Urteilsverkündung in Abwesenheit

Drogenhändler muss für vier Jahre hinter Gitter

Neu-Isenburg - Im Fall des Drogenhändlers E. ist das Urteil gefallen. Er soll für vier Jahr hinter Gitter. Allerdings erschien der Angeklagte nicht zur Urteilsverkündung. Von Stefan Mangold

Staatsanwalt Thorsten Haas hatte vor der 22. Strafkammer des Landgerichts Frankfurt für den Neu-Isenburger sechs Jahre und elf Monate wegen bewaffneten Drogenhandels gefordert. Wegen Fluchtgefahr hatte der Ankläger den sofortigen Vollzug des ausgesetzten Haftbefehls gefordert. Vergeblich: Zur Urteilsverkündung tauchte der Angeklagte nicht auf. In Abwesenheit verurteilte ihn das Gericht zu der Strafe. Rechtsanwalt Oliver Wallasch bekam von der Gattin des 40-Jährigen die Kunde, ihr Mann werde nicht erscheinen. Beim Vorsitzenden Richters Dr. Jörn Immerschmitt sackt die Laune, als ihm Wallasch vom Fehlen seines Mandanten berichtet. Der Anwalt wirkt ebenfalls nicht amüsiert, hatte er doch den Antrag des Staatsanwalts mit dem Hinweis auf Frau und Kind sowie bisherige Verlässlichkeit zurückgewiesen.

Bevor Immerschmitt das Urteil verkündet, erzählt er vom Gespräch mit der Frau des Angeklagten. Diese habe erklärt, wenn es auf die vom Verteidiger anvisierten drei Jahre Haft hinausliefe, stelle ihr Mann sich. Die vom Staatsanwalt geforderten knapp sieben Jahre wären zu viel. Der Vorsitzende verkündet schließlich vier Jahre wegen bewaffneten Handels mit Betäubungsmitteln.

Wie berichtet, war der 40-Jährige am 26. April 2017 in Frankfurt-Höchst bei einer Polizeikontrolle mit 3,1 Kilo Amphetamin erwischt worden, im Seitenfach befand sich Pfefferspray. Nach Aussagen des Mannes habe es sich um eine Kurierfahrt gehandelt. Der zweite der drei Prozesstage hatte für den Angeklagten ungünstig begonnen. Staatsanwalt Haas hatte dem Gericht da seinen neuen Erkenntnisstand zukommen lassen. Die Gattin des Angeklagten habe sich zwar einmal zur Führerscheinprüfung angemeldet, diese aber nie absolviert. Für den Fall ist das wichtig. Denn dem Staatsanwalt war es am ersten Verhandlungstag spanisch vorgekommen, dass der Angeklagte davon sprach, seine Frau oft zur Arbeit zu fahren. Das passte nicht zu dessen Behauptung, auch sie benutze das Auto. Deshalb habe im Fach an der Fahrertüre ein Pfefferspray gelegen, das zu ihrer Ausstattung im Sicherheitsdienst gehöre.

An dieser Aussage hing einiges: eventuell mindestens fünf Jahre Haft für bewaffneten Handel von Betäubungsmitteln oder weniger. Rechtsanwalt Wallasch gab zu bedenken, es könne sein, dass die Ehefrau auch mal ohne gültige Fahrerlaubnis gefahren ist, „rein theoretisch“. E. steckte in einem Dilemma, von einer Straftat der Frau zu erzählen oder verurteilt zu werden. Staatsanwalt Haas betonte: „Ich würde ein Verfahren gegen ihre Frau eröffnen.“ Dennoch sagte der Angeklagte, „manchmal fährt auch meine Frau“. Vom Pfefferspray im Auto habe E. nichts gewusst.

„Glaubwürdig“, fand Rechtsanwalt Wallasch, der auf drei Jahre Haft plädierte; „gelogen“, wertete Staatsanwalt Haas, der auch wegen der Vorstrafen auf die sechs Jahre und elf Monate ging. In seiner Urteilsbegründung erklärt Immerschmitt, E. habe viel von der Liebe zu Frau und Kind erzählt, „und jetzt versetzt er sich mit seiner Flucht einen K.o-Schlag“. Der Richter bescheinigt dem Isenburger, der wegen schweren Raub samt Freiheitsberaubung schon einmal ein Urteil von fast sieben Jahren Haft bekommen hatte, nichts daraus gelernt zu haben. Das Argument des Angeklagten, über zu wenig Geld zu verfügen, lässt Immerschmitt nicht gelten, „von 3000 Euro kann man leben, erst recht, wenn man im Haus der Schwiegereltern wohnt“. Der Richter erwähnt den Hang des Angeklagten, mit schicken Autos und Uhren zu protzen.

Sorgen macht sich der Richter um den Sohn, denn sein Vater sei alles andere als ein Vorbild. Nach dem Verurteilten wird nun gefahndet.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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