoubek. Dass dem nicht so sei, betont sie ausdrücklich: ,,Blinde Menschen haben dieselben Eigenschaften wie nicht blinde. Das gilt nicht nur für Aussehen und innere Werte, sondern auch für die Selbstständigkeit. Es gibt sie in absolut unbeholfen bis zum Superheld.“

Damit Sehende ein Gefühl für die Situation von Menschen mit Sehbehinderung bekommen, organisiert Zoubek nun die „Dunkelbar“. Diese gleicht in ihrem Konzept dem eingangs geschilderten Gedankenspiel. Gewiss, die Situation wird übersichtlicher sein. Und auch ein blinder Mitarbeiter sei stets zur Stelle, sagt Zoubek. Sehende werden dann in kleinen Gruppen in einen dunklen Raum geführt – ähnlich wie im Frankfurter Dialogmuseum – und müssen sich in absoluter Dunkelheit auf ihre anderen vier Sinne verlassen. ,,Handys müssen ausgeschaltet werden und auch Uhren mit Leuchtziffern müssen abgenommen und in der Hosentasche verstaut werden“, informiert Zoubek.

An der Bar können sich die Gäste ein Getränk bestellen und anschließend mit blinden Experten diskutieren und Fragen stellen. Gemeinsam mit dem Club Voltaire (Friedrichstraße 43) verwandelt sie dessen Räumlichkeiten am Montag, 15. Oktober – dem internationalen „Tag des weißen Stocks“ – in die „Dunkelbar“. Dieser Aktionstag steht am Ende der „Woche des Sehens“. In dieser machen Menschen mit Sehbehinderung bundesweit mit Initiativen auf ihre Situation aufmerksam. ,,Ich bin froh, dass es mir gelungen ist, die Dunkelbar nach Neu-Isenburg zu bringen“, sagt Zoubek.

Von 10 bis 18 Uhr können Interessierte vorbeikommen, eine Voranmeldung ist nicht erforderlich. Für eventuelle Wartezeiten ist vorgesorgt: Im Cineplace nebenan werden nachmittags auf Wunsch Filme zum Thema gezeigt. Zoubek freut sich auf interessante Gespräche: ,,Und wenn die Dunkelbar erfolgreich ist, bin ich unbedingt dafür, sie zu wiederholen.“

Alles zu Lydia Zoubek lesen Sie auf ihrem Blog www.lydiaswelt.com.

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