Anregung der Stolperstein-Initiative

Andere Form des Gedenkens in Neu-Isenburg

Weiße Rosen niederlegen: Die Stolperstein-Initiative wünscht sich, dass am 27. Januar interessierte Bürger individuell bei einem Spaziergang den einen oder anderen Stolperstein aufsuchen – als Verneigung vor den Opfern der Nazis.
+
Weiße Rosen niederlegen: Die Stolperstein-Initiative wünscht sich, dass am 27. Januar interessierte Bürger individuell bei einem Spaziergang den einen oder anderen Stolperstein aufsuchen – als Verneigung vor den Opfern der Nazis.

In Neu-Isenburg erinnern 26 Stolpersteine an das Schicksal von jüdischen Mitbürgern während der NS-Zeit. Die Initiative regt an, zum Gedenken am 27. Januar weiße Rosen niederzulegen.

Neu-Isenburg – Auch in Neu-Isenburg wurden jüdische Menschen von den Nationalsozialisten deportiert, vertrieben und ermordet. Das Gedenken an die Mitbürger, die in der nationalsozialistischen Diktatur auch vor Ort Leid erfuhren, hat in der Hugenottenstadt einen großen Stellenwert. Zuvorderst sind da in den vergangenen Jahren Veranstaltungen wie Lesungen sowie Kranzniederlegungen zu nennen und das Kooperationsprojekt von Stadt und Goetheschule zur Aufarbeitung der Geschehnisse. Über ihre Arbeit vor Ort hinaus fuhren Isenburger Gymnasiasten ins polnische Oswiencim, auf dessen Gebiet sich das Auschwitz-Stammlager und das Vernichtungslager Birkenau befanden – Orte, die wie wenige andere für die Verbrechen der Nationalsozialisten stehen.

Und: Damit das Unrecht, das jüdischen Mitbürgern widerfuhr, nicht vergessen wird, erinnern Stolpersteine des Kölner Bildhauers Gunter Demnig an das Schicksal von 26 jüdischen Menschen in Isenburg. Denn „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert der Künstler Demnig den Talmud. Mit den 10 mal 10 Zentimeter großen Steinen vor den Häusern, die Demnig zwischen 2009 und 2011 verlegte, wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst dort wohnten.

Für jeden einzelnen Stein, von denen die meisten in der Frankfurter Straße liegen, haben Bürger eine Patenschaft übernommen. In die Messingtafel der Steine sind der Name, die Adresse sowie das Geburts- und Todesdatum und das Schicksal des jeweiligen Opfers eingraviert. Die Steine wurden in den Gehweg vor dem letzten frei gewählten Wohnort eingelassen. Inzwischen liegen Stolpersteine in 1265 Kommunen Deutschlands und in 21 Ländern Europas.

Für die Verlegung von Stolpersteinen in Isenburg ergriff Christa Ziller 2009 die Initiative und setzte das Projekt mit Gleichgesinnten und der Unterstützung von Stadt und DLB um. Wissenschaftlich wurde es von Dr. Heidi Fogel begleitet und von der Initiative der Kirchengemeinden sowie vom Geschichtsverein GHK und dem Kunst- und Kulturforum FFK.

In diesem Jahr nun werden die Paten der Stolpersteine aufgerufen, die Steine zu reinigen und symbolisch am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, dem 27. Januar, eine Rose niederzulegen. „Wegen der Corona-Pandemie war in diesem Jahr keine gemeinsame Aktion der Paten möglich. Mit dem Niederlegen der Rose wollen wir dennoch ein Zeichen setzen“, schreibt die Initiative. „Wir würden uns freuen, wenn an diesem Tag interessierte Bürger individuell bei einem Spaziergang den einen oder anderen Stolperstein aufsuchen, als Verneigung vor den Opfern des Nationalsozialismus.“

Bürgermeister Herbert Hunkel bedankt sich bereits im Vorfeld für diese Aktion: „Während der Pandemie müssen wir auf große Veranstaltungen verzichten. Umso wichtiger sind diese Aktionen, um der Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen zu gedenken und ein Zeichen gegen den Antisemitismus zu setzen.“

Von 26 jüdischen Menschen, die in Isenburg gewohnt haben, ist bekannt, dass sie Opfer des NS-Terrors wurden. Dies gilt auch für sehr viele Bewohnerinnen des Heims von Bertha Pappenheim. Seit 2010 erinnert eine Stolperschwelle, die Demnig in den Gehweg vor dem ehemaligen Heim des Jüdischen Frauenbundes in der Zeppelinstraße einsetzte, an mehr als 150 Frauen und Kinder, die dort lebten, deportiert und ermordet wurden.

Es gibt in Neu-Isenburg auch Stolpersteine, die an Überlebende des Holocaust erinnern. Wer etwa offenen Auges durch die Frankfurter Straße geht, entdeckt vor Haus Nummer 46 eine Erinnerung an Josef Drehlich und seine Frau Adelheid. Dort betrieb der gebürtige Pole eine Maß- und Konfektionsschneiderei, die ab 1933 ebenso wie andere jüdische Geschäfte zunehmend Anfeindungen ausgesetzt war. 1939 wurde Drehlich ausgewiesen und ging mit seiner Frau nach England. Seine Mutter und seine drei Schwestern wurden in Auschwitz ermordet.

Ebenfalls aus Polen stammten Max und Rosa Goldmann, die mit ihren Kindern Willi und Johanna in der Frankfurter Straße 19 lebten. Rosa Goldmann hat einige Zeit als Haushälterin für Bertha Pappenheim gearbeitet. Die Familie war in der Hugenottenstadt gut integriert. Aber 1933 schlug die Stimmung um. „Frühere Mitschüler, mit denen ich viele Jahre gemeinsam die Schule besucht hatte, benahmen sich von heute auf morgen so, als sei ich über Nacht aussätzig geworden“, erinnerte sich Johanna Goldmann später.

Ihr Bruder, ein erfolgreicher Turner, verließ Deutschland 1933 und holte die Familie 1935 nach Palästina nach. Willi Goldmann nahm in den 1970er Jahren wieder Kontakt zu seiner Geburtsstadt Neu-Isenburg auf und pflegte diesen bis zu seinem Tod im Dezember 1989.

Wenig bekannt ist über den Schuhmacher Salomon Luks, der mit seiner Frau Anna und seinem Sohn in der Hirtengasse 18 lebte. Er floh 1939 nach Shanghai, wo er ein Jahr später starb. Auch in der Frankfurter Straße 61, heute Sitz der Volksbank, wird bei Passanten Geschichte unmittelbar erfahrbar. Ein Stein erinnert an Max Pscherowski, der dort früher als Schneider und Tuchhändler tätig war.

„Nicht allen, die gezwungenermaßen Neu-Isenburg verlassen mussten, können Steine gesetzt werden“, betonen die Initiatoren dieses In-Erinnerung-Haltens. „Viele Schicksale ließen sich nicht aufklären.“ Und so hat sich die Stolperstein-Initiative für die entschieden, von denen sie Näheres in Erfahrung bringen konnte. (Von Barbara Hoven)

Leseempfehlung

Wer mehr über die Schicksale der Menschen wissen möchte, an die die Stolpersteine erinnern, kann zum Beispiel die Internetseiten der Johannesgemeinde (ev-johannesgemeinde.de) besuchen. Dort findet sich ein lesenswerter Artikel von Dr. Heidi Fogel über Familie Weiß, die in der Schillerstraße 18 lebte und nach der Vertreibung aus Deutschland in Israel eine neue Heimat fand.

Sie sind klein und reflektieren das Sonnenlicht - die Stolpersteine auf Neu-Isenburgs Gehwegen zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Wer einmal darüber stolpert und die Inschrift liest, für den wird Geschichte unmittelbar erfahrbar; wie hier in der Frankfurter Straße 45.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare