Hausarzt und Kardiologe

Pandemiebekämpfer aus Neu-Isenburg lässt an Corona-Politik der Bundesregierung kein gutes Haar

Die Teststrategie in Deutschland ist ein Ablenkungsmanöver von einem großen Staatsversagen – nämlich, dass wir zu wenig Impfstoff haben.
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Die Corona-Teststrategie in Deutschland ist für Pandemiebekämpfer Trepels ein Ablenkungsmanöver von einem großen Staatsversagen – nämlich, dass wir zu wenig Impfstoff haben.

Hausarzt Dr. Thomas Trepels leitet in Neu-Isenburg mit seinem Team fünf Testzentren. Von der Corona-Politik der Bundesregierung ist er enttäuscht.

Neu-Isenburg – Dr. Thomas Trepels ist ein Mann der Tat. Der Hausarzt und Kardiologe aus dem Buchenbusch hat ein großes Vorbild. Tesla-Visionär Elon Musk hat einst gesagt: „They are aiming too low“ – die Ziele der Europäer seien zu niedrig, um vor 2030 auf dem Mars zu landen. Trepels, Vorsitzender des Isenburger Ärztevereins, will nicht auf dem Mars landen, aber er will die Corona-Krise nachhaltig bekämpfen.

„Meine Initialzündung war eigentlich die ,Anne Will‘-Sendung, in der Smudo seine Luca-App präsentierte. Als Kanzleramtschef Helge Braun mal wieder bräsig ausbremste, habe ich gedacht, wenn wir auf die Politik warten, kommen wir nie ans Ziel. Wie müssen selbst die Ärmel hochkrempeln“, erinnert sich der Arzt. Acht Wochen später hat Isenburg fünf Testzentren, die Trepels mit seinem Team organisiert, das sechste steht in den Startlöchern. Neben dem gut frequentierten Drive-In am Waldfriedhof haben die beiden Stadtteile Gravenbruch und Zeppelinheim eigene Testzentren bekommen. „Jetzt startet das sechste Testzentrum auf dem Dach des Parkhauses des Isenburg-Zentrums. Wenn jetzt alle wieder zum Click & Meet einkaufen kommen dürfen, brauchen die Kunden einen negativen Schnelltest. Wo geht das besser als direkt vor Ort?“, freut sich der Mediziner, dass die Kooperation mit dem Management des Einkaufszentrums zustande gekommen ist.

Corona-Pandemiebekämpfer Trepels aus Neu-Isenburg: Testen ist gut, impfen wäre besser

Natürlich ist die Organisation all der zusätzlichen Arbeit zu seinem Praxisbetrieb für Trepels ein Kraftakt. Anfangs haben er, seine Frau und sein Praxisteam die Testzentren organisiert. Die Tests alleine waren gar nicht das Problem, doch die Abrechnung der kostenlosen Bürgertests mit den Krankenkassen ist ein enormer Verwaltungsaufwand. Der Isenburger Arzt hat sogar Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geschrieben, um das zu vereinfachen. „Aber der Bedarf an Tests war immer noch so enorm, dass meine Leute gesagt haben, wenn sie das weiter so machen sollen, müsse ich mir neue Mitarbeiter suchen“, erzählt Trepels lachend. Das wollte er natürlich nicht. Inzwischen sind 40 neu eingestellte Mitarbeiter mit befristeten Verträgen in seinem Team tätig. Sie können Projekte wie „Kita against Covid“ abwickeln, bei dem Kindergartenkinder aus Neu-Isenburg und Dreieich zu freiwilligen Tests mit exklusiven Zeitfenstern kommen können, damit keine Wartezeiten entstehen.

All diese vielen Bürgertests: Für wie sinnvoll hält Dr. Thomas Trepels den Testaufwand aus medizinischer Sicht? „Politisch korrekt eingeschätzt, oder eine realistische Meinung von mir?“, fragt der Mediziner zurück und antwortet dann: „Realistisch halte ich diese Teststrategie, wie wir sie in Deutschland gerade umsetzen, für ein riesengroßes Ablenkungsmanöver von einem großen Staatsversagen – nämlich, dass wir zu wenig Impfstoff haben“, wird Trepels deutlich. Hätte die Bundesregierung zusätzlichen Impfstoff gekauft – selbst zu überteuerten Preisen – wären jetzt schon viel mehr Menschen geschützt. Und günstiger wäre es auch gewesen als diese riesigen Testreihen, ist er überzeugt. Solange der Impfstoff aber knapp ist, sei das Testen wichtig, um möglichst viel Sicherheit zu haben. In den Isenburger Testzentren seien bisher immerhin drei Prozent aller Tests positiv ausgefallen: „Das ist wichtig, dass wir diese drei Prozent erkennen und aus dem Verkehr ziehen können“, so der Arzt.

Pandemiebekämpfer Trepels glaubt, dass Corona-Testzentren bald Geschichte sind

Trepels ist aber optimistisch, dass die Testzentren in drei Monaten Geschichte sind, weil dann endlich genügend Impfstoff da ist. Dabei hofft er, dass die Hausärzte mehr und mehr in den Prozess des Impfens einbezogen werden. Trepels hat viele Ideen, wie der Impfstoff schneller unter die Leute gebracht werden kann. Die kreisweiten Impfzentren hält er dabei für eine nicht ganz so gute Idee: „Impfen funktioniert über die Vertrauensbasis zum Hausarzt so viel besser. Wir können viel mehr Leute erreichen“, betont der Mediziner.

Das „Sahnehäubchen“ all des Engagements von Thomas Trepels ist die Wette, dass Neu-Isenburg die erste coronafreie Stadt Deutschlands sein wird. „Die Aktion ist mit einem Augenzwinkern zu sehen“, erklärt der Mediziner. Aber die Wette, ob das gelingt oder eben nicht, hat einen schönen Charity-Effekt. Die Menschen können auf der Internetseite isenburg-wird-coronafrei.de mit einer Fünf-Euro-Spende und einer guten Tat, wie beispielsweise dem Nachbarn den Bürgersteig zu kehren, darauf setzen, ob es gelingt, Isenburg schnell von dem Virus zu befreien. Von den Spenden profitieren Isenburger Institutionen wie die Speisekammer von St. Josef. (Nicole Jost)

Im Kampf gegen das Corona-Virus setzt die Stadt Neu-Isenburg in den Kitas außerdem auf CO2-Ampeln. Diese zeigen an, wann es Zeit zum Lüften ist.

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