Einrichtung schwimmt weiter auf der Erfolgswelle

Was Bibliothek alles sein kann

+
Steht zwar „Hugenottenhalle“ drauf, doch auch die Bibliothek hat dort ihr Haupt-Domizil. Das aus den 70er Jahren stammende Gebäude an der Frankfurter Straße bietet jedoch zu wenig Platz, um alle Anforderungen an eine moderne Bibliothek dort zu vereinen. -   Foto:

Neu-Isenburg - Die öffentliche Bibliothek erfährt gerade eine gewaltige Transformation vom altehrwürdigen Lesetempel zum multiplen Lern-, Kultur- und Veranstaltungsort. Von Barbara Hoven 

Eine überall zu beobachtende Entwicklung, auf die sich das Team der Isenburger Stadtbibliothek längst bestens eingestellt hat, wie der Blick in die Statistik zeigt: Leiterin Jutta Duchmann und ihr Team können erneut auf ein richtig gutes Jahr zurückschauen. Die Zahlen sind durchaus imposant: Die Besucherzahl kletterte im Jahr 2017 um zehn Prozent auf 163 644. Heißt: Ganz Neu-Isenburg ist rechnerisch vier Mal in der Bibliothek und ihren Zweigstellen gewesen. „Das ist ein absoluter Rekord“, sagt Duchmann. Und der Bericht, so ergänzt Kulturdezernent Theo Wershoven, zeige eindrucksvoll, „dass Bibliothek heute mehr ist als Bücher ausleihen“. Die Stadtbibliothek werde von ihren Nutzern als „Dritter Ort“, als Ort der Begegnung, der Inspiration und lokaler Identifikation intensiv genutzt und geschätzt und gehöre mit einem aktuellen und kundenorientierten Service- und Medienangebot zu den beliebtesten Kultur- und Bildungseinrichtungen.

Und auch die Zahl der Ausleihen blieb stabil, „auch wenn es dem Zeitgeist entspricht, dass die Ausleihe physischer Medien zurückgeht“, wie Duchmann weiß. Mit rund 400.000 Entleihungen hat das Team dennoch seinen Spitzenwert gehalten – es sind umgerechnet knapp elf Entleihungen pro Einwohner.

Ein üppiges Plus von 17 Prozent hat indes die Onleihe, in der rund 155.000 Medien zum Download stehen, verzeichnet. Keine Überraschung in Zeiten, da E-Books und Tablets nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken sind. Allerdings, merkt die Bibliothekschefin an, hätten Studien mittlerweile gezeigt, dass das Lesen am Bildschirm kein Ersatz sei für frühere Lesegewohnheiten auf Papier; es sei einfach flüchtiger: „Man wischt schnell drüber, statt das Gelesene genau zu erfassen und zu speichern“. Die ausleihstärksten Medientypen waren Hörbücher, gefolgt von DVDs, Sachliteratur, Kinderbüchern und der Belletristik für Erwachsene.

Auch Ausstellungen gehören zum Angebot. Die neue Schau zum Motto „Mensch.Frau.Sein“ der Isenburger Künstlern Waltraud Stettin (links, stehend) wurde dieser Tage eröffnet. Das Foto entstand bei der Vernissage, hinten rechts ist Jutta Duchmann zu sehen.

„Somit gehört Neu-Isenburg bei den Entleihungen, beim Umsatz, den Öffnungsstunden (3 118) und den Veranstaltungen hessenweit zu den leistungsstärksten Bibliotheken“, freut sich das Team. Die Bibliothek liege damit „mit ihren Arbeitsergebnissen und der Resonanz seitens des Publikums voll im Trend“.

Das gilt auch für die Zweigstellen im Westend, in Gravenbruch und Zeppelinheim. Die hätten sich in den vergangenen zehn Jahren „zu regelrechten Hotspots für wohnortnahe Literaturversorgung, kulturelle Stadtteilbelebung und zielgruppenorientierte Bildungsarbeit entwickelt“, wie Wershoven betont. Er freue sich besonders über die sehr positive Entwicklung der jungen Gravenbrucher Dependance, die vergangenes Jahr 24.000 Besucher verzeichnete. Schließlich habe es Zeiten gegeben, wo die Notwendigkeit, diese Einrichtung zu bauen, von einigen Leuten angezweifelt worden sei.

Und auch die kleinste der Dependancen, die in Zeppelinheim, hatte mit knapp 5000 Besuchern und mehr als 5000 Ausleihen einen überproportional hohen Anteil am Gesamterfolg. Dieses Ergebnis sei vor allem deshalb beachtlich, „weil die Zweigstelle in Zeppelinheim nur drei Stunden wöchentlich geöffnet hat und von einem ehrenamtlichen Team betreut wird“, betont Duchmann.

Der Kulturdezernent weist allgemein auch darauf hin, dass die Bibliothek auch ein außergewöhnlich umfangreiches und anspruchsvolles Kulturprogramm mit renommierten Gästen auf die Beine stelle: „Sie bereichert so auch das kulturelle Leben der Stadt.“ Zudem kooperiere sie mit sämtlichen Schulen und Erziehungseinrichtungen vor Ort und über die Stadtgrenzen hinaus, sie sei engstens vernetzt mit kommunalen und kreisweiten Einrichtungen und Vereinen. Bilderbuchkino, Vorlese- und Bastelstunden, 197 Klassenführungen allein im Jahr 2017 und das Projekt „Bibliotheksführerschein“ – vor allem die Nachwuchsförderung ist ein wichtiger Baustein.

OP unterwegs auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Und die Bibliothek muss natürlich aktuell sortiert sein. Duchmann betont, sie sei froh, dass es in Isenburg noch „einen guten Medienetat, der eine Neuerungsquote von elf Prozent ermöglicht“, gebe. Für ein zeitgemäßes Profil bietet die Bibliothek zudem 26 PC-Arbeitsplätze mit Internetzugang und Office-Programmen, freies WLAN (finanziert von ihrem Freundeskreis) sowie diverse Datenbanken und Streamingdienste.

All das mache es nach wie vor möglich, „trotz räumlicher Defizite in der ersten Liga zu spielen“, merkt Duchmann an. Damit spielt die Chefin auf die seit Jahren bekannten Raumprobleme an. Das aus den 70er Jahren stammende Gebäude an der Frankfurter Straße bietet zu wenig Platz für eine moderne Präsentation der Medien, für Rückzugsmöglichkeiten, zum Schmökern oder Lernen. Angegangen werden soll eine – wie dann auch immer geartete – Umgestaltung bekanntlich im Gesamtkomplex mit der ebenfalls in die Jahre gekommenen, benachbarten Hugenottenhalle. Wershoven macht beim Pressegespräch aber Hoffnung darauf, dass sich bei diesem Dauerthema bald etwas bewegt: Er gehe davon aus, „dass wir Ende des Jahres/Anfang nächsten Jahres eine Konzeptstudie haben und wir arbeiten weiter an der Entwicklung von Bibliothek und Hugenottenhalle“.

Das wird Duchmann dann zwar noch immer mit Interesse verfolgen, aber nicht mehr vom Chefsessel aus begleiten. Denn die Frau, die seit 1991 die Bibliothek souverän leitet, geht zum Jahresende in den Ruhestand. Wer die Nachfolge antritt, ist noch nicht raus; die Stelle ist ausgeschrieben.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare