Traditionsverein

Eine Ära geht zu Ende: Reiterverein Gravenbruch wird aufgelöst

Das Musikreiten in der Gravenbrucher Halle hat eine lange Tradition. Sonntags trafen sich die Pferdesportler, um gemeinsam zur Musik eine Quadrille zu reiten. Das lockte auch viele Zuschauer auf die große Tribüne des Reitervereins.
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Das Musikreiten in der Gravenbrucher Halle hat eine lange Tradition. Sonntags trafen sich die Pferdesportler, um gemeinsam zur Musik eine Quadrille zu reiten. Das lockte auch viele Zuschauer auf die große Tribüne des Reitervereins.

Seinen 60. Geburtstag im kommenden Jahr wird der Reiterverein Gravenbruch nicht mehr feiern können: Der Traditionsverein löst sich auf. Die Vorsitzende blickt trotzdem zurück auf wundervolle Jahre.

Gravenbruch – Seit 1957 galoppieren Pferde über den großzügigen Springplatz der Reitanlage direkt an der Kreuzung der Landesstraße 3317 und der Bundesstraße 459 in Gravenbruch. Hier, am Rande des Frankfurter Stadtwaldes, neben dem Autokino und gegenüber des Kempinski-Hotels, starteten Hunderte von Reiterkarrieren. Olympionike Josef Neckermann ritt für den Verein und auch Landrat Oliver Quilling stieg hier in den Sattel. Die Reitschule existierte schon fünf Jahre, als der Betrieb im Winter 1961/1962 in Gefahr geriet. Die Reitschule von Rauchhaupt und Co. drohte zu schließen, weil die Geschäfte mit den Reitschülern nicht mehr wirtschaftlich waren.

Eine Unterschriftensammlung und viel Engagement führten im Februar 1962 zur Gründung des Reitervereins Gravenbruch. Gründungsmitglieder waren damals Hans Götz, Dr. H. H. Schrader und Reitlehrer und Leiter der Reitschule blieb wie zuvor Freiherr von Scheele.

Den 60. Geburtstag des Reitervereins im kommenden Jahr werden die zuletzt rund 200 Mitglieder nicht mehr feiern: „Wir sind im Auflösungsprozess, leider hat es mit der Liquidation nicht geklappt und wir stecken jetzt in einem Insolvenzverfahren“, erklärt Ingeborg Trimpert, jahrelange Vorsitzende der Gravenbrucher Reiter. Während insgesamt neun Reitlehrer die Reitanlage gewissenhaft und sehr erfolgreich führten, gab es mit dem letzten Berufsreiter Probleme, was letztlich zu einer finanziellen Schieflage des Vereins führte. „Wir warten noch auf Geld für die Miete der Anlage und auch die Schul- und Privatpferde hat zuletzt der Verein ernährt“, erläutert Ingeborg Trimpert die Gründe.

Zunächst hatte der Vorstand noch erwogen, einen Neustart zu wagen und neue Schulpferde anzuschaffen. Das hätte ein großes finanzielle Risiko bedeutet – besonders im vergangenen Jahr, als wegen der Pandemie kaum Reitunterricht möglich war. Als die Erben der letzten Eigentümer den Verkauf des Areals in private Hände beschlossen, war auch das Schicksal des Reitervereins endgültig besiegelt: „Natürlich tut mir das persönlich unglaublich weh, dass es so enden muss“, sagt Ingeborg Trimpert, die selbst seit 1966 mit einer kleinen Unterbrechung wegen der Geburt ihrer Kinder in Gravenbruch im Sattel aktiv war, „aber jetzt bin ich doch erleichtert, denn die Investition in neue Pferde bei einer so unsicheren Zukunft wäre eine finanzielle Katastrophe für den Verein gewesen“.

Jetzt bleibt den Reitern der Blick zurück auf wundervolle Jahre mit den vierbeinigen Athleten. Denn in den sechs vergangenen Jahrzehnten haben die aktiven Vereinsmitglieder in Gravenbruch viele Traditionen geschaffen. Die Reiter hatten Freude beim sonntäglichen Musikreiten in der Halle, unter Reitlehrer Hans-Hermann Mathey gab es Mitte der 1970er Jahre Mehrtagesritte bis in den Odenwald und den Spessart. „Ich kann mich noch gut erinnern, wie uns Herr Freund aus Neu-Isenburg mit seinem LKW die Pferde nach Aschaffenburg brachte und wir von dort in den Spessart ritten“, hat Ingeborg Trimpert mit den Vereinskameraden schöne Stunden erlebt.

Jagden mit Hunden und Bläsern hatten in Gravenbruch ebenfalls eine große Tradition. Natürlich wurden schon damals keine echten Füchse mehr verfolgt.

Reiter aus ganz Hessen haben die zahlreichen Turniere besucht, die Victor von Glasenapp federführend über viele Jahre organisierte. Schon in den 1980er Jahren gab es auf dem Außenplatz Vielseitigkeitsprüfungen.

Trimperts Tochter Karin war im Sport über die festen Hindernisse Vize-Hessenmeisterin und für den RV Gravenbruch bei Deutschen Meisterschaften am Start.

Unter der Leitung von Albrecht Schmidt, der ab dem Jahr 2000 insgesamt 18 Jahre lang und damit die längste Zeit aller Reitlehrer Chef in Gravenbruch war, entwickelte sich der Platz zum Treffpunkt in der süddeutschen Vielseitigkeitsszene und eine wichtige Trainingsmöglichkeit für den anspruchsvollen Pferdesport, der die Sparten Springen, Dressur und das Geländereiten verbindet.

Am meisten bedauert es Ingeborg Trimpert, dass es jetzt für die vielen Kinder und Jugendlichen, die den größten Teil der Mitglieder ausmachten, in Gravenbruch zunächst einmal keine Möglichkeiten gibt, über das Voltigieren oder den regelmäßigen Reitunterricht in den Pferdesport einzusteigen.

„Ich habe die neue Eigentümerin der Reitanlage schon kennengelernt. Hoffentlich wird es eines Tages dort wieder eine Reitschule geben“, ist die 83 Jahre alte Trimpert zuversichtlich, dass es auch ohne den Reiterverein Gravenbruch eine Zukunft für die Jüngsten im Sattel geben kann. (Nicole Jost)

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