Dritter Band der Reihe befasst sich mit Stadtgründer Graf Johann Philipp

Im Buch lebt die Ausstellung weiter

+
Keine verstaubte Wissenschaft: Museumsleiter Christian Kunz (von rechts) und Dr. Bettina Stuckard, Leiterin des Kulturbüros, stellen mit Kulturdezernent Theo Wershoven den dritten Band der „Isenburger Facetten“ vor.

Ein ganzes Jahr lang hatten Kulturamtsleiterin Bettina Stuckard und Museumsleiter Christian Kunz die große Sonderausstellung zum 300. Todestag des Stadtgründers Graf Johann Philipp zu Ysenburg-Büdingen vorbereitet.

Neu-Isenburg – Ein halbes Jahr lang war bis Februar im Stadtmuseum erlebbar, wie der Graf damals lebte und was seine Zeit prägte. Die Arbeit, da können sich Stuckard und Kunz inzwischen sicher sein, hat sich gelohnt. Es war, berichtet der Museumsleiter, die besucherstärkste Ausstellung, die es im Haus zum Löwen seit dessen Wiedereröffnung im Jahr 2011 gegeben habe – „ich glaube fast, es war die besucherstärkste überhaupt“. Mehr als 3300 Leute informierten sich über die Zeit des beginnenden 18. Jahrhunderts – die Zeit, in der Graf Johann Philipp zu Ysenburg-Büdingen lebte. Wer war dieser Graf? Was war seine Motivation, Glaubensflüchtlinge aufzunehmen? Welches Denken und Handeln bestimmte die Zeit um 1718? Wie haben die Menschen gelebt? Diese Fragen sind für die städtische Gründungsgeschichte Neu-Isenburgs von Bedeutung.

Allein: Obwohl mancher Besucher sich das durchaus wünschte, können die Tafeln und Exponate der Sonderschau nicht in die Dauerausstellung des Stadtmuseums eingepflegt werden. Es fehlt schlicht der Platz.

Antworten auf die genannten und viele weitere Fragen lassen sich nun trotzdem leicht finden. Denn Stuckard und Kunz haben den Ansatz der Ausstellung aufgegriffen und die Texte und sensiblen Schriftstücke als Publikation zusammengestellt: Mit dem nun erschienenen Buch „1718 Graf Johann Philipp zu Ysenburg-Büdingen und seine Zeit“ ist zugleich die Schriftenreihe „Isenburger Facetten“, in der Themen der lokalen Geschichte und Aspekte der Kultur, Religion und Gesellschaft aufgegriffen werden, um einen Band reicher geworden. „Die Reihe ist an das Stadtmuseum angebunden und verdeutlicht, wie vielfältig, wie facettenreich Stadtgeschichte ist“, erklärt der Museumsleiter. Zur Erinnerung: Mit Band eins, der Aufsatzsammlung „Calvin Annäherungen“, wurde 2012 gestartet, Teil zwei hat die „Grenzen und Grenzsteine der Neu-Isenburger Gemarkungen“ zum Thema.

Der nun vorliegende dritte Band gibt Einblicke in die Zeit der Stadtgründung Neu-Isenburgs. Dabei erwartet den Leser mitnichten trockene, abgehobene Wissenschaft: „Die Niedrigschwelligkeit, die wir für die Ausstellung als Vorbild hatten, wollten wir auch im Buch umsetzen“, betont Christian Kunz. Und so nehmen er und Bettina Stuckard in kurzen, interessanten Kapiteln ihre Leser mit auf Zeitreise – angereichert mit vielen Bildern. Und wer dann beim ein oder anderen Thema tiefer einsteigen will, findet reichlich Quellenangaben.

Im Buch erfahren die Leser etwas zur wirtschaftlichen Situation im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg und den landesherrschaftlichen Bemühungen um Stabilität und Ordnung, Gewerbeansiedlung und Bekämpfung der Armut. Aber es werden auch gesellschaftliche Umstände beleuchtet: Die soziale Stellung der Ehefrauen des Grafen vor der Ebene dynastischer Heiraten und der Sicherung von Erblinien.

Die Publikation greift weiter und stellt intime Fragen nach Körperhygiene und Parfumkultur, beschreibt die aktuelle Mode um 1718, zeigt Kunst, Kultur und Freizeitvergnügungen auf sowie Ernährungsgewohnheiten der Zeit. Religion und Glaubenswelt ist ein weiterer Schwerpunkt. Von den weitergefassten Themen, die einen Spiegel der Zeit erlauben, wird dann auf die Person des Grafen übergeleitet und so dessen Handeln und Wirken plausibel.

Um all das anschaulich zu gestalten, sind die Buch-Macher Kunz und Stuckard sogar selbst zu Fotomodellen avanciert: Wer die Bilderstrecken im Kapitel „Mode und Kosmetik“ zur Kleidung des 17. Jahrhunderts genau anschaut, erkennt den Museumsleiter und die Kulturbüro-Chefin wieder, mal im weißen Unterkleid, mal in galanter Robe.

Auch wer nachempfinden möchte, was damals so auf dem Tisch des gräflichen Hauses stand, wird fündig: Im Kapitel über die Ernährung finden sich Rezepte etwa für Biersuppe – im Original sowie „modern interpretiert“. Und nicht nur im neuen Buch lebt die Ausstellung weiter. Auch den Ansatz, die damalige Zeit über barocke Spiele erfahrbar zu machen, verfolgt das Museumsteam weiter. Kunz erzählt von einem großen, begehbaren Spiel, das Interessierte im Museum spielen können. Es ist eine Variante des Gänsespiels mit Lokalkolorit – „ein Neu-Isenburg-Spiel mit Fragekarten, dessen Basis ein Plan des Alten Orts ist“.

Verkaufsstellen

Das Buch „1718 Graf Johann Philipp zu Ysenburg-Büdingen und seine Zeit“ erscheint in einer Auflage von 750 Exemplaren. Es kostet 15 Euro und ist unter anderem im Stadtmuseum, im Bürgeramt oder in der Stadtbibliothek erhältlich.

VON BARBARA HOVEN

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare