Dokumentarfilm „Broken Dolls“ bei Pogromgedenken in Neu-Isenburg

Bewegende Geschichte einer Überlebenden

Vor der Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom 1938 wurden Kränze unter anderem am Versöhnungstor an der Marktplatzkirche niedergelegt.
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Vor der Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom 1938 wurden Kränze unter anderem am Versöhnungstor an der Marktplatzkirche niedergelegt.

Bei der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht waren im Neu-Isenburger Rathaus Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm „Broken Dolls“ zu sehen. Dabei geht es um die bewegende Lebensgeschichte einer ehemaligen Bewohnerin des Heimes des Jüdischen Frauenbundes.

Neu-Isenburg – Die 1932 geborene US-Amerikanerin Rita Whipple hieß nach ihrer Geburt im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt Renate Tannenbaum. Sie dürfte eine der wenigen sein, die zeitweise in dem von Bertha Pappenheim (1859 - 1936) aufgebauten und geleiteten Heim für jüdische Kinder lebten und bis heute überlebten. Erst spät erfuhr ihre Tochter Tracy Whipple vom Hintergrund ihrer Mutter.

Mit ihrem Lebensgefährten, dem französischen Regisseur und Autor Gilles Bovon, drehte die Tochter über das Leben ihrer Mutter einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Broken Dolls“. Anlässlich des Jahrestags der Pogrome 1938 lud die Stadt das in Paris lebende Paar ein, Ausschnitte bei der Gedenkveranstaltung am Mittwochabend im Rathaus zu zeigen.

Am 10. November 1938 wurde auch das Heim des Jüdischen Frauenbundes in der Taunusstraße stark beschädigt. Für Stadtverordnetenvorsteherin Christine Wagner ist die Gedenkstätte Bertha-Pappenheim-Haus Neu-Isenburgs Beitrag, die Geschichte aufzuarbeiten.

„Sie werden sich an Frau Pappenheim nicht erinnern“, vermutet Bürgermeister Herbert Hunkel gegenüber der über Videocall aus den USA zugeschalteten Rita Whipple. Die 89-Jährige erzählt, von Pappenheim habe sie tatsächlich kein Bild vor Augen, aber ein typisches Trauma aus der Kindheit ist ihr nach wie vor präsent: „In meinem Bett im Heim hatte ich meine Puppe kaputt gemacht“. Auch sieht sie noch die Feuer und Scherben der Pogromnacht in Frankfurt vor sich, „das beobachtete ich mit meinem Freund Günther, wir verstanden das nicht und hielten es für einen Witz“. Mit Mutter Klara und Bruder Egon verließ die Sechsjährige bald nach der Nacht das Land, strandete 1941 in Schanghai, wo die drei bis 1949 lebten, ehe es durch familiäre Kontakte 1949 gelang, in die USA zu emigrieren.

Tochter Tracy Whipple erzählt, dass sie von der Biografie ihrer Mutter nichts gewusst habe. Wenn Mutter und Großmutter etwas besprachen, was die Tochter nicht hören sollte, „dann redeten die beiden auf Deutsch“. Erst vor Kurzem wurde die eigene Herkunft zum Thema, „als Erwachsene erfuhr ich von meiner jüdischen Herkunft“.

Das dokumentiert auch der Film. In einer Frequenz wirft die Tochter der Mutter vor: „Ich bin 49 Jahre alt und erfahre erst jetzt, wer ich bin“. Zum Teil ging es der Mutter selbst so. Den Filmemacher Gilles Bovon interessierte die neu entdeckte Geschichte. Nach kleinen Anlaufproblemen bei der Recherche fand er die Wurzeln der Schwiegermutter ganz leicht, indem er ihren ursprünglichen Namen in die Suchmaschine eingab. Auf der Seite „Gedenkbuch für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg (1907 - 1942)“ steht Renate Tannenbaum, geboren am 21.08.1932 in Frankfurt. Fast auf den Tag lässt sich ihr Aufenthalt im Haus von Pappenheim belegen, vom September 1935 bis zum 16. Juli 1937, ehe sie mit ihrem Bruder wieder bei der Mutter in Frankfurt lebte.

Bovon nahm Kontakt zur Kunsthistorikerin Esther Erfert-Piel auf, die das Gedenkbuch im Netz betreut. Die Frau setzte vieles in Bewegung, bis sie durch den Kontakt zu einem Geschichtsverein in der Nähe von Schlüchtern herausfand, dass es sich beim Vater um einen Wilhelm Eckardt handelte, geboren am 1. März 1902. Der Mann kannte acht Monate nach der Geburt von der jüdischen Tochter Renate auf einem Standesamt in Frankfurt die Vaterschaft an. Als Herkunft schrieb er „Preuße“.

Rita Whipple, die sich im Vorgespräch des Abends der Moderatorin Anna Held als „Renate“ vorgestellt hatte, erfuhr so doch noch Ende ihrer achtziger Jahre, wer der Vater ist, „ich bin ihm dankbar, dass er mich zeugte“.

Von Stefan Mangold

Aus der USA wurde Rita Whipple, die frühere Renate Tannenbaum, zur Veranstaltung im Rathaus zugeschaltet.

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