Bücher aus dem Feuer

Verbrannt, aber nicht vergessen

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Die Frauenbeauftragte Gabriele Loepthien und Stadtarchivarin Claudia Lack, die den Gedenktag mit organisiert haben, hören zu. Rechts: Katja Harjes liest in der Stadtbibliothek „Ringelnatz für Kinder“.

Neu-Isenburg - Mit einer beeindruckenden Aktion haben Isenburger Bürger gestern überall in der Stadt ein Hass-Ritual dem Vergessen entrissen, das vor 80 Jahren am Anfang des nationalsozialistischen Terrors stand. Die Bücherverbrennung.

Brechts „Keuner Geschichten“ hat sich Karsten Ludwig für seine Lesung auf dem Rosenauplatz ausgesucht.

Es war im Juni 1933 – und damit etwas später als in vielen anderen Städten –, als auch auf dem Neu-Isenburger Wilhelmsplatz die Nazis Bücher verbrannten, deren Inhalt sie für „undeutsche Literatur“ hielten. „Verbrannt, aber nicht vergessen – 30 Minuten für die Erinnerung“ ist die Aktion überschrieben, die das Stadtarchiv, die Stadtbibliothek sowie die Bertha-Pappenheim-Initiative und der GHK im Auftrag der Stadt auf die Beine gestellt haben. Und mehr als 20 Bürger haben sich auf einen Aufruf hin gemeldet, um aus Werken von Schriftstellern zu lesen, deren Bücher 1933 in Flammen aufgingen.

Schon als Karsten Ludwig um 11 Uhr auf dem Rosenauplatz den Anfang macht und Ausschnitte aus Brechts „Keuner Geschichten“ vorträgt, bleiben Passanten stehen und hören zu. „Im Anschluss entstand auch gleich eine Diskussion“, freut sich Stadtarchivarin Claudia Lack, die morgens als Zuhörerin dabei ist, bevor sie am Nachmittag ebenfalls vorliest. Das Wichtige und Tolle an der Aktion sei für sie, „dass viele Menschen heute ein paar Minuten inne halten und darüber nachdenken, was da damals passiert ist“, sagt Lack. Zum Beispiel folgendes: Als in Berlin am 10. Mai 1933 „undeutsche Literatur“ verbrannt wurde, mischte sich Erich Kästner unters Volk. So musste der Schriftsteller sehen, wie sein Werk in Flammen aufging.

Kästner-Lesung im Isenburger Stadtarchiv

Auch an diese Geschichte möchte Renate Koenen erinnern. Deshalb hat sich die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Isenburger Stadtarchivs für ihre Lesung Werke von Kästner ausgesucht. Bevor ihre halbstündige Lesung beginnt, ist Koenen etwas aufgeregt. Doch mit ruhiger, fester Stimme trägt sie dann zunächst das satirische Gedicht „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“ vor, liest anschließend ein Kapitel aus dem Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“. Das 1931 erschienene Buch habe bei den Nazis sofort als entartet gegolten, berichtet die rührige Isenburgerin ihren offenkundig sehr interessierten Zuhörern.

Auch Christoph Neumann beteiligt sich. Der Chef von „Leanders Bücherwelt“ in der Frankfurter Straße hat viel Arbeit in die Vorbereitung auf diese Aktion investiert. Er trägt am Nachmittag in seinem Laden nicht nur prominente Zitate zur Bücherverbrennung vor, hat außerdem einen eigenen Text verfasst, „in dem ich darüber nachdenke, was da eigentlich verbrannt wurde“.

Bürgermeister liest auf dem Wilhelmsplatz

Lesen und erinnern: Auch Bürgermeister Herbert Hunkel macht mit bei der Leseaktion zum Gedenken an die Bücherverbrennung der Nazis. Hunkel liest auf dem Wilhelmsplatz, wo im Juni 1933 auch in Neu-Isenburg die Bücher brannten.

Natürlich dürfen auch Lesungen in der Stadtbibliothek an diesem besonderen Tag nicht fehlen. Peter Holle, Gerhard H. Gräber, Werner Göbl, Hannelore Kaus-Schwörer, Bibliotheks-Chefin Jutta Duchmann und einige andere lesen dort; am Nachmittag widmen sich Katja Harjes und Christiane Abt in einer kindgerechten Lesung speziell dem Nachwuchs.

„Wir wollen mit der Aktion zugleich die Erinnerung an diese menschenverachtende Zeit wach halten. Sie soll uns verpflichten dafür einzutreten, dass sich das unvorstellbare Leid, das von Deutschland ausging, nie mehr wiederholt“, betont Bürgermeister Herbert Hunkel, der am späten Nachmittag auf dem Wilhelmsplatz aus Werken von Oskar Maria Graf vorliest. 

hov

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