Weg aus dem „Opferland“

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Walter Kohl, Sohn des Altkanzlers, zu Gast in der Huha.

Neu-Isenburg - Ein Leben im Schatten des Vaters, in Fremdbestimmung und in Verzweiflung über die eigene Existenz: Walter Kohl schildert in seinem Buch „Leben oder gelebt werden“ den langen Weg zur Versöhnung mit sich selbst und seinem Umfeld. Von Sina Gebhardt

Zum Neujahrsempfang haben die Stadtbibliothek und der Verein für Geschichte, Heimatpflege und Kultur (GHK) zur Lesung mit dem Sohn von Altkanzler Helmut Kohl in die Hugenottenhalle eingeladen.

Es ist keine Abrechnung mit dem übermächtigen Vater, betont Walter Kohl. Es geht nicht darum, ob Helmut Kohl ein guter oder schlechter Vater war. Mit seinem Werk, das 2011 die Spitze der Spiegel Bestseller-Liste stürmte, zeigt der 48-Jährige lediglich seinen Weg aus der Fremdbestimmung, aus dem „Opferland“, auf. So steht auch das Thema Versöhnung im Vordergrund, der innere Frieden, den der Diplom-Volkswirt nach dem Selbstmord seiner Mutter, der CDU-Parteispendenaffäre und der Scheidung seiner ersten Ehe entbehrt hat.

„Heute kann ich gut damit leben, der Sohn vom Kohl zu sein“, erklärt Walter Kohl. Aber das war nicht immer so. Die Auswirkungen, die das politische Leben seines Vaters auf ihn hat, schildert er in bedrückenden Szenen: Seine Isolation in der Kindheit, die Reaktionen seines Umfelds auf die Terrorismusgefahr der 70er Jahre („Es wurden Wetten abgeschlossen, wann wir entführt werden.“), das immer präsente Gefühl ein „Anderer unter Gleichen zu sein“.

„Schrittfolge verschiedener Versöhnungsverfahren“

Dass er heute sein Leben akzeptieren kann, wie es ist, ist das Ergebnis einer „Schrittfolge verschiedener Versöhnungsverfahren“. Mit seinem Lösungsweg, den er als dritten Weg neben Kampf und Flucht bezeichnet, möchte er eine Alternative aufzeigen. Dabei steht er offen zu seinen Gefühlen, schiebt nicht nur anderen die Schuld zu, sondern erkennt auch die Eigenverantwortlichkeit für sein Leben an.

Wenn er sich den zahlreichen Fragen des Publikums stellt, wirkt Walter Kohl ruhig und ausgeglichen. Als „Sohn vom Kohl“ musste er bereits in jungen Jahren lernen, mit Feindseligkeit, Neid und Verachtung, aber auch Mitleid umzugehen. Heute sieht man ihm an, dass er sich aus der Rolle des ewigen Sohnes befreit und tatsächlich seinen inneren Frieden gefunden hat: „Heute kann ich meinen Vater so akzeptieren, wie er ist. Jeder geht seinen eigenen Weg.“

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