Besessen von der dritten Dimension

Der „Motor der Stereoskopie“ feiert heute seinen 90. Geburtstag: Heinz Otto.Foto: Sauda

Neu-Isenburg - Heinz Otto, Gründer der Raumbildfreunde Rhein-Main, des Raumbildtages und „Motor der Stereoskopie“ wird heute 90 Jahre

(es) Er ist vom Dreidimensionalen wie besessen, wird der „Otto-Motor der Stereoskopie“ genannt - und feiert heute im Buchenbusch seinen 90. Geburtstag: Heinz Otto. Der 3 D-Fan kam in Leipzig zur Welt und lernte während des Zweiten Weltkrieges bei der Luftwaffenaufklärungseinheit die Raumbildfotografie kennen und schätzen. „Was für Tod und Vernichtung brauchbar ist, muss auch im Frieden gut sein“, dachte sich der gelernte Chemotechniker, Metallograf und Metallröntgenologe, der seinen Beruf jedoch wegen „Arbeitsdienst und Kriegswirren“ kaum ausübte.

So baute er sich 1945 kurz nach Ende des Krieges seine erste eigene „doppeläugige“ Kamera für die Stereofotografie. „Ich setzte damals zwei Robot-Kameras hochkant nebeneinander, so dass die Entfernung der Objektive zueinander genau 6,5 Zentimeter betrug“, erinnert sich Otto. 1950 begann er Dia-Vorträge mit Themen wie „Sonne über Rügen“. Aber erst sechs Jahre später sollte er seinen ersten Raumbildvortrag halten: „Ich musste so lange warten, weil der Projektor und die notwendigen Brillen fehlten.“ Doch dann schlug der Bildbericht mit dem Titel „Rothenburg - ein Besuch bei Tillmann Riemenschneider“ mächtig ein: „In den ersten sechs Monaten hatten wir 25 000 Besucher“. Dieser Vortrag war es jedoch, der ihn und seine Familie zwang, aus Ostdeutschland zu flüchten: „Der Riemenschneider-Vortrag wurde wegen Werbung für einen Nato-Staat verboten, da musste ich weg“, erinnert er sich. Mit samt seiner Kameraausrüstung floh er aus der späteren Deutschen Demokratischen Republik.

Seit 1956 hat der Raumbildveteran in 50 Jahren bei 5 000 Vorträgen mehr als 500 000 Menschen begeistert. 2006 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen mit einem Vortrag über „Bali - Insel der Götter und Dämonen“ in der Hugenottenhalle beim 15. Raumbildtag zurück. „Es gab stehende Ovationen der 500 Zuschauern, darauf bin ich sehr stolz“, gerät der Mann isn Schwärmen, der Mitte der 80er Jahre den Verein der „Raumbildfreunde Rhein-Main“ und später auch den „Raumbildtag“ aus der Taufe hob. Seit 17 Jahren lockt diese Veranstaltung jährlich rund 1 000 Freunde der räumlich wirkenden Bilder aus ganz Europa in die Hugenottenstadt. „Das ist mein Lebenswerk“, sagt Otto.

Als er 1960 nach Isenburg kam, begann er bei den Adox-Schleussner Werken und baute dort die Reklamationsabteilung auf. Parallel hielt er nebenberuflich weiter Lichtbildvorträge: „Nachdem ich 1982 in Rente gegangen war, tourte ich durch die ganze Bundesrepublik.“

Doch seine Passion reicht weiter zurück. Schon als Zwölfjähriger fischte er mit einer Pinzette 20 Mark aus seinem Sparschwein und kaufte sich seine erste Kamera: eine „Voigtländer Brillant“. „Mein Vater hatte eine 9 mal 12-Plattenkamera. Im Urlaub baute er immer sein Stativ auf, verschwand hinter einem schwarzen Tuch und fotografierte. Da war mir klar, dass ich eines Tages selbst Bilder machen würde“, so Otto, der ursprünglich Arzt werden wollte. Seine Motivation für die vielen Vorträge erklärt der heute schwer kranke und an den Rollstuhl gefesselte Jubilar so: „Es gibt viele Menschen, die sich eine Reise in ferne Länder nicht leisten können. Durch meine Fotos und Vorträge nehme ich sie mit und versetze sie mitten hinein die Welt. Durch mich gelangen sie zu Tempeln, ohne dass sie verreisen müssen.“ Zudem sieht er es als seine Aufgabe an, „das Publikum zu dem zu führen, was unsere Vorfahren geleistet haben“. Besonders glücklich ist er darüber, „dass es mir gelungen ist, Menschen zu begeistern“.

Begeistert war Otto schon als Kind von Ägypten. Besonders der Fund des Grabes von Tutanchamun, das Howard Carter 1922 im Tal der Könige entdeckte, beeindruckte den jungen Mann, dem es in den 50er Jahren bei einer Reise ins Land der Pharaonen gelingen sollte, die Schätze abzulichten.

„Ich bin fast schon ein Besessener.“ Besessen von den Bildern und interessiert an allem, „was die Menschheit ausmacht“. Für Heinz Otto war es beim Fotografieren stets wichtig, im Hinterkopf zu haben, „dass ein Raumbildfotograf Bilder macht, um die Menschen mit an den Ort der Handlung zu nehmen, um dem Betrachter das Gefühl zu vermitteln, dass er selbst dort steht und erlebt, was der Fotograf erlebt hat“.

Sein bewegtes Leben, das meist von der Raumbildfotografie bestimmt war, hat Heinz Otto, der 2006 die Bürgermedaille der Stadt erhielt, in einem Buch festgehalten. Titel: „Mit meinen Augen - Eine deutsche Lebensgeschichte“.

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