„Crossfit“

Zurück zum guten alten Klimmzug

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In einem Hinterhaus-Raum im Gewerbegebiet blüht der Trendsport Crossfit. Das Training, vergleichbar mit dem Fitness-Drill in der Armee, ist meist kurz, dafür aber sehr intensiv. Aus dem Stand auf eine Kiste zu springen wie Nahla Gawro (Bild unten) oder wie Constantin Siewert eine sogenannte Überkopf-Kniebeuge stemmen, dafür braucht’s Übung. Für diese sorgt das Betreiberpaar der Isenburger „Box“, Marco Gerhardt und Katharina Tonhäuser – neuerdings mit Töchterchen Marie.

Neu-Isenburg - Marco Gerhardt und Katharina Tonhäuser haben Erfolg mit einem Fitnessstudio für Leute, die nicht auch noch beim Sport sitzen wollen. Von Barbara Hoven 

„Crossfit“ heißt der neue Trend auf dem Markt der Körperertüchtigung, dem das Paar im Isenburger Gewerbegebiet eine Heimat gegeben hat, wo einst der Keks- und Knabberfabrikant Bahlsen ein Lager hatte. Man trainiert gemeinsam, man schwitzt und leidet gemeinsam, man geht gemeinsam bis ans Limit in der Hermannstraße 34. Gewichte und Kisten stehen in einer Halle, es gibt Stangen für Klimmzüge, von der Decke baumeln Ringe, Medizinbälle liegen herum. Sperrige Fitnessgeräte sucht man hier vergebens, höchstens die Rudermaschinen erinnern an klassisches Fitnessstudio-Mobiliar. Spartanisch und zweckorientiert ist die Einrichtung, die Atmosphäre jedoch ist alles andere als karg. Wer reinkommt, wird freundlich begrüßt, einander nach einer Trainingseinheit abzuklatschen gehört wie selbstverständlich dazu. Das Programm, das sie alle herlockt, nennt sich Crossfit.

Auch Marco Gerhardt nimmt sich zwischendurch Zeit für einen Gruß, während er seine Wirkungsstätte zeigt. Der 40-Jährige leitet die erste Isenburger „Box“, wie Crossfit-Gruppen ihre Trainingsstätte nennen. Crossfit ist eine Art Ganzkörperfitnesstraining. Wie alles, was dem Körpergefühl huldigt, ist es aus den USA herübergeschwappt. Neu? Neu ist eigentlich vor allem, dass altes Wissen perfektioniert wird. Eine Art fixer Trimmdichpfad. Die Leute mögen das. Das Rezept ist so simpel wie anstrengend. Bewährte Übungen wie Handstand, Liegestütz und Kniebeugen werden gemixt mit anderen Trainingseinheiten. Gewichtheben, Schwimmen, Turnen… Und zum Aufwärmen gibt’s schnelle Laufrunden – nicht auf einem Laufband, sondern draußen im Innenhof.

„Wir widersetzen uns bewusst herkömmlichen Studiokonzepten, die auf Training an technischen Kraftmaschinen fokussiert sind“, erklärt Gerhardt. Er macht keinen Hehl daraus, dass er von der Maschinen-Industrie nichts hält. Die Geräte da, die hält er für künstlich. Er findet, die sind dem Menschen „Krücken“. Man sitze doch eh schon den ganzen Tag, im Büro, im Auto, „da muss ich nicht noch beim Sport auf einer Maschine sitzen“. Ihm gehe es um ein Training, das ohne diese Maschinen funktioniere, zum Ursprung der Idee „Fitness und Training“ zurückgehe und wieder mit und am Menschen arbeite. Gerhardt ist Lehrer für Fitness und Gesundheit, Rehatrainier im Fachbereich Orthopädie, Sport- und Fitnesskaufmann, Crossfit-Trainer. Er hat jahrelang „die andere Seite“, wie er das nennt, erlebt und unter anderem zwei klassische Fitnessstudios geleitet. Irgendwann habe er die Nase voll gehabt von einem Trend, der „den Kern des Trainings schon lange aus den Augen verloren hat“.

Also ein eigener Trend. Mit der Corpus Maximus GmbH hat der gebürtige Bamberger mit seiner Lebensgefährtin Katharina Tonhäuser, einer Lehrerin, vor zwei Jahren den Traum vom Fitness-Domizil nach seinen Vorstellungen in Neu-Isenburg verwirklicht und den Schritt in die Selbständigkeit gemacht. Das Paar übernahm ein Industriegebäude im Gewerbegebiet, in dem einst der Keks- und Knabberfabrikant Bahlsen ein Lager hatte, also quasi das Gegenteil von Körperertüchtigung. Im November 2012 war Eröffnung im Gebäude, das von Draußen kaum als Sportstätte erkennbar ist. Dennoch findet eine wachsende Zahl von Anhängern dieser schönen Schinderei den Weg in die Hermannstraße, um sich der Fitness-Urform mit meist lauter, anpeitschender Musik hinzugeben. Wegen seiner enormen Intensität wird Crossfit in den USA vor allem von Feuerwehrmännern, Polizisten und Soldaten trainiert. Prinzipiell können aber alle mitmachen, die gesund sind; ob jung oder alt, dick oder dünn. Das Training wird dem Leistungsstand angepasst, keiner soll sich übernehmen. Ein 14-jähriger Schüler gehöre ebenso zu seinen Kunden wie Erwachsene aus Frankfurt, Darmstadt, Aschaffenburg, erzählt Gerhardt.

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Was genau auf ihrem Trainingsplan steht, erfahren die Trainingswilligen erst vor Ort. Das jeweilige WOD (Workout of the Day) steht an einer Tafel im Trainingsraum nachzulesen. Es enthält die Aufwärmphase und dann Übungen aus den Bereichen Ausdauer, Turnen und Gewichtheben – im Mix, damit der Körper gleichmäßig belastet wird. „Hopper-Prinzip“, nennt Gerhardt das. „Wie bei einer Lostrommel; man arbeitet ab, was kommt“. Und verwendet dazu auch mal für den Laien kurios anmutende Dinge wie die Bulgarian Bag, eine Art Sandsack. „Hula-Hoop für Männer“ heißt dieses Beutelschwingen bei Gerhardt. Noch eine Besonderheit in seinem Studio: Hunde sind dort gern gesehen – die der Betreiber ebenso wie die der Kunden.

Gelegenheit, sich einen Eindruck von Crossfit Neu-Isenburg zu verschaffen, haben Interessierte am heutigen Samstag beim Tag der offenen Tür. Los geht’s um 10.30 Uhr mit Schnupperkursen und den „Spartan Games“, zudem gibt’s eine Spendenaktion für die Stiftung Bärenherz.

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